Minarett über dem Stacheldraht

Ein Junge fährt an der Trennungsmauer in Israel entlang. © picture alliance / dpa
Von Ellen Häring · 13.08.2013
Der 13. August 1961 ist als Tag des Mauerbaus in die Geschichte eingegangen. Von der Berliner Mauer sind inzwischen nur noch Reste als Mahnmal erhalten. Andernorts wurden inzwischen jedoch neue Mauern gebaut. So auch in Israel zwischen dem Westjordanland und dem so definierten "israelischen Kernland".
"Das ist die neun Meter hohe Mauer, ich glaube, sie ist etwas höher als die Berliner Mauer, und oben sehen wir den Stacheldraht, da ist eine Art Bewegungsmelder drin. Wenn also jemand einen Stein dagegen wirft oder so, dann wird das automatisch im Überwachungszentrum gemeldet und jemand wird hergeschickt."

Eine deutsche Reisegruppe steht einigermaßen fassungslos vor der neun Meter hohen Mauer, die sich zwischen Wohnhäuser quetscht. Rechts die Israelis, links die Palästinenser, dazwischen Beton. Ein Außenbezirk von Ostjerusalem, palästinensisches Gebiet, aber israelisch besetzt. 20 Meter weiter, in der nächsten Kurve, guckt ein Minarett über den Stacheldraht. Eine israelische Patrouille fährt vorbei, gepanzert. Die Berliner Mauer war 3,60 Meter hoch.

Es gibt zusätzlich noch Kameras, erklärt Ron Shatzberg, Mitte 30, und zeigt auf die Mauer. Alle paar Meter eine Linse. Die sollen verhindern, dass jemand über die Mauer klettert. Glücklich ist der Israeli mit der Mauer nicht. Aber sie hat ihren Zweck erfüllt, meint er:

"Der beste Beweis ist Jerusalem. Wir hatten über 400 Terroropfer vor dem Mauerbau, und seit 2005, seit die Mauer steht, gibt es nur noch sehr vereinzelte Angriffe, die alle aus Ostjerusalem kommen und nicht von außerhalb. Die Zahl der Opfer ist drastisch zurückgegangen."

Aus israelischer Sicht ist die Mauer deshalb ein Erfolg. Nicht einmal die linken Parteien stellen sie in Frage. Ihren Verlauf allerdings schon, denn Israel hat die Mauer und den Zaun relativ freihändig um Ostjerusalem gezogen. So liegen die illegalen jüdischen Siedlungen jetzt innerhalb der Mauer. Wo die tatsächliche Grenze der Heiligen Stadt verläuft, das ist - wie so vieles in Jerusalem - höchst umstritten.

"Wir fahren jetzt mit dem Bus in ein Dorf, das ist eine Region in Ostjerusalem, da würde jemand aus Westjerusalem niemals hingehen."

"Wer Mauern baut, der kann sie auch wieder einreißen", hat jemand auf Englisch an die Wand gesprüht. Die deutschen Besucher drehen sich noch einmal um und fotografieren den Klassiker unter den Mauer-Sprüchen, bevor sie in den Bus steigen.

Die Außenbezirke Jerusalems sind bergig und nur spärlich bebaut. Fuad Abu Hamed wartet auf einem Hügel im roten Wollpullover. Der Palästinenser lebt in dem Dorf, das unten im Tal liegt und aus vielen halb fertigen Rohbauten besteht. Er freut sich über den Besuch von Ron Shatzberg. Die beiden arbeiten zusammen, beide sind Friedensaktivisten - auch wenn sie oft anderer Meinung sind. Zum Beispiel, was die Mauer angeht.

"Die Mauer ist schrecklich. Ich bezweifle, dass die irgendeine Sicherheit bringt. Die Mauer trennt Palästinenser von Palästinensern, nicht Juden und Palästinenser. Wenn sie unbedingt eine Mauer wollen, dann sollen sie doch eine auf die grüne Linie setzen zwischen die Juden und die Palästinenser."

Die "grüne Linie", das wäre die Grenze, die die UNO 1949 festgelegt hat, die aber real nicht existiert. Es gibt zahlreiche jüdische Siedlungen hinter der grünen Linie, auch in Ostjerusalem. Fuad zeigt auf die rechte Seite des Tals, wo sich am Hang schmucke Häuser aus Kalkstein hochziehen. Sie sind nicht nur hübscher als die auf der anderen Seite des Hangs, wo Fuad wohnt. Sie sind auch höher.

"Das ist hier eine jüdische Siedlung. Sie sehen hier, dass die Regierung zwar für die jüdische Bevölkerung gebaut hat, aber nicht für uns Palästinenser. Wir müssen auf dem Land bauen, das uns unsere Großväter hinterlassen haben, und wir dürfen nur zwei oder drei Stockwerke bauen, nicht sieben oder acht wie in der jüdischen Siedlung auf der anderen Seite."

Fuad glaubt, dass die Regierung die Mauer gebaut hat, damit die Palästinenser mürbe werden, Jerusalem verlassen und nach Bethlehem ziehen, das nur eine halbe Stunde entfernt ist und unter palästinensischer Verwaltung steht. Ron findet, dass er übertreibt.

Ron: "Wie viel länger brauchst du tatsächlich, Fuad, um nach Bethlehem zu kommen? Du musst doch nur über den Checkpoint, dein Weg ist doch genau derselbe."

Fuad: "Du siehst nur diesen Aspekt, aber das ist nicht alles. Für mich ist es vielleicht nicht schwer. Aber meine Schwiegermutter ist 75 Jahre alt, sie darf nicht bei uns übernachten oder zu Mittag essen."

Die Schwiegermutter wohnt in Jericho, also im palästinensischen Westjordanland. Und darf nur mit einer aufwendigen Sondergenehmigung nach Ostjerusalem hinter die Mauer kommen.

"Stimmt das alles so?", wollen die Deutschen wissen, die im Kreis sitzend einmal nach rechts zu Ron und dann wieder nach links zu Fuad blicken - die jüdische Siedlung und das palästinensische Dorf als Kulisse im Tal. Doch, sagt Ron, es ist die Wahrheit.

"Wenn ihr mich fragt, was ich meine - also ich denke, es ist jetzt an der Zeit. Israel sollte langsam mal Entscheidungen treffen, die es erleichtern, dass die Menschen aus dem Westjordanland nach Ostjerusalem kommen können."

Und so, als wären die Deutschen per se Experten für alle Mauerfragen der Welt, guckt Fuad am Ende in die Runde und will wissen, wie das Leben nach der Mauer ist:

"Ich weiß ja nicht, lieben denn die Ostdeutschen jetzt die Westdeutschen? Immerhin hat bei euch der Staat doch nach dem Fall der Mauer einiges getan, oder?"

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