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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.05.2016

Milo Raus "Five easy pieces"Kinder erzählen die Geschichte eines Kindermörders

Eberhard Spreng im Gespräch mit Britta Bürger

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Der Schweizer Regisseur Milo Rau; Aufnahme vom Oktober 2012 in Weimar. Hier wollte Rau die Lesung "Breiviks Erklärung" aufführen. Das Deutsche Nationaltheater Weimar verbot die Inszenierung über den norwegischen Massenmörder Breivik, bei der auch für die Öffentlichkeit gesperrte Auszüge verlesen werden. Das Stück wurde dann in einem privaten Kino gezeigt. (re alliance / ZB)
Erfindet sich wieder einmal neu: Der Schweizer Regisseur Milo Rau (re alliance / ZB)

Der Schweizer Regisseur Milo Rau wagt ein Experiment: Er arbeitet mit acht- bis 13-jährigen Kindern und bringt mit ihnen in Brüssel das Leben des Kindermörders Marc Dutroux auf die Bühne. Kann das funktionieren?

Gerade hat der Schweizer Theatermacher Milo Rau den renommierten Preis des Internationalen Theaterinstituts bekommen, schon erfindet er sein Theater noch einmal neu: Bislang hat er vor allem mit der Methode des Reenactments gearbeitet, hat historische und aktuelle Gerichtsprozesse auf der Bühne nachgestellt. Diesmal lässt er in "Five Easy Pieces", einer Koproduktion des Internationalen Instituts für politische Mörder mit dem Art Center CAMPO, das Leben und Wirken des belgischen Kindermörders Marc Dutroux von Kindern darstellen. 

Doch keiner will Marc Dutroux spielen. Keines der sieben Kinder jedenfalls, die um den einen Erwachsenen auf der Bühne versammelt sind. Sie wollen einen König spielen, oder vielleicht einen Polizisten, nicht aber die Figur des Kindermörders, dessen Foto auf einer Videoleinwand aufflammt wie ein unheilvolles Menetekel. In fünf kurzen Szenen schickt Milo Rau sein Kinderensemble in Kernszenen der Schreckensgeschichte. Wir sehen das Kinderensemble bei der Videoaufnahme. Der Blick der Zuschauer geht wieder einmal zwischen dem großen Gesicht auf der Leinwand und dem kleinen, aber physischen auf der Bühne hin und her.

Pädagogisch durchmoderierter Abend

Der Zuschauer soll schauen und sich seines Schauens gewiss werden, die Kinder betrachten und zugleich über sein Betrachen als einer erlernten Kulturpraxis nachdenken.

Milo Rau, sonst ein Meister strenger Konzentration, ist hier ein wenig fahrig im Umgang mit offensichtlich etwas zu vielen möglichen, aber nicht zwingenden Ideen. Auch weicht er einer zentralen Theater-Frage aus: Liegt in dem Blick der erwachsenen Zuschauer auf die Körper von Kindern etwas notorisch Herrschsüchtiges, das sich pervertiert in Pädophilie, dann Kinderpornographiekonsum und schließlich Folter und Mord steigern kann? Anders gefragt, ist etwas von Dutroux in uns allen?

Merkwürdigerweise ist man am Ende nicht einmal auf den erwachsenen Spielleiter Peter Seynaeve böse, der die Kinder mal gelangweilt, mal lakonisch, mal routiniert, mal heftig aufbrausend über die Bühne lenkt. Der Abend ist komplett pädagogisch durchmoderiert und das schützt alle Beteiligten vor bösen Entdeckungen. "Fife Easy Pieces" setzt seinen Fuß in die Vorhölle, geht aber von da keinen Schritt weiter.

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