Mit der Bahn in den Tod

Von Bernd Sobolla · 06.11.2006
Im April 1943 wollen die Nazis Berlin endgültig "judenfrei" sehen. Auf dem Bahnhof Grunewald werden Menschen jeden Alters zusammengetrieben, ein letzter Deportationszug soll nach Auschwitz rollen. Der Film "Der letzte Zug" schildert das Schicksal der in Viehwaggons Eingeschlossenen sowie einen fiktiven Ausbruchsversuch.
Filmszene:
"Minister Goebbels und Minister Speer möchten unserem Führer ein besonderes Geschenk machen - ein judenreines Berlin. Fast 70.000 Juden sind bereits abtransportiert. Es geht also um die letzten, die noch da sind. Die sollen endlich auch verschwinden."
"Dann fangen wir noch heute Nacht damit an."
"Je schneller desto besser."

Im April 1943 rollt der letzte Deportationszug aus Berlin nach Auschwitz: ein Zug mit 688 Juden. Kinder und Greise, Arbeiter und Akademiker, Künstler und ein ehemaliger Boxer, gespielt von Gedeon Burkhard, werden im Bahnhof Grunewald zusammengetrieben und in Viehwagons verladen. Wer sich weigert einzusteigen, wird noch auf dem Bahnhof erschossen. Und doch regt sich ein Hauch von Widerstand.

Filmszene:
"Henry Neumann?"
"Ja!"
"Herbert Rosen. Ich war bei dem Boxkampf, als sie Lehmann k.o. geschlagen haben. Wie lange ist das her? Zehn Jahre?"
"Das war in einem anderen Leben."
"Ich habe eine Axt und ein Sägeblatt in meinem Koffer. Ich will einfach sicher gehen, dass es Männer gibt, die mir helfen."
"Ich bin dabei."
"Bitte haben sie noch etwas Geduld."

Sechs Tage dauert die Reise in den Tod. Ein Kampf gegen Hitze, Durst und Hunger beginnt. All dies stellt der Film sehr drastisch dar und dennoch relativ zurückhaltend. Wer Zeitzeugenberichte kennt, weiß dass die Misshandlungen noch gewalttätiger waren, dass aber auch der Überlebenskampf unter den Deportierten im Zug gnadenloser geführt wurde. Hier zeigen die Regisseure Dana Vávrova und Joseph Vilsmaier viel Gespür für das, was gezeigt werden muss und das, was gezeigt werden kann.

Auch verfallen sie keineswegs in Schwarz-Weiß-Schemata. So werden auch Deutsche gezeigt, die gegen den Willen der Wachmannschaft den Menschen im Zug Wasser geben. Das kleine Fluchtloch allerdings ist eine fiktive Geschichte.

Filmszene:
"Die Kinder passen durch. Wir müssen es versuchen, sobald der Zug anhält. Wer möchte versuchen, durch das Loch zu schlüpfen? Kinder und zierliche Frauen passen durch."

"Der letzte Zug" ist ein spannendes Werk, aber es konzentriert sich ausschließlich auf die Darstellung der Ereignisse. Diese jedoch sind wahrscheinlich nur wenigen, eher jungen Zuschauern unbekannt. Was die Täter antreibt, wie sämtliche zivilisatorischen Standards außer Kraft gesetzt wurden, wird nicht thematisiert. Somit bietet der Film auch kaum Erkenntnismöglichkeit. Immerhin überzeugen besonders Lale Yavas als Mutter, deren Kind im Zug stirbt. Und Sibel Kekilli, die um ihre Freiheit kämpft wie einst in "Gegen die Wand"

Sibel Kekilli: "Also eine Jüdin zu spielen und dann auch noch als Türkin. ... Aber nicht nur das spielt eine Rolle. ..: Hat das Buch oder mein Charakter was zu sagen? Das spielt für mich eine große Rolle."

Und für Artur Brauner spielt wohl die größte Rolle, dass "Der letzte Zug" konsequent seine Lebensmaxime unterstreicht.

"Ich habe mir geschworen, dass ich, so lange ich lebe, versuchen würde, unschuldige Opfer im Film darzustellen, das heißt sie nicht vergessen zu lassen."