Seit 14:30 Uhr Kulturnachrichten
Mittwoch, 12.05.2021
 
Seit 14:30 Uhr Kulturnachrichten

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 07.06.2013

Mit allen Ehren empfangen

Vor 40 Jahren: Willy Brandt reiste als erster Bundeskanzler zum Staatsbesuch nach Israel

Von Peter Philipp

Willy Brandt hält nach seiner Ankunft auf dem Flughafen Lod eine Begrüßungsansprache. Links die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir.  (picture-alliance / dpa)
Willy Brandt hält nach seiner Ankunft auf dem Flughafen Lod eine Begrüßungsansprache. Links die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir. (picture-alliance / dpa)

Willy Brandt (SPD) war als erster Bundeskanzler 1973 auf Staatsbesuch in Israel. Mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Holocaust fiel es Israel schwer, sich Verbindungen mit Deutschland vorzustellen. Trotzdem trug der Besuch zur Verbesserung der gegenseitigen Beziehung bei.

Mit militärischem Zeremoniell wird Bundeskanzler Willy Brandt am 7. Juni 1973 auf dem Tel Aviver Flughafen von seiner Amtskollegin Golda Meir empfangen. Beide kennen sich bereits persönlich, aber das Treffen ist alles andere als Routine: Zum ersten Mal kommt ein Bundeskanzler zum Staatsbesuch nach Israel. Ein Schritt zur Normalisierung zwischen beiden Ländern, die deutsche Politiker immer wieder herbeizureden versucht haben? Sicher nicht für die Demonstranten, die Brandt in Jerusalem erwarten.

Dass dieser Besuch Proteste provozieren würde, war vorhersehbar gewesen. Aber es sind weit weniger als erwartet. Auch den Skeptikern in Israel dürfte klar sein, dass Willy Brandt über jeden Zweifel erhaben ist. Sein persönlicher Werdegang hat das unter Beweis gestellt. Wie zum Beispiel auch sein Kniefall vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos 1970:

"Ich bitte, als einer, der nun nicht zu den wildesten Anhängern Hitlers gehört hat, um es mal so zu sagen, ich bitte für mein Volk um Verzeihung."

In Israel stießen solche Worte auf offene Ohren. Und trotzdem fiel es 25 Jahre nach dem Ende des Holocaust vielen schwer, sich Beziehungen – gleich welcher Art – mit Deutschland vorzustellen. Bereits 1952 hatten der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer und Israels Premier David Ben Gurion mit dem Wiedergutmachungsabkommen einen wichtigen Schritt getan, an gegenseitige Staatsbesuche war aber nicht zu denken. Diplomatische Beziehungen wurden 1965 aufgenommen, unter dem Eindruck der Reaktion in der arabischen Welt verzichtete man darauf, dies durch offizielle Staatsbesuche weiter aufzuwerten.

1973 aber ist es endlich soweit. Seinen ersten offiziellen Besuch in Israel absolviert Bundeskanzler Willy Brandt unter anderem in Begleitung des Schriftstellers Günther Grass. Äußerlich ähneln Protokoll und Zeremoniell dem anderer Staatsbesuche in Israel.

Erster Programmpunkt ist der Besuch von Yad Va Shem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, dann aber wendet man sich den politischen Alltagsproblemen zu. Ein Hauptthema ist die latente Krise und Kriegsgefahr in der Region. Brandt ist nicht nach Israel gekommen, um Ratschläge oder gar Weisungen zu erteilen. Bei einer Pressekonferenz in Jerusalem betont er:

"Wir sind nicht dazu berufen und auch nicht in der Lage, eine Vermittlerrolle zu spielen. Aber das deutsche Interesse ist klar: Dieses deutsche Interesse gilt einer friedlichen Lösung, die von den unmittelbar Beteiligten ausgehandelt wird und akzeptiert werden kann."

Der damalige Informationsminister und heutige Staatspräsident Shimon Peres zeigt sich gegenüber französischen Medien zufrieden mit dem Besuch Brandts:

"Ich glaube wirklich, dass dieser Besuch Auftakt sein wird zu etwas völlig Neuem. Nicht nur, was das politische Klima betrifft, sondern vielleicht auch im Empfinden der Völker."

Der erste Kanzlerbesuch in Israel trägt tatsächlich maßgeblich zur Verbesserung der gegenseitigen Beziehungen bei, wenn auch nicht nur Befriedung des Nahen Ostens: Nur wenige Monate später bricht der Yom-Kippur-Krieg aus, bei dem Syrien und Ägypten Israel auf zwei Fronten einen empfindlichen Schlag versetzen.

Ministerpräsidentin Golda Meir muss in der Folge dieses Krieges ihren Rücktritt einreichen, und konnte den zugesagten Gegenbesuch in der Bundesrepublik nicht mehr abstatten. Das tat 1975 ihr Nachfolger Jitzchak Rabin. Ein nächster Schritt zu der von Bonn erhofften Normalisierung hin? Brandt findet 1973 eine nüchternere, aber treffendere Umschreibung:

"Die deutsch-israelischen Beziehungen - ich sage das auch jetzt mit der gebührenden Unterstreichung - müssen vor dem düsteren Hintergrund der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft gesehen werden, und genau dies meinen wir, wenn wir sagen: Unsere normalen Beziehungen haben den Charakter der Besonderheit."

Kalenderblatt

Vor 50 JahrenDer Architekt Walter Gropius gestorben
Fotografie von Walter Gropius, der leicht zur Seite schaut. (picture alliance / akg-images / Louis Held)

Walter Gropius war nach seiner Emigration aus Nazi-Deutschland mit einem Architekturbüro in den USA sehr erfolgreich. Noch mehr basiert sein Ruhm aber darauf, dass er die einflussreiche Kunstschule Bauhaus gründete. Heute vor 50 Jahren starb er.Mehr

Vor 20 JahrenSchatzgräber finden die Himmelsscheibe von Nebra
20.09.2018, Berlin: Eine Besucherin betrachtet in der Ausstellung "Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland" die Himmelsscheibe von Nebra, die geschützt in einer Glasvitrine steht. Im Hintergrund Goldhüte aus der Bronzezeit. Gezeigt werden die spektakulärsten Funde der vergangenen 20 Jahre aus ganz Deutschland. Mehr als 1000 Ausstellungsstücke aus allen Bundesländern von der Himmelsscheibe von Nebra bis zur antiken Hafenmauer des römischen Köln werden präsentiert. Foto: Wolfgang Kumm/dpa | Verwendung weltweit (Picture Alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Ein sensationeller Fund, eine Übergabe wie im Krimi: Vor 20 Jahren fanden Hobbygräber die Himmelsscheibe von Nebra und verkauften sie an Hehler. Als diese das wertvolle Stück verschiedenen Museen anboten, schlug die Polizei zu – bei einer arrangierten Übergabe im Hotel.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur