Militärische Schiffwracks in der Nordsee

    Unterwasserjagd nach Umweltgiften

    06:50 Minuten
    Philipp Grassel, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Maritime Archäologie im Schifffahrtsmuseum Bremerhaven, hält eine Geschosshülse in seinen Händen.
    Erforschung von Hinterlassenschaften aus Kriegszeiten: Über das Wasser in einen weltweiten Kreislauf. © picture alliance / Carmen Jaspersen
    Sunhild Kleingärtner im Gespräch mit Dieter Kassel · 11.08.2021
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    In der Nordsee gesunkene Kriegsschiffe beherbergen noch immer Munition. Durch Korrosion treten Gifte aus, die ein Forschungsprojekt seit 2018 untersucht. Nun wird das Thema durch eine Wanderausstellung anschaulich dargestellt.
    Eine offizielle Zahl gibt es nicht, doch Wissenschaftler schätzen, dass rund 680 militärische Schiffwracks aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg auf dem Grund der Nordsee legen. Sie beherbergen noch immer Munition, aus der giftige Substanzen austreten. Ein internationales Forschungsprojekt untersucht die Gefahren, die davon ausgehen.

    Tour durch fünf Länder

    Nun gibt es dazu auch eine Wanderausstellung mit dem Titel "Toxic Legacies of War: North Sea Wrecks", die das Thema bekannter machen und in die Öffentlichkeit tragen soll. Sie wird zur Zeit in Bremerhaven auf dem Gelände des Deutschen Schiffahrtsmuseums gezeigt.
    Nach dem dortigen Auftakt tourt die mobile Schau bis September 2022 durch Deutschland, Dänemark, die Niederlande, Norwegen und Belgien. Geplant sind Stopps auf Festivals und Veranstaltungen, die sich schwerpunktmäßig mit Meeresforschung und Meeresschutz beschäftigen.

    Muscheln als Marker

    Nach Schätzungen liegen allein in der deutschen Nordsee rund 1,3 Millionen Tonnen Munition aus Weltkriegszeiten, oft in versenkten Kriegsschiffen. Dabei handele es sich vor allem um TNT, sagt Sunhild Kleingärtner, Geschäftsführende Direktorin des Deutschen Schifffahrtsmuseums und Leiterin des Projekts "North Sea Wrecks". Was dort an Gift austrete, gelange über das Wasser in einen weltweiten Kreislauf.
    Aus historischen Unterlagen lässt sich laut Kleingärtner relativ gut rekonstruieren, wo die Schiffe einst untergegangen sind. Die Aufzeichnungen der Militärs seien sehr genau gewesen, berichtet sie. Die Identifizierung der Wracks sei dennoch nicht immer einfach.
    Untersucht werden die untergegangenen Schiffe unter anderem mit der Hilfe von Muscheln. Diese seien als Marker gut geeignet, berichtet Kleingärtner. An den Wracks werden Säcke mit Muscheln befestigt, die dann für eine bestimmte Dauer unter Wasser bleiben. Die Muscheln nehmen dann die toxischen Substanzen der näheren Umgebung auf und können darauf im Labor untersucht werden.
    Das mit mehreren Millionen Euro von der EU geförderte Forschungsprojekt läuft seit 2018. Die Nordsee-Anrainer wollen in einer Datenbank Standorte von Wracks, Ladung und Abfällen am Meeresboden identifizieren, kartieren und bewerten.

    Proben eines Wracks vor Helgoland

    Beteiligt sind neun Projektpartner aus fünf Ländern, so unter anderen das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven und das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel mit seinem Institut für Toxikologie und Pharmakologie.
    Zuletzt brachen Wissenschaftler im April mit dem deutschen Forschungsschiff "Heincke" auf, um westlich von Helgoland Proben vom Wrack des Kreuzers "SMS Mainz" zu nehmen, der dort im Ersten Weltkrieg sank. Dabei wurden unter anderem Organismen von der Außenwand des Wracks gesammelt sowie Wasser- und Sedimentproben genommen.
    (ahe/epd)
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