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Buchkritik | Beitrag vom 21.08.2020

Mineke Schipper: "Mythos Geschlecht"Wirkungsmächtige Legenden über Mann und Frau

Von Tabea Grzeszyk

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Das Buchcover "Mythos Geschlecht" von Mineke Schipper vor einem grafischen Hintergrund (Klett-Cotta Verlag / Deutschlandradio)
Buchcover: „Mythos Geschlecht" von Mineke Schipper (Klett-Cotta Verlag / Deutschlandradio)

Mineke Schipper trägt unzählige Geschichten und Mythen zusammen, die im Laufe der Menschheitsgeschichte das Patriarchat ideologisch legitimiert haben. Nach Meinung der niederländischen Literaturwissenschaftlerin tun sie dies noch heute.

"Eine neue Kulturgeschichte des Feminismus, mitreißend erzählt", verspricht der Verlag Klett-Cotta und meint das aktuelle Buch der niederländischen Literaturwissenschaftlerin Mineke Schipper.

Tatsächlich bietet "Mythos Geschlecht" spannende neue Perspektiven, indem es weniger die politischen, ökonomischen, sozialen oder historischen Bedingungen der Diskriminierung von Frauen in den Blick nimmt, sondern die Geschichten, Mythen und Legenden, die eine patriarchale Gesellschaftsordnung ideologisch legitimiert haben - bis heute: "Die mythische Vergangenheit hängt wie ein Klotz an der modernen Gegenwart", schreibt Schipper.

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Über drei Kapitel und ausführliche 351 Seiten hinweg trägt die Autorin Erzählungen über die Ordnung der Geschlechter zusammen. Ein enormer Materialreichtum, der trotz aller geographischen Vielfalt ein erschütternd gleichförmiges Rechtfertigungsmuster männlicher Vorherrschaft freilegt.

Ein sich selbst reproduzierender Gott

In Mythen rund um den Erdball treten an die Stelle einer autonomen, lebensspendenden "Mutter Erde" schrittweise männliche Gottheiten, die die Welt - ohne weibliches Zutun - in einem schöpferischen Akt erschaffen. Die zivilisierende Kraft eines männlichen Gottvaters tritt dabei an die Stelle von lebensgebärenden Muttergottheiten, die mit einer zunehmend bedrohlichen, unbeherrschbaren Natur assoziiert werden.

Ein prägnantes Beispiel eines männlich-autonomen Schöpfungsaktes findet sich in der ägyptischen Erzählung über den Sonnengott Atum. Dieser paart sich mit sich selbst, indem er masturbierend seinen eigenen Samen in den Mund nimmt, diesen ausspuckt und dadurch seine Kinder Shu und Tefnut hervorbringt. In Juden- und Christentum wird ein rein geistiger Schöpfungsakt beschrieben, wenn Gott in sechs Tagen alles Leben "aus dem Nichts" erschafft.

Als aufgeklärte(r) Leserin und Leser könnte man solche Legenden kopfschüttelnd zur Seite legen, wären nicht im zweiten Kapitel die dramatischen Folgen dieser Mythen für Frauen im Lebensalltag benannt. Die Abwertung weiblicher Fähigkeiten und Körperteile - von der Vulva bis zur Brustwarze - und verbale und körperliche Gewalt gegen Frauen spielen dabei bis heute eine Rolle: Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation erlebt jede dritte Frau in ihrem Leben sexualisierte Gewalt.

Enorm lesenswert - trotz einer großen Schwäche

Leider verpasst die Autorin bei ihrer abschließenden Bestandsaufnahme über die gegenwärtige Situation von Frauen die Chance, einen globalen Feminismus zu porträtieren, der längst nicht (nur) von westlichen Stimmen vertreten wird.

Die Positionen Schwarzer Feministinnen oder arabischer Frauenbewegungen bleiben unerwähnt, der leidige "Kopftuch-Mythos", der verschleierte Musliminnen als Gegenentwurf zu westlich-befreiten Feministinnen imaginiert, wird nicht zurückgewiesen.

Das macht "Mythos Geschlecht" zwar zu einer enorm lesenswerten, aber dezidiert westlichen Interpretation einer "Weltgeschichte weiblicher Macht und Ohnmacht".

Mineke Schipper: Mythos Geschlecht. Eine Weltgeschichte weiblicher Macht und Ohnmacht
Aus dem Niederländischen von Bärbel Jänicke
Klett-Cotta, Stuttgart 2020
351 Seiten, 24 Euro

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