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Kompressor | Beitrag vom 02.10.2019

Mischa Leinkauf über GrenzenMit Kunst Mauern überwinden

Moderation: Gesa Ufer

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Ein Taucher ist auf dem Meeresgrund zu sehen. Neben ihm sind Fische, das Wasser ist trüb.  (Mischa Leinkauf)
Auf dem Meeresgrund lassen sich Grenzen überwinden: Bild aus der Ausstellung "Fiktionen einer Nicht-Einreise" des Künstlers Mischa Leinkauf. (Mischa Leinkauf)

Grenzen bestimmten das Leben. Doch bei genauerer Überlegung scheinen sie absurd. Der Künstler Mischa Leinkauf will sich mit Grenzen nicht abfinden und überwindet sie. Damit begann er bereits in seine Jugend zur Wendezeit.

Am Donnerstag ist der Tag der Deutschen Einheit, seit 1990 Nationalfeiertag in der Bundesrepublik. Man kann sich immer fragen, wie dieser eine kollektive Identität stiften soll, wenn er, historisch gesehen, ein fast unbeschriebenes Blatt ist.

Anders als der 9. November, an dem die wechselhafte, schwierige deutsche Geschichte Spuren hinterlassen hat: 1918 wurde die Weimarer Republik ausgerufen, 1938 fanden die Pogrome gegen deutsche Juden statt, 1989 fiel die Mauer. Mit dem 3. Oktober verbindet man indes – nichts.

Historischer und aktueller Bezug

Der Künstler Mischa Leinkauf hinterfragt in seinen Arbeiten den Sinn und Unsinn von Grenzziehungen, von nationalen Gefühlen und Identitäten im 21. Jahrhundert. Er will sich mit der Limitierungen des Raums nicht abfinden. Dabei haben seine Arbeiten einen historischen und auch einen ganz aktuell politischen Bezug.

"Ich habe keine Message, die ich mitbringe. Das ist nicht meine Art", sagt Leinkauf. Aber es gebe eine gewisse Motivation, die zurückgehe auf seine Kindheit und die Wendezeit. Damals habe es global ein Gefühl gegeben, dass die Welt offener und freier werde.

"Das Gegenteil ist der Fall", unterstreicht Leinkauf. Damals habe es 16 Sperranalagen zwischen Staaten oder Städten gegeben, nun seinen es fast 80. Deswegen beschäftige er sich damit, "die Absurdität von politisch gezogenen Grenzbarrieren künstlerisch zu bearbeiten".

Mit Graffiti auf Entdeckungstour

Der 3. Oktober hat 1989 für Leinkauf keine Bedeutung gehabt. Das war eher der 9. November, weil er Angst hatte, dass es eventuell zum Krieg kommt. Damals war ihm "einigermaßen mulmig", räumt Leinkauf ein.

Doch später kam er in eine Jugendphase: "Ich habe damals angefangen, Graffiti zu sprühen, und diese Stadt auf eine ganz seltsame Art und Weise zu entdecken, auf Pfaden die normalerweise nicht begangen werden."

Er hat bereits damals urbane Räume als sehr frei und unformatiert wahrgenommen. "Grenzen und Limitierungen gab es für mich damals nicht." Architektonische, systemische, legale Grenzen galten für ihn nicht – nur moralische würde er nicht überschreiten, sagt Leinkauf.

Neue Grenzen am Mauerstreifen

Leinkaufs Auseinandersetzung mit dem Thema Grenzen sind an seinen aktuellen Arbeiten zu sehen: "Überwindungsübungen" heißt eine. Dabei wurden ehemalige Übungen der DDR-Grenzgruppen, um Hindernisse zu überwinden, am ehemaligen Berliner Mauerstreifen reinszeniert.

"Wir haben geguckt, welche Grenzen sind da heute entstanden", erläutert Leinkauf. Es seien vor allem architektonische und Eigentumsgrenzen, mit denen sich die Menschen abschotteten.

Eine andere Arbeit ist zur Zeit in der Berliner Galerie Alexander Levy zusehen: "Fiktion einer Nicht-Einreise". Darin überwindet Leinkauf verschiedene schwerbewachte Grenzen. Diese versuche er, visuell außer Kraft zu setzen, sagt der Künstler – und zwar da, wo diese hochgesicherten Anlagen im Wasser verlaufen.

Dort hörten viele Kontrollmechanismen aus, sagt Leinkauf. Dort, unter Wasser, hat er sie umgehen können. So ist er beispielsweise von Israel nach Ägypten ausgereist und wieder zurückgekommen – ohne kontrolliert zu werden.

(rzr)

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