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Kompressor | Beitrag vom 09.08.2016

Mini-HäuserSchick, aber sinnlos ohne Standort

Von Anette Schneider

Das Mini-Haus, Modell "Diogene" auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein.  (picture alliance / dpa / Georgios Kefalas)
Das Mini-Haus, Modell "Diogene" auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein. (picture alliance / dpa / Georgios Kefalas)

Den Traum von den eigenen vier Wänden kann sich jeder mit einem Mini-Haus verwirklichen - theoretisch. Die kleinen Häuser mit etwa 30 Quadratmeter gibt es zwar in jeder Preisklasse. Teuer wird es allerdings, wenn es um die Frage des Standortes geht.

Die Tageszeitung "Die Welt" hatte schon vor fünf Jahren den richtigen Riecher! Schon damals, der neueste Trend schwappte nur zögerlich aus den USA zu uns, jubelte sie:

"Eigenheime mit weniger als 30 Quadratmeter Fläche sind günstig, befriedigen die wichtigsten Wohnbedürfnisse und sind sogar mobil!"

Wessen Bedürfnisse genau sie befriedigen, ließ die Zeitung offen. Doch mittlerweile gibt es auch hierzulande Unternehmen, die Mini-Häuser herstellen. Und die beschwören:

"Minihäuser sind stark im Kommen und bieten neben den geringeren Kosten viele Vorteile: weniger Aufwand fürs Putzen. Weniger Möglichkeiten, Krimskrams anzusammeln, niedrigere und kürzere Kredite."

Gedacht sind Mini-Häuser nicht nur für Singles sondern auch für Paare. Denn: "Minihäuser stehen für das 'Weniger-ist-mehr-Prinzip'".

Diese "neue Bescheidenheit" gilt natürlich nicht für Form und Ausstattung der Häuser! Hier geben Architekten und Designer ihr Bestes: Neben der preisgünstigsten Variante - Typ "robuster umgebauter Schiffscontainer" - gibt es den minimalistischen Kubus mit Glasfront, das schwedische Blockhaus en miniature oder den mobilen, holzvertäfelten Wohnwagon.

Entscheidet man sich nicht gerade für den Container, bieten die Mini-Häuser

"stilvollen, hochwertigen Wohnraum, der auf das Wesentliche reduziert ist, ohne auf Komfort verzichten zu müssen".

Wo sollen die eigenen vier Wände stehen

Ob aus Nur-Glas für den 360° Rundum-Blick oder aus edlem hellem Lärchenholz, ob mit Dachterrasse oder inszeniert als Mini-Südstaaten-Villa mit weißem, säulengeschmücktem Eingang auf einer Fassadenbreite von drei Metern - auf dem Mini-Haus-Markt ist alles möglich.

"Die HomeBox1 des Architekten Han Slawik ist das Hochhaus unter den Minihäusern. Auf einer Grundfläche von 2,44 mal 2,90 Metern steht das dreistöckige Kompakthaus, in dem sich auf drei Etagen Platz für Küche, Wohnzimmer, Schlafbereich und Badezimmer finden."

Allerdings gibt es bei den Mini-Häusern ein mini-kleines Problemchen: Nicht, dass die edleren Varianten des "Weniger-ist-mehr-Prinzips" für 25 klaustrophobische Quadratmeter locker die 100.000 Euro-Marke sprengen - die sollten einem das "Weniger-ist-mehr" schon wert sein! Nein, das Problem ist: Wo sollen die eigenen vier Wände eigentlich stehen?

Die Werbebroschüren präsentieren die Mini-Häuser vor alpiner Bergkulisse, an einsamen Seen, im Wald. An Orten, an denen die Zwergenhütten, die den geltenden Bauvorschriften unterliegen, nie stehen dürften. Es sei denn, es handelt sich bei dem Grund und Boden um Privatbesitz - und bei dem Mini-Haus also um eine exklusive Spielerei.

Als Alternative für den leergefegten Wohnungsmarkt in Großstädten aber fallen sie ohnehin weg, denn dort kostet noch die kleinste Baulücke Hunderttausende!

Die Ideologie vom "eigenen Reich"

Aber egal. "Welt" und "Faz" und natürlich die Hersteller beschwören weiterhin:

"Minihäuser sind die adäquate Antwort einerseits auf die Singularisierung unserer Gesellschaft (und) das Bedürfnis, dennoch ein eigenes Reich zu haben!"

Diese gebetsmühlenartig wiederholte Ideologie vom "eigenen Reich" bewirkt zweierlei: die Bauindustrie kann selbst noch mit beklemmenden Zwergenreichen ein Geschäft machen. Und diejenigen, denen Eigentum als Non plus Ultra eingeredet wurde, kommen nicht mehr auf die Idee, das würdiges Wohnen ein gesellschaftliches Recht für alle zu sein hat. Und dass ausreichender, günstiger Wohnraum für alle eine politische Aufgabe ist - die den Milliardengeschäften der privaten Bauwirtschaft und dem sozial ungleich verteilten Wohnraum ein Ende bereiten könnte.

Minihaus "Diogene" auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein (picture alliance / dpa)Minihaus "Diogene" auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein (picture alliance / dpa)

Wer übrigens bei Google das Stichwort "Mini-Häuser" eingibt, stößt ziemlich schnell auf eine Seite von Gruner und Jahr, die anschaulich vorführt, wie sehr die Vorstellung von "klein" abhängt vom jeweiligen sozialen Status: Ganz den Maßstäben ihrer gutbetuchten Klientel entsprechend, stellt sie preisgekrönte, angeblich "kleine" Häuser vor:

"Wer baut, will großzügig und frei wohnen. Dafür braucht es keine Villa. Wie gut es sich auf kleinem Raum leben lässt, beweisen die vier Preisträger des HÄUSER-AWARD 2014. Keiner der Entwürfe hat mehr als 150 Quadratmeter, und doch ist jeder eine Klasse für sich."

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