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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 12.11.2011

Mindestlohn: Gerecht oder schädlich?

Gäste: Prof. Dr. Stefan Sell, Direktor des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik der FH Koblenz, und Dr. Hagen Lesch, Lohn- und Tarif-Experte am Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Moderation: Gisela Steinhauer

Ab wann kann man von seiner Arbeit leben? (AP)
Ab wann kann man von seiner Arbeit leben? (AP)

20 der 27 europäischen Länder haben einen Mindestlohn – Deutschland trotz lang andauernder Debatten nicht. Dabei wäre er längst vonnöten: Gut jeder fünfte Vollzeitarbeitnehmer in Deutschland arbeitet laut Angaben der Bundesagentur für Arbeit für einen Niedriglohn von weniger als 1800 Euro brutto. Mehr als jede dritte Frau und jeder zweite Jugendliche sind betroffen. Dennoch gibt es Mindestlöhne bisher nur in einzelnen Branchen.

Nun ist Bewegung in die Diskussion gekommen, denn selbst die CDU - die bisher einen Mindestlohn als Teufelszeug ablehnte - schwenkt um. Gesetzliche Mindestlöhne vernichten Arbeitsplätze, warnen indes die Gegner. Sie lindern Armut und entlasten die Sozialkassen, argumentieren Befürworter.

Nur, wie soll ein solcher Mindestlohn gestaltet sein? Kann ein Mindestlohn die geforderte Gerechtigkeit schaffen? Was ist ein gerechter Lohn?

"Grundsätzlich bin ich ein Befürworter eines gesetzlichen Mindestlohnes", sagt Prof. Dr. Stefan Sell. Der Direktor des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik an der Fachhochschule Koblenz beschäftigt sich seit Langem mit den Auswirkungen von Leih- und Zeitarbeit auf den Arbeitsmarkt und die Lohnentwicklung. Dass immer mehr Menschen nicht von ihrem Vollzeitjob leben könnten, sei ebenso ein Skandal, wie die Tatsache, dass mittlerweile rund 1,4 Millionen sogenannte "Aufstocker" auf staatliche Hilfe, also Hartz IV, angewiesen seien.

"Mich persönlich lehrt es vor allem, dass wir eine, ich nenne das eine Ordnungspolitik für unseren Arbeitsmarkt brauchen."

Es müsse eine verbindliche Untergrenze gezogen werden, um die Abwärtsspirale der Löhne zu stoppen. Die Tarifparteien allein seien dazu offensichtlich nicht in der Lage.

"Es ist schön, dass man mit einem Mindestlohn auch mehr verdient, aber ein Mindestlohn muss auch erwirtschaftet werden", entgegnet Dr. Hagen Lesch, Experte für Lohn- und Tarifpolitik beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

"Er verursacht ja auch Kosten, und es gibt Tätigkeiten, die einfach nur gering entlohnt werden können. Und die Gefahr besteht halt, dass, wenn wir einen zu hohen Mindestlohn festlegen, dann Arbeitsplätze verschwinden, in die Schwarzarbeit abwandern oder in die Schattenwirtschaft."

Er sperre sich nicht gegen einen Mindestlohn, nur die von den Gewerkschaften geforderte Höhe von 8,50 Euro sei nicht nur unrealistisch, sondern auch schädlich:

"Führende Forschungsinstitute gehen davon aus, dass schon ein Mindestlohn von 7,50 Euro bis zu 1,2 Millionen Arbeitsplätze kostet."

Auch die Forderung nach einem "gerechten Lohn" sieht der Volkswirtschaftler kritisch:

"Gerecht ist ein Mindestlohn nur für die tatsächlich Begünstigten, die ihren Job nicht verlieren. Für all jene, deren Arbeitsplatz durch einen Mindestlohn unrentabel wird, ist er sicher nicht gerecht."

"Mindestlohn: Gerecht oder schädlich?"
Darüber diskutiert Gisela Steinhauer heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr mit dem Tarifpolitik-Experten Hagen Lesch und dem Sozialwissenschaftler Stefan Sell. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der kostenlosen Telefonnummer 00800 / 2254 2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.

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