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Religionen / Archiv | Beitrag vom 21.01.2012

Mit dem Spaten statt mit Waffen

Ehemalige NVA-Bausoldaten und ein Seelsorger erinnern sich

Von Dorlies Landwehr

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Spaten - das Erkennungszeichen der Bausoldaten (picture alliance / dpa - Uwe Zucchi)
Spaten - das Erkennungszeichen der Bausoldaten (picture alliance / dpa - Uwe Zucchi)

Vor 50 Jahren, am 24. Januar 1962, trat in der DDR das Gesetz zur allgemeinen Wehrpflicht in Kraft. Wer den Dienst verweigerte, kam ab 1964 zu den "Bausoldaten". Diese waren zwar Angehörige der Nationalen Volksarmee, aber dennoch schlecht angesehen.

Die "Spatensoldaten" galten als kriminell und arbeitsscheu und wurden während ihres 18-monatigen Dienstes zu niedrigen körperlichen Arbeiten herangezogen. Auch der Pfarrer und Politiker Rainer Eppelmann, in der Übergangsregierung nach 1989 ausgerechnet Verteidigungsminister der DDR, zählte zu den Bausoldaten – wegen Verweigerung des Gelöbnisses wurde er zudem zu acht Monaten Haft verurteilt. Die letzten der Bausoldaten wurden im Herbst 1989 eingezogen. von 1964 bis 1990 leisteten ca. 15.000 junge Männer den Dienst ohne Waffe.

"Was schwierig war: zu sehen, dass die Leute gebrochen worden sind in kurzer Zeit."

"Man hat sehr deutlich gespürt, dass man keinen Grundwehrdienst macht oder keine Offizierslaufbahn, sondern dass man einfach Bausoldat ist. D.h., man war eine andere Klasse Mensch und ist auch als solches anders behandelt worden."

"Das Wichtigste war, dass sie einen Freiraum außerhalb der Kaserne brauchten, einfach zivil wieder, ob es die Klamotten waren oder die Umgebung."

Ulf Gladis, Wolfram Lux und Martin Beer, ihr Pfarrer, über ihre Zeit vor 20 Jahren als Bausoldaten. Der Musiktherapeut Gladis war von 1987 bis 88 in der Luftverteidigungsdivision Trollenhagen bei Neubrandenburg eingesetzt. Mit diesem Lied erinnert er sich an seine Arbeit:

"Wenn mich dort im Stabskellerreinigungstrakt, die Speiseresteentfernungslust und das Stapelfieber packt, und ich merke, dass mich permanent der Spülfrust übermannt, hab ich schon die Toilettenbürste und die Teller in der Hand - ein Tellerwäscher sein ist das größte überhaupt..."

20 Jahre war Ulf Gladis damals alt, als er aus religiösen Gründen den Dienst an der Waffe verweigerte und Bausoldat wurde. Von den vorgesetzten Unteroffizieren missachtet, dem soldatischen Drill unterworfen, fand er sich unter Kameraden, die wie er hilflos waren. Kurz vor der Entlassung riss bei dem angehenden Diakon der Geduldsfaden:

"Und da habe ich dann entschieden, ohne vorher mit irgendjemand darüber zu sprechen, dass ich in der Nationalen Volksarmee nicht länger Dienst tun kann, dass es richtig sein müste, den zu verweigern. Und hab das so aufgeschrieben und so erklärt."

Totalverweigerung, das hatte unausweichlich den Knast zur Folge in berüchtigten Militärgefängnissen. Auch Ulf Gladis kam sofort in die Arrestzelle. Nach drei Tagen völliger Isolation wurde doch jemand zu ihm vorgelassen: der Ortspfarrer, auch zuständig für das Militär und die Bausoldaten, blieb so lange vor dem Objekt stehen, bis er eine Sprecherlaubnis bekam. Danach nahm der junge Mann alles wieder zurück, was ohne Konsequenzen blieb. So kam er fast unbeschadet davon, im Gegensatz zu anderen Bausoldaten:

"Was schwierig war zu sehen, dass da Leute gebrochen worden sind in ganz kurzer Zeit – wo du gedacht hast, das geht nicht, der kann das nicht, der wird immer wieder was vergessen, verwechseln, und dass die da eben Mittel und Methoden haben, dass es ganz schnell geht, dass die richtig gebrochen werden, die Menschen."

Rockgruppe Renft aus der DDR der 70er Jahre, 2. Vers des Liedes "Glaubensfragen":

"Du, woran glaubt der, der nicht anlegt, der als Fahne vor sich her einen Spaten trägt?"

"Man hat sehr deutlich gespürt, dass man keinen Grundwehrdienst macht oder keine Offizierslaufbahn, sondern dass man einfach Bausoldat ist. D. h., man war eine andere Klasse Mensch und ist auch als solches anders behandelt worden. Man hat’s sicherlich nicht aufs Wort gebracht, aber wenn man jetzt den Ausdruck einfach mal als Staatsfeind nimmt, ist das so in der Art fast gewesen."

Als Pfarrerssohn hatte Wolfram Lux sich schon lange von den jungen Pionieren und der FDJ, der freien deutschen Jugend, distanziert. Der jetzige Gartenbauingenieur hatte auch auf das Studium verzichtet, um nicht den Dienst an der Waffe zu leisten. So wurde er 1985 im Alter von 20 Jahren als Bausoldat eingezogen. Als Thüringer kam er auf die Insel Rügen – die Soldaten sollten möglichst weit weg vom Elternhaus sein – in den berühmt berüchtigten "Koloss von Prora". Vier Kilometer Beton hinter Stacheldraht, von den Nationalsozialisten als Ferienanlage der Organisation "Kraft durch Freude" gebaut, wurde sie jetzt von der NVA genutzt. Ein Alptraum für die jungen Männer, wie sie zusammengepfercht auf engsten Raum den Druck der Umgebung und die harte körperliche Arbeit aushalten mussten:

"Man wusste, dass die Staatssicherheit in der Kaserne war und auch unter den Kollegen war, also unter den Bausoldaten selbst. Und von daher gesehen, hatte man natürlich diesen Druck zu bestehen. Das war für mich das Schlimmste, zu wissen, ich kann abends beim Abendbrot oder abends vor dem Zubettgehen im Zimmer nicht mit jedem offen reden."

"Das Wichtigste war, dass sie einen Freiraum außerhalb der Kaserne brauchten, einfach zivil wieder – ob es die Klamotten waren oder die Umgebung. Und ich denke, wir hatten so den gleichen Draht bis hin zum Pazifismus oder ähnliche Dinge, und natürlich auch die politischen Einstellungen, aber die waren zweitrangig, das Wichtigste war doch das Religiöse, die Gottesdienste, Musik."

Martin Beer, von 1976 bis 1989 Pfarrer in Bobbin auf Rügen, hat intensiv miterlebt, welchem Druck die Bausoldaten in Prora ausgeliefert waren. Luft holen konnten die jungen Männer vor allem nur in den Pfarrgemeinden, dort abschalten und wieder ziviler Mensch sein. Das Pfarrhaus in Binz war so ein Mittelpunkt, aber auch die Außenstelle Bobbin war eine beliebte Adresse, wo sich auch die Verheirateten mit ihrer Frau treffen konnten:

"Die 19jährigen Unverheirateten, die haben oft Dinge getan, die sie hätten lieber lassen sollen, weil die älteren, die Familie hatten, konnten deswegen oft nicht nach Hause."

"Der kleine Racheakt war natürlich dann schon, dass der Urlaubsschein auf dem Exerzierplatz zwei Minuten vor Abreise zerrissen wurde, dass die Kontrollen vermehrt wurden, ob nun im Spind, oder die Kontrolle, dass das Bett gut gemacht war, oder die Stiefel sauber waren, oder dass wir zusätzliche Arbeitsdienste hatten, zusätzlich zum 12-Stunden-Dienst, da gab’s schon Möglichkeiten, das Leben einem schwer zu machen."

Rockgruppe Renft mit dem letzten Lied-Vers:

"Du, woran glaubt der, der in n Kahn geht, und den Hintern quer zu der Fahne dreht?"

Trotz der Jahre, die seither vergangen sind, kann Wolfram Lux seine Zeit als Bausoldat nicht ganz vergessen und verschmerzen. Als er nach Jahren zum ersten Mal wieder nach Prora kam, überfiel ihn ein Zittern, trotz der Veränderungen nach der Wende. So ist er froh, nicht zu oft an seine Zeit als "Spatensoldat" und Mithelfer beim Bau der Hafenanlage Mukran erinnert zu werden:

"Mit Sicherheit hat das schon sehr, sehr nachgewirkt. Ich denke mal, das ist sehr unterschiedlich – hinterher hat man noch Kontakt gehabt zu dem einen oder anderen Bausoldaten, die mir nach ein, zwei Jahren schon berichtet haben, dass sie dort wieder waren, und dass sie auf der Insel Rügen Urlaub gemacht haben, was ich nicht verstehen konnte, weil es mir schwer gefallen ist."

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