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Interview / Archiv | Beitrag vom 30.10.2013

Mit Blick fürs Defizit

Gutes Produktdesign berücksichtigt die Vielfalt der Menschen

Matthias Knigge im Gespräch mit Gabi Wuttke

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Telefone für Senioren sollten nicht stigmatisieren.  (AP)
Telefone für Senioren sollten nicht stigmatisieren. (AP)

Rutschige Griffe, zu hohe Kanten. Es sind nur Kleinigkeiten, aber sie nerven. Wer jedoch von Anfang an die Nutzer im Blick hat, gewinnt langfristig mehr Kunden, sagt der Designer Matthias Knigge. Er hilft Unternehmen dabei auf nutzerfreundliches Design zu achten.

Gabi Wuttke: Schön und praktisch, dafür steht Design. Aber ein Messbecher mit einem Griff wie für winzige Kinderhände, eine Salatschüssel, für die der feste Griff von zwei Händen benötigt wird, das ist nichts für jeden. Schön und praktisch ist was anderes, meint auch Matthias Knigge. Er hat erst Maschinenbau studiert, dann Industriedesign, jetzt ist er der Geschäftsführer von "Grauwert", einer Firma, die bei der Entwicklung von Produkten für alle berät. Einen schönen guten Morgen, Herr Knigge.

Matthias Knigge: Guten Morgen, ich grüße Sie.

Wuttke: Eine Salatschüssel, die mit einer Hand bedient werden kann, ein Messbecher, der einen langen rutschfesten Griff hat, eine Dusche ohne Schwelle - wieso ist das für Sie wirklich gutes Design?

"Gutes Design spricht eine große Nutzergruppe an."

Knigge: Gutes Design insofern, weil es für eine viel größere Nutzergruppe nutzbar ist, als es bisher der Fall gewesen wäre. Wir haben in der Produktentwicklung immer wieder die Situation, dass wir bestimmte Menschen eigentlich schon im Entwicklungsprozess ausschließen, weil sie etwas nicht nutzen können und dieses Thema wird für uns natürlich immer interessanter, wenn wir uns den demographischen Wandel angucken und erleben, dass die bisher vernachlässigte Gruppe derer, die vielleicht Probleme mit Produkten haben, immer größer wird und damit auch für die Industrie interessant.

Wuttke: Das heißt, diese Dusche ohne Schwelle ist eine Erfolgsgeschichte bei der Produktion, dass unsereiner ja gar nicht mehr mitkriegt, vor welchem Hintergrund das eigentlich entwickelt wurde?

Knigge: Ja, der Gedanke dahinter - und das macht eigentlich genau diese Lösung so beispielhaft - ist natürlich, dass ich schwellenlos meine Dusche betreten kann, das ist im Extremfall der Rollstuhl, aber es hat vielleicht ja auch was mit einfach den Fuß nicht ganz so hoch anheben können zu tun, und dass wir es da geschafft haben, kein Spezialprodukt für eine spezielle Gruppe zu entwickeln, sondern dass man da ganz klar sagen kann, das hat sich so durchgesetzt, wie - und das Stichwort ist dort immer "Design für alle" - auf die Vielfalt der Menschen eingegangen werden kann und diese Dusche auf einmal als etwas Attraktives für die einen, als eine Art Wellnes-Situation in den eigenen vier Wänden empfunden wird von gleichzeitig anderen Menschen, und das merkt man inzwischen an den Zahlen. Wir sind sehr viel beratend auch im Handwerk tätig. Wenn renoviert wird, mit 55, 60 das Bad noch mal neu gemacht wird, dann ist es auf einmal die bodengleiche Dusche und ähnliche Produkte, die unterstützend, vorbereitend ein Bad dann auf Alter zum Beispiel ausrichten können, ohne dass man jetzt sofort sieht, das ist ein Bad für Menschen, die etwas nicht mehr können, weil das wollen wir nicht. Alle wollen alt werden, aber keiner will alt sein oder so nach außen kommunizieren, dass es Probleme gibt.

Wuttke: Ist es eigentlich - Sie sind ja da der Fachmann - einfacher oder schwieriger, sich als Designer ein Produkt für alle Lebenslagen auszudenken?

Knigge: Ich sehe den Entwicklungsprozess natürlich nicht allein in der Hand des Designers. Was wir merken ist, wenn wir diesen Input erst mal liefern - und das ist eigentlich vom kleinen KMU bis hin zum großen Industrieunternehmen und in Sensibilisierungs-Workshops - zum Beispiel mit Simulationsanzügen, mit Brillen einfach mal dieses Erlebnis reinbringen und Menschen darauf bringen, dass man etwas mit beachten kann, dann ist schon mal ein Stein in Bewegung gebracht, und wenn es dann von Seiten der Geschäftsführung auch weiter unterstützt wird, dass man Dinge verändern kann, und häufig hören wir als Feedback, das ist wie ein Erweckungserlebnis und dann schaffen die das auch. Sie brauchen immer mal wieder fachlichen Input von der Seite, Hintergrundwissen, Dinge, die ich einfach aus meiner Fachkompetenz vielleicht mitbringe, schon mal erlebt habe, aber es ist nicht unbedingt schwieriger, es ist auch nicht aufwendiger. Es haben auch schon Studien belegt, dass man nicht sehr viel mehr Arbeit reinsteckt bei der Entwicklung, hingegen das, was man rausholt nachher, ist wesentlich größer, weil man natürlich ein Benefit hat, dass Menschen mit dem Produkt besser umgehen können, es gibt weniger Rückläufe, Fehlbedienungen und Ähnliches, so dass sich das eigentlich lohnt und eine Investition in die Zukunft ist, und einige der Unternehmen sagen auch, das ist für sie ein Differenzierungsmerkmal, um als Markenkern Nutzerfreundlichkeit, Nutzerorientierung besser bespielen zu können.

Wuttke: Vielleicht sagen Sie uns mal, welche Firmen es sind. Mit welchen Branchen arbeiten Sie zusammen?

"Der demographische Wandel betrifft alle Branchen."

Knigge: Die Branchen gehen eigentlich einmal querfeldein, vom Schnurlostelefon, eigentlich in Deutschland immer unterwegs, Schnurlostelefone, Datengeräte. Wir haben aber auch ganz viel im Handwerk zu tun, wo sich Unternehmen einfach darauf einstellen. Wir hatten für den Handel zum Beispiel einen kompletten Einkauf von Kaufhof Galeria geschult, auf welche Produkte achte ich, die besser funktionieren, die genau diese Mehrwerte mitbringen. Das betrifft eigentlich, wenn man es sich ganz genau auf der Zunge zergehen lässt, demographischer Wandel, natürlich alle Branchen, weil erklärtes Ziel dieser Generation ist ja, möglichst selbständig zuhause wohnen zu bleiben. Das heißt, jedes Produkt, jede unterstützende Maßnahme, die das bewerkstelligen kann und dabei hilfreich ist, ist interessant und könnte auf dem Prüfstand stehen, um zu gucken, was kann man hier besser machen.

Wuttke: Wichtig ist es ja aber auch, um diese universellen Produkte auch auf einen breiten Markt zu geben, dass das Schöne für den, der es nicht unbedingt braucht, betont wird. Kann universelles Design das in jedem Fall leisten?

Knigge: Das hängt ganz stark vom Designer ab, und in den größeren Projekten ist es ja immer so, dass ich gar nicht allein fürs Design verantwortlich bin, sondern die Designer, die das professionell und seit Jahren mit dem Unternehmen auch schon gemeinsam machen, unterstütze, dort den richtigen Weg zu finden. Wir werden auch nicht nur durch ein Design, weil etwas eine bestimmte Farbe hat oder einen bestimmten Radius, diesen Blick vom Defizit nehmen, dass etwas nur für einen Menschen gemacht ist, der etwas nicht kann. Klassisch zum Beispiel, wenn Sie sich die ersten Versionen eines Seniorentelefons angucken. Da war sofort ersichtlich, wofür das ganze ist. Das wurde weder von denen, für die es gedacht war, noch von anderen, die davon hätten profitieren können, gewünscht. Wir müssen viel weiter denken, und zwar geht es um Mehrwerte: wie können wir im Produkt Dinge, Aspekte mit integrieren, etablieren, wo man vielleicht auch schon in jüngeren Jahren oder aus anderen Lebenssituationen - ich würde Alter auch niemals über einen Kamm scheren und sagen, das sind die Menschen ab 65 oder Ähnliches -, dass verschiedenste Menschen in verschiedensten Lebenssituationen sagen, das Produkt ist für mich interessant. Weil es ist ja eigentlich nicht wichtig, ob ich ein Display zum Beispiel gut ablesen kann, weil ich in der Dämmerung vor der Haustür stehe, weil ich nicht mehr so gut gucken kann, weil ich vielleicht aus einem anderen Land komme, mich mit der Navigation nicht so richtig auskenne. Das können wir ja eigentlich offen lassen und dann schaffen wir breite Mehrwerte, die für größere Gruppen auch interessant sind, und so funktionieren dann Produkte sehr gut.

Wuttke: Design für alle, erklärt von Matthias Knigge, Chef der Firma "Grauwert". Ich danke Ihnen sehr.

Knigge: Ich bedanke mich auch bei Ihnen. Einen schönen Tag!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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