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Zeitfragen | Beitrag vom 18.07.2019

Mission RückkehrDer neue Wettlauf zum Mond

Von Dirk Lorenzen

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Eine künstlerische Darstellung zeigt eine Basis auf der unwirtlichen Mondoberfläche, im Hintergrund am Himmel ist die Erde zu sehen. (imago images / StockTrek Images / Marc Ward)
Beim Run auf den Mond ist diesmal das Ziel, dass Menschen sich längere Zeit oder dauerhaft auf dem Erdtrabanten aufhalten sollen. (imago images / StockTrek Images / Marc Ward)

Aus politischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Gründen: 50 Jahre nach der Apollo-11-Mission ist der Mond wieder 'in'. Ob der 13. Mensch, der ihn betreten wird, aus China, Indien, Europa oder erneut aus den USA kommen wird, ist völlig offen.

Internationales chinesisches Fernsehen: "Das Jahr ist erst drei Tage alt und China schreibt schon Geschichte. Chang'e 4 ist auf der Rückseite des Mondes gelandet."
Mike Pence, Vizepräsident der USA: "Es ist das erklärte Ziel der Vereinigten Staaten innerhalb der nächsten fünf Jahre amerikanische Astronauten auf den Mond zu bringen."
Robert Böhme: "Ich bin Gründer der PTScientists. Wir wollen zum Mond."
Ernst Messerschmid: "Im Grunde genommen ist der nächste logische Schritt nach der Raumstation natürlich der Weg zurück zum Mond."
Jan Wörner: "Das Moon Village ist eine ganz offene Struktur mit freiem und offenem Zugang. Es soll robotisch und astronautisch, privat wie öffentlich sein."

Dieses Bild hat die chinesische Sonde "Chang'e 4" von der erdabgewandten Seite des Mondes gemacht. Zu sehen ist ein Krater. (imago / Xinhua )Dieses Bild hat die chinesische Sonde Chang'e 4 von der erdabgewandten Seite des Mondes gemacht. (imago / Xinhua )

Die Nacht zum 3. Januar 2019: Die chinesische Sonde Chang'e 4 setzt automatisch im van Karman-Krater auf der Rückseite des Mondes auf. Es ist das erste Mal, dass eine Sonde weich auf der von der Erde abgewandten Seite landet. Sie funkt Bilder der staubigen Kraterlandschaft ins Kontrollzentrum. Chang'e 4 bekommt von der Mondrückseite aus die Erde niemals zu sehen, weshalb die Mission schwierig ist: Eine direkte Funkverbindung ist nicht möglich. Die Daten laufen über einen Relais-Satelliten, den China schon ein Jahr zuvor weit hinter dem Mond postiert hatte.

Vorläufiger Höhepunkt der neuen Konkurrenz im All

Die historische Landung auf der erdabgewandten Seite ist technisch ein echter Coup. Und politisch der vorläufige Höhepunkt eines neuen Wettlaufs ins Weltall. Die US-Regierung empfand die Landung von Chang'e 4 als Machtdemonstration Chinas – und sah sich genötigt, die eigenen Mondprojekte erheblich zu beschleunigen.

"Genauso wie die USA die erste Nation waren, die den Mond im 20. Jahrhundert erreicht hat", sagt Mike Pence, "werden wir die erste Nation sein, die Astronauten im 21. Jahrhundert zurück zum Mond bringt."

Vizepräsident Mike Pence steht dem Nationalen Weltraumrat vor – einem Gremium, in dem Vertreter der US-Weltraumbehörde NASA, aus Politik, Wissenschaft und Raumfahrtunternehmen sitzen. Auf den Treffen des Weltraumrats genießt er den großen Auftritt.

US-Vizepräsident Mike Pence mit einem Modell des Raumfahrzeugs Orion bei einem Besuch im Nasa Kennedy Space Center. (Bruce Weaver / AFP)US-Vizepräsident Mike Pence mit einem Modell des Raumfahrzeugs Orion bei einem Besuch im Nasa Kennedy Space Center. (Bruce Weaver / AFP)

NASA und Industrie macht Mike Pence gerne klar, dass es ihm bei der Rückkehr des Menschen zum Mond viel zu behäbig zugeht: "Dringlichkeit muss unsere Parole sein. Ein Scheitern, innerhalb der nächsten fünf Jahre einen amerikanischen Astronauten zurück zum Mond zu bringen, ist keine Option."

Politisch motivierter Ehrgeiz der USA

Damit vergreift er sich an der legendären Parole: "Failure is not an option", die die NASA 1970 in höchster Not ausgegeben hatte. Damals war es an Bord von Apollo 13 zu einer Explosion gekommen und die Astronauten schwebten in Lebensgefahr. Es grenzte an ein Wunder, dass die drei Männer durch eine zuvor nie für möglich gehaltene Änderung des Flugverlaufs gerettet werden konnten.

Die Vorgabe, bis 2024 auf den Mond zurückzukehren, ist wohl rein politisch motiviert – denn dann würde US-Präsident Donald Trump im Falle seiner Wiederwahl noch zum "Mond-Präsidenten".

Doch politischer Druck baut keine Raketen, Kraftmeierei ersetzt keine Sachkenntnis. Planung, Bau und Erprobung von Raumschiffen, in denen Menschen leben und arbeiten werden, kosten Zeit – und Geld. Wenn die NASA wirklich bis 2024 auf dem Mond landen soll, braucht sie rund 25 Milliarden Dollar zusätzlich, also mehr als eine Verdopplung ihres heutigen Budgets. Das ist nicht in Sicht.

Und so dürfte diese Vorgabe ebenso verpuffen wie die von George W. Bush, der vor 15 Jahren die Rückkehr zum Mond bis 2020 ausgerufen hatte. Ohnehin brauchen die NASA, Europas Weltraumorganisation ESA und andere staatliche Agenturen keine Aufforderung, sich mit dem Mond zu beschäftigen. Sie arbeiten seit Jahren an so einer Mission – abseits des politischen Aktionismus aber sehr viel planvoller und überlegter.

Die Vision des Moon Village

"Das Moon Village ist eine ganz offene Struktur, mit freiem und offenem Zugang", erklärt Jan Wörner. Moon Village, Mond-Dorf, nennt Jan Wörner, der Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation ESA, seine Idee einer Art Siedlung auf unserem Trabanten oder zumindest in dessen Umlaufbahn.

"Es soll robotisch und astronautisch, privat wie öffentlich sein. Es soll wirklich die Grenzen sprengen, deshalb hat dieses Konzept auch einen visionären Charakter, den es in der Form bisher nicht gab. Das ist etwas anderes als eine Raumstation."

Mit seinem Vorschlag für ein Mond-Dorf hat Jan Wörner vor wenigen Jahren einen Nerv getroffen. Anfangs von manchen als unbezahlbare Utopie ignoriert, gewann die Idee schnell an Dynamik, erklärt Robert Böhme, Chef des Unternehmens PTScientists in Berlin:

"Da gibt es ja verschiedene Meinungen, aber ich glaube, dieses Moon Village von Jan Wörner hat unheimlich viel Inspiration ausgelöst. Es war so, das war meine Wahrnehmung der letzten zehn Jahre, dass irgendwie alle irgendwo unterwegs waren. Die einen waren bei Asteroiden, die anderen waren irgendwie bei Mining wo auch immer, die anderen waren beim Mars, da gab es eine Riesenfraktion. Und Stand heute, jetzt in dieser Sekunde, sind alle auf den Mond ausgerichtet, wirklich alle. Und alle mit einer Ambition, dass sie sagen: Wir gehen zurück und wir bleiben dort."

Es geht nicht mehr um die Besiedlung des Mars und den Bergbau auf irgendwelchen Asteroiden. Solche Projekte sind bisher reine Luftschlösser, mehr nicht. Inzwischen ist fast allen Raumfahrtexperten klar, dass der Mond dagegen ein ebenso faszinierendes wie realistisches Ziel ist.

Das Foto zeigt den ESA-Chef Jan Wörner bei einer Pressekonferenz im Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt im Dezember 2018. (dpa / picture alliance / Geisler-Fotopress / Jens Krick)Die Idee von ESA-Chef Jan Wörner für ein Mond-Dorf wurde nur anfangs als utopisch ignoriert. (dpa / picture alliance / Geisler-Fotopress / Jens Krick)

"Der große Vorteil ist", sagt Jan Wörner: "Der Mond ist nah. Sie kommen da in den Sommerferien hin und zurück." NASA und ESA bauen gemeinsam an einem Raumschiff, mit dem so eine Reise problemlos möglich wäre.

Perfekt saubere Airbus-Fabrikhalle in Bremen

Weißer Kittel, Haarhaube, Überschuhe: Nur mit Schutzkleidung dürfen Besucher in die perfekt saubere Fabrikhalle, in der das Unternehmen Airbus seine Raumschiffe entwickelt.

"Der Reinraum in Bremen, traditionsreich, hier wurde schon das Spacelab gebaut", sagt Siegfried Monser. "Das Columbus-Labor, fünf ATVs wurden hier integriert, Ariane-Oberstufen und das europäische Service-Modul für das nächste NASA-Raumschiff Orion im Auftrag der ESA."

Das rund fünf Meter große Service-Modul hat die Form eines Zylinders und steckt voller Technik. Es ist der hintere Teil des künftigen Orion-Raumschiffs von NASA und ESA und soll Menschen den Flug zum Mond ermöglichen, erklärt Siegfried Monser von Airbus in Bremen:

"Hier sehen wir die großen Treibstofftanks, mit denen Orion zum Mond, einen Flyby machen, wieder zurück zur Erde angetrieben wird, bevor sich das Service-Modul dann von der Kapsel trennt. Wir sehen jede Menge Rohrleitungen, Rohrverbindungen, schwarze Elektronikboxen, hinter denen sich komplexe Computersysteme verbergen, die die ganze Sensortechnik beherbergen und die ganzen Steuerimpulse geben, mit denen das Modul angetrieben wird, Energieversorgung gemacht wird und dergleichen."

Das Service-Modul und die Kommandokapsel, die gerade in den USA gebaut wird, bilden zusammen das Orion-Raumschiff. In gut zwei Jahren soll es einen Testflug geben – zunächst nur mit Puppen in der Kapsel. Etwa 2023 könnten erstmals Menschen mit Orion um den Mond herumfliegen.

Wichtige Teile für Orion kommen aus Europa

Zum ersten Mal besorgt sich die NASA unverzichtbare Teile eines Raumschiffs im Ausland – bisher durften die Partner, im Bild gesprochen, nur Türklinken und Scheibenwischer liefern, nicht aber wie jetzt den Motorblock, die Steuerung und die Versorgung der Menschen an Bord von Orion mit Luft und Wasser. Und so wird Europa bei den nächsten Flügen zum Mond eine große Rolle spielen, freut sich David Parker, ESA-Direktor für Weltraumerkundung:

"Wir wollen dann eine Art Basiscamp für den Mond bauen, das Lunar Gateway. Es soll aus einigen Modulen bestehen, die um den Mond kreisen und die ein Zwischenschritt für die Landung sind. Derzeit ist zudem eine Kapsel in Planung, die die Menschen runter auf die Oberfläche bringt. Wir leben in aufregenden Zeiten – darauf habe ich mein gesamtes Berufsleben lang gewartet!"

Der Flug zum Mond wird kein einfaches Zurück, keine simple Wiederholung der Touren von Neil Armstrong und Co. Denn Apollo war einst ein rein politisches Projekt.

Mehr als 500 Millionen Menschen weltweit haben gebannt verfolgt, wie am Morgen des 21. Juli 1969 Neil Armstrong den Mond betreten hat. Die Worte vom kleinen Schritt für einen Menschen und dem Riesensprung für die Menschheit sind unvergessen.

Der Astronaut hätte auch sagen können: Dies ist ein kleiner Schritt für die Wissenschaft, aber ein Riesensprung für das politische Prestige. Die USA hatten den Wettlauf zum Mond gegen die UdSSR gewonnen, den Präsident Kennedy Anfang der 60er-Jahre ausgerufen hatte. Das Ziel war erreicht – der Mond wurde abgehakt. Es gab bis 1972 zwar noch fünf weitere Apollo-Landungen, aber danach geriet der Begleiter der Erde geradezu in Vergessenheit, bedauert der frühere Astronaut Ernst Messerschmid:

"Apollo ist fast zu schnell gewesen, zu erfolgreich und hat alle auf Abstand gehalten, alle Initiativen zurück zum Mond. Weil jeder sofort eingesehen hat, das ist nicht wiederholbar mit heutigen Budgets, mit der heutigen Willensbildung, die man braucht für solche Missionen."

Der Mond als achter Kontinent der Erde

Jahrzehntelang ließen die Raumfahrer den Mond bei ihren Missionen zu Venus, Mars oder Jupiter links liegen. Politische Ziele nutzen sich schnell ab – vor allem, wenn sie erreicht wurden. Das Zurück zum Mond soll aber nachhaltig sein. Daher setzen die Raumfahrtbehörden jetzt vor allem auf die Wissenschaft.

"Der Mond ist der achte Kontinent des Planeten Erde", sagt David Parker. "Früher sind wir einfach nur kurz hingeflogen, haben ein paar Proben geholt und haben den Mond dann vergessen. Dabei ist er ein Museum für die Geschichte des Sonnensystems. Seine ganzen Krater sind erhalten und zeigen uns, welchen Einschlägen damals auch die Erde ausgesetzt war. Zudem können wir auf dem Mond üben, im Weltraum zu leben und zu arbeiten und uns so auf Mars-Reisen vorbereiten. Und nur den Mond sehen wir am Himmel nicht als Lichtpunkt, sondern wirklich als Ort. Den wollen wir doch alle besuchen."

Er ist vor allem der Ort im Weltall, den die Wissenschaftler jahrzehntelang vernachlässigt haben. Inzwischen wissen die Fachleute über den Mars besser Bescheid als über den Mond, der in vielem noch immer der unbekannte Nachbar ist und so manches Rätsel birgt.

"Interessiert hat mich das Sonnensystem schon immer", sagt Ralf Jaumann. Er ist von Hause aus Geologe und gehört zu den profiliertesten Mondforschern weltweit. Er leitet die Abteilung für Planeten-Geologie beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Berlin. Auf den Mond gekommen ist er nach seinem Studium – über einen kleinen Umweg:

"Dann habe ich bei meinem Doktorvater gehört, dass der jemanden sucht, der sich mit der Kamera, die für die Galileo-Mission zum Jupiter gebaut wurde, mal an ein Teleskop setzt und diese Kamera ausprobiert. Das habe ich getan, bin nach Hawaii gefahren, habe mich zwei, drei Monate ans Teleskop gesetzt. Und was kann man dort beobachten? Am besten den Mond. Und da habe ich angefangen, ihn zu mögen."

Erde und Mond als kosmisches Doppel

Mit rund 400.000 Kilometern Abstand ist der Mond der uns nächste Himmelskörper. Seit mehr als vier Milliarden Jahren kreisen Erde und Mond als kosmisches Doppel um die Sonne. Der Mond ziert nicht einfach nur den Nachthimmel. Ohne ihn gäbe es auf der Erde keine Gezeiten – und ohne Ebbe und Flut wäre das Leben womöglich nie aus dem Meer auf das Land gekommen. Der Mond war unser himmlischer Geburtshelfer. Seine eigenen Anfänge aber liegen im Dunkeln.

Ralf Jaumann  mit der Mars-Express-Sonde (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR))Ralf Jaumann leitet die Abteilung für Planeten-Geologie beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Berlin. (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR))

"Das ist die spannendste Frage und die ist bis heute ungeklärt", erklärt Ralf Jaumann. "Es gibt viele Vorstellungen, wie der Mond entstanden ist. Wir gucken die vier terrestrischen Planeten Merkur, Venus, Erde und Mars an und stellen fest: Nur die Erde hat einen so großen Mond. Da kommt schon die erste Frage auf. Warum?"

Merkur und Venus haben jeweils gar keinen Mond. Und um den Mars kreisen lediglich zwei Minimonde. Gemessen am Größenverhältnis zu seinem Planeten, ist der Erdmond der mit Abstand größte Trabant im Sonnensystem.

"Es gibt viele Theorien, die alle immer wieder diskutiert werden", sagt Ralf Jaumann. "Man geht davon aus, dass die Erde den Mond möglicherweise eingefangen hat. Das ist eine schwierige Theorie, weil das bahndynamisch extrem schwierig ist. Wenn der Mond eingefangen wird, dann kommt er wahrscheinlich der Erde bei diesem Prozess so nahe, dass er eigentlich auseinanderbrechen müsste."

Einst glaubten die Forscher, Erde und Mond hätten sich gleichzeitig gebildet aus einer Zusammenballung von Materie. Wären sie wirklich aus denselben Zutaten entstanden, dann müssten Erde und Mond chemisch nahezu identisch zusammengesetzt sein. Doch der Mond verfügt über deutlich weniger schwere Metalle wie etwa Eisen. Er ist ein Leichtgewicht: Seine Dichte ist nur gut halb so groß wie die der Erde.

Entstanden aus einer streifenden Kollision

"Die gängigste Theorie, die alle Wissenschaftler mehr oder weniger akzeptieren ist, dass nachdem die Erde entstanden war und noch sehr, sehr viele andere große Körper durch das Sonnensystem vagabundiert sind, die Erde von einem sehr, sehr großen Körper getroffen worden ist", erklärt Ralf Jaumann. "Man geht davon aus, dass der Körper so groß wie der Mars war. Bei dieser Kollision, die nicht frontal war, sondern eher streifend, ist die Erde aufgerissen und das Material aus dem Erdmantel in die Umlaufbahn geschleudert geworden."

Die Trümmerwolke bestand vor allem aus den eisenarmen äußeren Schichten unseres entstehenden Planeten – denn das schwere Eisen war in der noch flüssigen Erde tief ins Innere abgesackt. Bei der möglichen Kollision vor viereinhalb Milliarden Jahren kam es kaum noch nahe der Oberfläche vor. Heiße Lavabrocken kreisten fortan um die Erde, verklebten im Laufe weniger Millionen Jahre und kühlten allmählich ab. Diese Theorie erklärt derzeit am plausibelsten, wie der Mond entstanden sein könnte. Das Szenario lässt sich in Computermodellen gut nachstellen.

"Das lässt sich durchaus machen", sagt Ralf Jaumann. "So ein Mond lässt sich bauen. Wenn man dann noch ein bisschen an den Feinheiten dreht, dann lässt er sich auch noch das Eisen nehmen. Denn der andere Körper ist wahrscheinlich dann mit seinem schwersten Teil, nämlich mit seinem Eisen, mit der Erde verschmolzen. Und der Mond besteht nur aus Erdmantel. Das funktioniert alles wunderbar, aber es gibt immer noch Fragen, die in diesem Zusammengang nicht geklärt sind."

Dass Planeten-Geologe Ralf Jaumann und seine Kollegen in aller Welt über die chemische Zusammensetzung des Mondes so gut Bescheid wissen, verdanken sie den Apollo-Missionen der Amerikaner und den sowjetischen Luna-Sonden. Insgesamt neunmal wurde Material vom Mond zur Erde gebracht – doch die letzte "Lieferung" stammt von 1976. Und die Forscher hätten gern mehr und vor allem anderes Material von besonders interessanten Stellen, etwa aus einem gigantischen Krater auf der Mondrückseite, bei dessen Entstehung viel Material tief aus dem Mondmantel auf die Oberfläche geschleudert wurde.

Die Chancen, dass sie dies binnen weniger Jahre erhalten, stehen gar nicht so schlecht. Denn es herrscht geradezu "Mondrummel" – nicht nur NASA, ESA und Co., auch viele mehr oder weniger seriöse Firmen wollen zurück auf den Erdtrabanten.

Mondrummel von Kalifornien bis Marzahn

Elon Musk vom Unternehmen SpaceX etwa baut an der Big Falcon Rocket, die ein Raumschiff mit Dutzenden Passagieren um den Mond herum fliegen soll – und das angeblich schon im Jahr 2023.

Jeff Bezos, milliardenschwerer Gründer des Raumfahrtunternehmens "Blue Origin", präsentierte kürzlich mit viel Tamtam das Modell seines Raumschiffs "Blue Moon", das irgendwann mal zum Mond aufbrechen soll. Doch diese Vorhaben existieren bisher nur in schillernden Animationen – Technik, Finanzierung und Zeitplan sind mehr als offen.

Sehr viel konkreter geht es bei manchen kleinen Unternehmen zur Sache. Ein Weg ins All führt nicht über Kalifornien oder Florida, sondern über Berlin-Marzahn.

Zwischen Plattenbauten, Schnellstraße und Bahnstrecke befindet sich ein zweistöckiges Gebäude, 80 Meter lang, 15 Meter breit. Kein großes Namensschild auf dem Dach, kein Werbebanner an der silbrig-grauen Fassade. Was aussieht wie eine x-beliebige Lagerhalle, ist eines der weltweit ambitioniertesten Raumfahrt-Start-Ups.

"Mein Name ist Robert Böhme. Ich bin Leiter und Gründer der PTScientists GmbH." Der Chef ist gelernter Informatiker und Jahrgang 1986 – die Apollo-Flüge kennt er nur aus historischen Berichten: "Wir sind an der Allee der Kosmonauten, was ein sehr positiver Zufall der Geschichte ist. Wir haben unsere Stätte nicht danach ausgesucht. Aber wir sind sehr froh, dass es diese Adresse geworden ist."

Part Time Scientists heißt das Unternehmen. Die 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben ein klares Ziel, dem sie aber viel intensiver nacheifern als in Teilzeit.

Das Unternehmen wurde vor mehr als zehn Jahren gegründet. Google hatte den Lunar X-Prize ausgelobt. 20 Millionen Dollar sollte das Privatunternehmen bekommen, das es innerhalb weniger Jahre schaffen würde, ein kleines Fahrzeug auf dem Mond herumfahren zu lassen. Die gesetzte Frist war nicht einzuhalten, der Preis ist Geschichte.

Robert Böhme und Pierre Godart geben sich die Hand. (imago images / Mike Schmidt)Zusammenarbeit vereinbart: Robert Böhme (l.), Gründer von PTScientists, und Pierre Godart von der ArianeGroup Germany (imago images / Mike Schmidt)

Aber die PTScientists und ihr Ziel zum Mond zurückzukehren sind geblieben – auch wenn das Unternehmen ausgerechnet kurz vor dem Apollo-Jubiläum einen Rückschlag einstecken musste. Investoren- und Fördergelder liegen derzeit auf Eis. Die Firma musste ins Insolvenzverfahren. Aus dem, so sind die Raumfahrer überzeugt, werden sie gestärkt herauskommen.

Ein Mondraumschiff so groß wie ein Mittelklasseauto

"Wir stehen jetzt gerade vor der dritten Generation unseres Mondraumschiffs Alina", erklärt Robert Böhme. "Das ist ein Strukturmodell. Man hört mal so. Das sind so Carbonfasern, das sind die großen Treibstofftanks. Der Rest ist halt viel Elektronik, Triebwerke und so weiter, die da dran sind. Das ist das, was das Raumschiff dann am Ende zum Mond bringt."

Alina hat die Ausmaße eines Mittelklasse-PKWs. In einem Gerippe aus schwarzen runden Stangen hängen die Tanks. Hier und da sind kleine blaue Würfel und in Goldfolie gehüllte Kästen zu sehen. Der Name ist die englische Abkürzung für Autonomes Lande- und Navigationsmodul.

"Die Nutzlast bei unserem Raumschiff, bei Alina, sind knapp 300 Kilogramm", sagt Robert Böhme. "Wir können wirklich für Leute kommerzielle Dinge zum Mond transportieren. Hier haben wir ganz konkret den Satellite Deployer, weil wir bei unserer ersten Mission zwei Satelliten im Mondorbit absetzen. Das ist etwas sehr Spezielles. Wir haben aber sonst ganz viele Instrumente dabei, die am Raumschiff dranbleiben, das sind so kleine Cubes."

Robert Böhme und die PTScientists aus Berlin sehen sich als Dienstleister für den Mondflug. Sie könnten Geräte für wissenschaftliche Experimente, Kameras, Strahlungsmessgeräte, Thermometer und vieles mehr nach oben bringen. Alina sorgt für die Stromversorgung und die Datenübertragung von und zur Erde, erzählt Robert Böhme.

"Wir haben zwei Mondfahrzeuge dabei, die wir dann auch ausladen und mit denen wir auf dem Mond herumfahren und da haben wir auch Hardware drin, die wir von Kunden dabei haben. Wir haben einen Laser dabei, der kann Mondgestein schmelzen. Das ist ziemlich cool. Ganz viele verschiedene Experimente verstecken sich überall am Raumschiff oder in den Mondfahrzeugen und die bringen wir dann irgendwo hin oder wir lassen sie im Mondorbit raus."

Große Industriefirmen als Partner

Geht alles glatt, wird Alina die Mondforschung revolutionieren. Bisher war die Erkundung des Erdtrabanten großen, hunderte Millionen Euro teuren Spezial-Missionen vorbehalten. Staatliche Agenturen flogen zum Mond, nicht aber Privatfirmen und schon gar nicht ein Forschungsinstitut, wie etwa das Laser Zentrum Hannover, das nun Material auf der Oberfläche des Trabanten untersuchen will.

Doch Robert Böhme und sein Team haben mit Audi, Nokia und Vodafone starke industrielle Partner gewonnen, die in das Start-up investieren und mit Mobilität und Kommunikation auf dem Mond ein Geschäft wittern: "Wir haben da ganz große Antennen dran. Da steht Nokia drauf. Das kommt, weil wir mit Nokia Bell Labs und Vodafone zusammen diese LTE-Lösung entwickelt haben. So können wir von dort aus, wenn das Raumschiff gelandet ist, wirklich so eine Basisstation aufbauen. Das ist kein Witz. Das ist ganz ernst gemeint. Das ist eine voll standardisierte Basisstation. Das heißt, sobald Alina da oben gelandet ist, könnte man da mit seinem Handy hingehen, das einschalten und quasi nach Hause telefonieren."

Kunden, die auf dem Mond wissenschaftliche Messungen oder Fotos machen wollen, werden sich um den Transport der Daten keine Sorgen machen müssen. Alles was auf der Erde über ein Smartphone zu verschicken ist, wird sich künftig auch vom Mond aus mitteilen lassen, so die Vision. Raumfahrt ganz einfach, eine Art lunare "Pauschalreise". Noch allerdings kurven die Rover nur durch die Mondlandschaft in der Halle.

"Was man jetzt noch zeigen kann, haben wir gleich nebenan", sagt Robert Böhme. "Das ist ein großer Sandkasten für Erwachsene, kann man sagen. Das ist ein 100-Quadratmeter-Mond-Testbett. Das haben wir mit dem DLR aufgebaut. Hier befindet sich Lavasand aus der Eifel. Das ist so ein Spezialsand. Ich nehme mal so ein Mondrad hier. Was ich jetzt gemacht habe, ich habe einmal mit dem Rad über den Boden geschabt. Was man sieht: Hier ist jetzt eine Riesendunstwolke aufgestiegen. Das ist 'Feinstaub de luxe'."

Bedingungen fast wie auf dem Mond. Nach aktueller Planung wechseln die Rover in zwei Jahren das Gelände. Dann wird sich Alina mit einer Ariane-6-Rakete auf die Reise machen. Das Projekt des Berliner Start-Up-Unternehmens gilt als so zukunftsweisend, dass längst auch traditionelle Raumfahrer wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR, die ESA oder die Ariane-Gruppe an ihm beteiligt sind.

Den Ort der letzten Apollo-Landung im Visier

Ziel des ersten Fluges wird das Tal von Taurus-Littrow sein, wo 1972 die letzte Apollo-Mission gelandet ist. Dieser Sehnsuchtsort vieler Mondfans bildet das Panorama an der Rückwand des lunaren Sandkastens.

"Wir haben überall so spannende Hintergrundbilder", erzählt Robert Böhme. "Hier sieht man so eine große Leinwand, wo gerade unser Rover neben dem Landemodul von Apollo 17 steht. So nah wollen wir nicht an das Landemodul heran. Wir werden so auf 220 Meter heran gehen. Genau auf der Distanz ist das Mondfahrzeug geparkt, also der Mondrover. Den werden wir uns sehr, sehr genau ansehen. Wir werden ein paar richtig gute Aufnahmen machen. Wir halten uns aber vom Kern der Landezone fern, denn wir wollen die nicht für die künftigen Generationen ungewollt verschandeln."

Der US-amerikanische NASA-Astronaut Eugene Cernan, Kommandant der Apollo 17, spaziert am 13. Dezember 1972 auf dem Mond herum. Im Hintergrund ist die US-Flagge zu sehen und eine Antenne. (imago stock&people / Zuma Press)Der US-amerikanische NASA-Astronaut Eugene Cernan, Kommandant der Apollo 17, spaziert am 13. Dezember 1972 auf dem Mond herum. (imago stock&people / Zuma Press)

Es wäre ein sagenhafter Coup. Die PTScientists wollen nicht irgendwo auf dem Mond landen, sondern auf den Meter genau an einem vorgegebenen Ort. Lohn der Mühe wären nicht nur atemberaubende Bilder. Auch wissenschaftlich-technisch wäre diese Mission sehr bedeutend.

Denn bis heute ist völlig unklar, wie sich Klebeband, Kunststoffteile oder Aluminiumbleche an der Apollo-Landestelle nach fast einem halben Jahrhundert Herumstehen auf dem Mond verändert haben. Alina soll nachsehen, wie kosmische Strahlung und die zwischen plus und minus 150 Grad Celsius schwankenden Temperaturen dem Material zugesetzt haben.

Wichtige Informationen für den Bau des Monddorfes

All das sind unverzichtbare Informationen für den Bau eines Monddorfes. Harrison Schmitt, gelernter Geologe, gehörte zu den letzten beiden Männern, die bisher auf dem Mond waren. Er hat gute Kontakte zu den PTScientists und freut sich über die Wiederentdeckung des Mondes:

"Bei Apollo hat man alles mitgenommen, was man zum Leben und für den Rückflug brauchte. Wir haben da oben nur die Proben eingesammelt, sonst nichts. Jetzt sollten wir eine Infrastruktur aufbauen, die zum Beispiel die im Mondboden vorkommenden Elemente nutzt. Wasserstoff, Sauerstoff und Kohlenstoff ließen sich zur Herstellung von Treibstoff, anderem Gerät oder Nahrung nutzen. Nur so könnte man auf dem Mond unabhängige Siedlungen aufbauen."

So sehr das Moon Village auch Wissenschaftler, Astronauten und Raumfahrtmanager faszinieren mag – und egal wie stark gerade der politische Druck ist. Bemannte Mondflüge sind keine Fahrten ins Blaue. Es dürfte eher zehn als fünf Jahre dauern, bis wieder Menschen und nicht nur automatische Sonden und Rover Spuren im Mondstaub hinterlassen und sich dauerhaft den lebensfeindlichen Bedingungen aussetzen. Fast überall auf dem Mond folgen auf zwei Wochen intensiver Sonnenstrahlung zwei Wochen bitterkalter Nacht.

Einzige Ausnahme: die Mondpole. Sie trifft das Sonnenlicht nur streifend – mit bemerkenswerten Folgen, erklärt Planeten-Geologe Ralf Jaumann:

"Wenn ich dort einen hohen Berg habe, wird der immer beschienen, ganz egal, ob ich 14 Tage Tag oder Nacht habe. Diese hohen Berge gibt es, weil es auch die tiefen Einschlagkrater gibt. Die haben Ränder. Diese Ränder sind 3000 bis 4000 Meter hoch. Dort scheint immer die Sonne. Das ist genau die Gegend, wo man hin will. Da muss man sich nur hinsetzen und Sonnenkollektoren aufstellen. Dann ist das Problem gelöst."

Standortfaktoren für das Moon Village

Auf den Gipfeln des "ewigen Lichts", wie Forscher diese Bergspitzen nennen, ist die Stromversorgung kein Problem und es wird nicht zu kalt – und dank tief stehender Sonne wohl auch nicht ganz so heiß wie sonst auf dem Mond. Der ideale Standort für ein Moon Village.

"Das ist das, worüber derzeit alle nachdenken, dort zu landen, dort Proben zu nehmen und zu untersuchen", sagt Ralf Jaumann. "Ein großes Ziel dabei ist, zu sehen, was man mit diesem Mondstaub und dem Zeug, was auf dem Mond herum liegt, machen kann, um ein Monddorf zu bauen. Welche Ressourcen stecken da drin? Was kann man davon verwenden, um auf dem Mond dauerhaft sich festzusetzen? Und möglicherweise auch: Was kann man davon gebrauchen, was wir auf der Erde haben wollen, was uns hier weiterhelfen würde?"

Im Mondgestein sind offenbar Wassermoleküle gebunden. Vielleicht gibt es sogar wertvolle Rohstoffe. Doch ob es sich wirklich lohnt, wie manche Optimisten meinen, Bodenschätze vom Mond auf die Erde zu holen, ist angesichts der enormen Transportkosten fraglich.

In jedem Fall lässt sich dort – kosmisch gesehen nur einen Katzensprung von der Erde entfernt – alles ausprobieren, was bei Expeditionen hinaus in die weiteren Tiefen des Alls notwendig ist, betont Europas Raumfahrtchef Jan Wörner:

"Der Mond hat Wasser. Das ist ein Testbett für die Zukunft: Wie kann man das Wasser aus dem Gesteinsmassen lösen und daraus Wasserstoff gewinnen und Sauerstoff. Der Mond kann ein Sprungbrett sein für die Reisen weiter in unser Sonnensystem zum Mars oder wohin auch immer hin."

Wer wird der 13. Mensch auf dem Mond sein?

Der Mond wird ein aufregendes Thema bleiben. Dafür sorgen schon die Chinesen, die womöglich noch Ende dieses Jahres mit einer robotischen Sonde Gesteinsproben zur Erde holen. Bisher waren erst zwölf Menschen auf dem Mond – sie alle waren weiße US-amerikanische Männer. Es wird nicht nur spannend, wann der 13. Mensch den Mond betritt. Es geht auch darum: Wird es wieder ein US-Amerikaner sein? Oder ein Chinese? Wieder ein Mann oder erstmals eine Frau?

Das könne er nicht vorhersagen, sagt der Apollo-Veteran Harrison Schmitt. Das Rennen zum Mond hält er für völlig offen. Tatsächlich lässt sich kaum sagen, ob die USA, China oder womöglich doch private Unternehmen die Nase vorn haben werden. Doch bei aller Euphorie, treibt die Mondfahrer weltweit eine Sorge um: Schon einmal war ein Wettlauf recht schnell verpufft. Wird dagegen bei der Rückkehr auch nach dem sechsten oder zwanzigsten Flug das Interesse am Mond anhalten? Oder gibt es nur einen kurzen Mond-Rausch? Dann würde das Moon Village schnell zur verlassenen Ruine – und unser Trabant hätte wieder seine Ruhe, wie einst nach Apollo.

Autor: Dirk Lorenzen
Redaktion: Martin Mair
Regie: Klaus-Michael Klingsporn
Technik: Martin Eichberg
Sprecher*innen: Nina West, Markus Hoffmann, Christiane Guth, Olaf Oelstrom

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