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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.10.2007

Mit dem Rollstuhl in die Freiheit

Hermann Schulz: "Der silberne Jaguar". Carlsen Verlag 2007. 181 Seiten

Bartolomeyevka, 330 km südöstlich von Minsk. Trotz hoher Strahlenbelastung kehren werden Orte wie dieser wieder bewohnt. (AP)
Bartolomeyevka, 330 km südöstlich von Minsk. Trotz hoher Strahlenbelastung kehren werden Orte wie dieser wieder bewohnt. (AP)

Bislang spielten die meisten Bücher des Jugendbuchautors Hermann Schulz in Afrika. Doch sein neuer Roman "Der silberne Jaguar" führt nach Weißrussland. Sein Held Rufus erfährt dort durch eine Behinderte, welche Schäden die Katastrophe von Tschernobyl bei den Menschen angerichtet hat und entdeckt die Liebe.

Eine Reise nach Belarus - das klingt für Rufus nicht gerade viel versprechend. Er soll seine Tante dorthin begleiten und einer weißrussischen Frau einen Rollstuhl bringen. Was so einfach beginnt, entwickelt sich zu einer verwirrenden Mischung aus Krimi und Reiseroman, Entwicklungs- und Liebesgeschichte. Der Rollstuhl wird mehrmals gestohlen, Rufus entdeckt in der Stadt Svetlagorsk eine faszinierende, fremde Welt, verliebt sich in Jana und wird im Lauf dieser Reise ein Stück erwachsen.

Rufus' Rollstuhl, von seinen weißrussischen Freunden "der silberne Jaguar" genannt, ist weitaus mehr als nur ein Hilfsmittel für eine behinderte junge Frau. Er steht - Svetlagorsk ist nicht weit von Tschernobyl entfernt - für die fürchterlichen Langzeitschäden, die der Rektorunfall angerichtet hat, aber auch für deren Überwindung. Er steht für körperliche Schwäche und seelische Stärke.

Denn noch ein zweiter Rollstuhlfahrer spielt eine wichtige Rolle in dieser Geschichte: Leonid, Janas verstorbener Freund. Leonid, der nicht nur in wilden Rollstuhl-Rennen seinen Bewegungsdrang ausgelebt, sondern auch mit politischen Petitionen Mut bewiesen hatte. Er wird zum Vorbild in Sachen Hoffnung auf ein Leben in Freiheit.

Hermann Schulz hat mit Krankheit, Tod und Liebe gleich mehrere dramatische Motive gebündelt. Einige Passagen sind etwas pathetisch geraten, während andere Szenen konstruiert und bemüht wirken. Auch sprachlich wirkt der sonst so solide schreibende Autor manchmal etwas betulich. Doch das stört die erwachsenen Leser wahrscheinlich mehr als die jugendlichen und mag damit zusammenhängen, dass Schulz ein ausdrückliches Anliegen hat: auf die Opfer der Tschernobyl-Katastrophe und ihre Helfer in Westeuropa aufmerksam zu machen.

Und hier, in der Zeichnung der für Rufus fremden Stadt und ihrer Menschen, liegt Hermann Schulz' unbedingte Stärke. Ganz nah kommen dem Leser die jungen Studenten um Jana herum in ihrem Schwanken zwischen Nationalstolz und Freiheitsdrang, Zorn und Trauer, Aufbruch und Alkohol. Eindrucksvoll erzählt das Buch auch von den starken Frauen, von ihrer Armut, ihren Belastungen mit vielen Kindern und Arbeit, von ihren Kranken, die "von der schwarzen Frau geküsst" wurden und ihren Toten.

Auch die aktuelle politische Atmosphäre ist gut getroffen. Wie sich in Belarus Wut und Melancholie über Armut, Korruption, Misswirtschaft und den verlogenen Umgang mit der Reaktorkatastrophe mischen, wie sich Menschen wegen der Bespitzelung verkriechen, andere sich aber wehren oder die Situation mit Humor nehmen - das ist spannend und mitreißend erzählt.

Hat "Der silberne Jaguar" auch Schwächen, so berührt doch seine intensive Schilderung der Verhältnisse in einem Land, das seinen eigenen, schwierigen Weg in Richtung Demokratie geht. Als Verfechter einer politisch wachen und engagierten Jugendliteratur erzählte Hermann Schulz schon immer an den gängigen In-Themen vorbei. Damit hat er sich in den vergangenen Jahren einen hervorragenden Ruf und eine ganz eigene Fan-Gemeinde erschrieben. Zu Recht!

Rezensiert von Sylvia Schwab

Hermann Schulz: Der silberne Jaguar
Carlsen Verlag 2007
181 Seiten, 14,90 Euro

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