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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 06.09.2014

MilitärpolitikFür den Frieden zu den Waffen greifen?

Über Macht und Machtlosigkeit der westlichen Welt

Von Anthony Glees

NATO-Gipfeltreffen in Newport, Wales.  (AFP / STEFAN ROUSSEAU)
Der Ukraine-Konflikt und die Terrorgruppe "Islamischer Staat" beschäftigten den NATO-Gipfel in Wales. (AFP / STEFAN ROUSSEAU)

Ein militärisches Einschreiten des Westens gegen russische Ambitionen in der Ukraine sei undenkbar, kommentiert der Politologe Anthony Glees. Die Kriminellen des "Islamischen Staates" mit Waffen zu bekämpfen, hält er für ratsam - um auf der Weltbühne nicht machtlos dazustehen.

Wer hätte das gedacht? Genau 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges steht den Nationen Europas eine Bedrohung bevor, die nicht nur ihre äußere und innere Sicherheit in Bedrängnis bringen, sondern die gesamte friedlich-freie Grundlage schwer gefährden kann.

An der östlichen Flanke der EU sehen wir, wie ein immer aggressiver werdender Putin immer mehr Opfer fordert, nicht um die Krise der Ukraine zu beenden, sondern in der Schwebe zu halten.

Befreundete Staaten bedroht

Im Mittleren Osten, also an der süd-östlichen Hintertür der EU, ist die Lage noch schlimmer. Eine mörderische Horde von islamistischen Terroristen kontrolliert weite Teile des Iraks und Syriens, ja bedroht andere, uns befreundete Staaten wie Jordanien und Libanon.

Die Kämpfer sind zu einem Magnet für mehr als 2000 junge Moslems aus der EU geworden. Hiervon kommen 600 aus Großbritannien und von denen sind 250 schon wieder zurückkehrt, nachdem sie an sadistischen und mittelalterlichen Enthauptungen teilgenommen haben.

Diese mordlustigen Gesellen haben via Internet geschworen, die "Welt zu erobern" und "die schwarze Fahne des Djihad über dem Buckingham Palace und der Downing Street zu hissen".

Man könnte also meinen, die Führer der nordatlantischen Allianz hätten schon lange allen Grund gehabt, klar zu entscheiden, dass sie dieser Bande ein Ende machen und die nötigen militärischen Schritte unternehmen werden.

Risiko eines Nuklearkriegs

Gegen russische Ambitionen in der Ukraine ist ein militärisches Einschreiten undenkbar, erstens weil die Ukraine weder NATO- noch EU-Mitglied ist, zweitens weil dies zu einem weltvernichtenden Nuklearkrieg führen würde. Letztlich dürfte dieses Risiko auch den Kreml abschrecken, über die Ukraine hinauszugehen, etwa das Baltikum zu bedrohen.

Gegen die enthemmten Kriminellen des sogenannten "Islamischen Staates" allerdings wäre es möglich, vorzugehen. Sogar der irakische Diktator Saddam wurde in nur fünf Wochen erledigt.

Aber die Führer der freien Welt sitzen auf ihren gut bewaffneten Händen. Barack Obama klügelt noch eine amerikanische Strategie aus. Und Großbritannien versteht sich zwar als eine globale Macht, doch es kann seine globalen Interessen nicht mehr vertreten. Es ist der Irakkrieg von 2003, der uns effektiv entmachtet hat, denn seither weiß jeder Politiker, der sich für einen Krieg einsetzt, dass er von seinen Wählern lebenslänglich verachtet wird.

Mit Waffen die Werte des Westens verteidigen

Sicher, wir, die NATO und die EU sind verantwortlich für die Fehler, die mit dem Einmarsch in den Irak gemacht wurden. Doch wenn wir uns mit Waffen und Heeren ausrüsten, aber zu ängstlich geworden sind, um sie zu gebrauchen, wenn wir unsere Macht nicht mehr einsetzen, Menschen in Not vor einem abscheulichen Tod und vor Folterungen zu retten, dann gestehen wir vor aller Welt ein, dass uns unsere, die westlichen Werte doch nicht so wichtig sind.

Erscheinen wir auf der Weltbühne machtlos, dann sind wir auch nicht mehr fähig, uns selber gegen innere und äußere Feinde zu verteidigen. Und wenn diese das merken, ist es kein Geheimnis, was als Nächstes auf uns zukommen wird. Es ist doch in Wirklichkeit so, manchmal muss der Frieden mit Waffen verteidigt werden.

Anthony Glees (June Costard)Anthony Glees (June Costard)Anthony Glees, geboren 1948 in Oxford, ist Professor für Politikwissenschaften an der Universität Buckingham. Er studierte in Oxford, Bonn und Göttingen, lehrte ebenfalls in Oxford, aber auch in Warwick und Brunel, beschäftigt sich wissenschaftlich mit den britisch-deutschen Beziehungen, der Europapolitik und nationalen Sicherheitsfragen (Terrorgefahren, Geheimdienstarbeit), und schrieb sechs Bücher sowie Artikel für Zeitungen und Hörfunk.

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