Mikhail Zygar: „Die Zukunft, die nie kam“

Das Chaos der postsowjetischen Ära

07:08 Minuten
Cover von Mikhail Zygars Buch „Die Zukunft, die nie kam“
© Aufbau Verlag

Mikhail Zygar

Aus dem Russischen von Norbert Juraschitz

Die Zukunft, die nie kam. Wie der Zerfall der Sowjetunion bis heute nachwirktAufbau Verlag, Berlin 2026

829 Seiten

36,00 Euro

Von Alexandra Wach |
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Es gibt eine Kontinuität vom Stalinismus der Sowjetzeit zum heutigen autoritär regierten Russland. Die Zusammenhänge zeigt der russische Journalist Mikhail Zygar in seinem Buch "Die Zukunft, die nie kam" auf. Er selbst lebt mittlerweile im Exil.
Die provokante Frage, wer den Kalten Krieg wirklich gewonnen hat, stellt Mikhail Zygar gleich an den Anfang. Einen Großteil seines Lebens lang dachte er, er wüsste die Antwort, schreibt er. Doch 30 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion glaubt er, dass weder Russland noch der Westen als Sieger hervorgegangen sind.

Dieses Buch handelt vom Zusammenbruch eines Reiches, das seine Werte verlor. Und von denjenigen, die immer noch an Demokratie glauben und darum kämpfen, die Welt zu verändern. Die hier beschriebenen Ereignisse spiegeln einen großen Teil von dem wider, was derzeit in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt passiert – nur umgekehrt.

Mikhail Zygar: „Die Zukunft, die nie kam“

Der in Moskau geborene Autor ist Journalist und Historiker. Er wurde als Kriegskorrespondent bekannt, bevor er den einzigen unabhängigen Nachrichtensender der 2010er-Jahre mitaufbaute. Mit ihm als Chefredakteur entwickelte sich „Doschd“ zu einer wichtigen Plattform für Stimmen, die der Zensur des Kremls die Stirn boten.
"Ich war ein sowjetisches Kind. Die UdSSR, samt ihrer Kultur und Mythologie, war mein ganzes Universum. Ich war vier Jahre alt, als die Perestroika begann, und zehn, als die Sowjetunion aufgelöst wurde. Ich glaube, dass ich in diesen Jahren lernte, wie die Menschen wirklich waren."
Zygar verließ Russland wenige Tage nach der Ausweitung des Kriegs gegen die Ukraine. Seither hat er sich als international gefragter Kommentator der russischen Politik etabliert.

Kapitalismus ohne menschliches Antlitz

In seinem neuen Buch „Die Zukunft, die nie kam“ zeichnet er mit Insiderblick ein ernüchterndes Bild des heutigen Russlands. Seine Kernthese ist, dass das autoritäre Erbe der Sowjetunion nie abgebaut wurde. Damit teilt er die Einschätzung anderer Exilautoren, von Wladimir Sorokin über Michail Schischkin bis zu Boris Akunin.

Zu den Verlierern der Putin-Ära zählten nicht nur die ehemaligen Dissidenten, sondern auch jene pragmatischen Reformer, die sich in den 1990er-Jahren um Jelzin geschart hatten. Die Ideologen des Prager Frühlings 1968 träumten von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz – aber Putin fand eine andere Formel: Kapitalismus ohne menschliches Antlitz. Weder Menschenrechte noch Demokratie – nichts als Zynismus und Brutalität.

Mikhail Zygar: „Die Zukunft, die nie kam“

Perestroika als instabile Bewegung

Entgegen der im Westen weitverbreiteten Vorstellung deutet Zygar die Perestroika als einen chaotischen Übergang von Unterdrückung zu Freiheit, der das System mit sich riss. Er geht auf Putschversuche gegen Gorbatschow, die Pogrome in Armenien und Aserbaidschan ebenso ein wie auf die Niederschlagung von Protesten in Georgien. Systemische Gewalt, so legt er nahe, verschwand 1991 nicht einfach.

Die Leute, die jetzt in Russland an der Macht sind, gehören zur letzten sowjetischen Generation – jene, die die sowjetische Kultur noch in sich aufnahmen, aber nicht den sowjetischen Glauben. Sie bewunderten den Kalten Krieg, betrachteten Dissidenten als Verräter und fanden Gefallen daran, von der eigenen Größe zu schwadronieren.

Mikhail Zygar: „Die Zukunft, die nie kam“

Zygars journalistischer Hintergrund verleiht seiner Prosa eine lebendige Direktheit, während sein dichtes Mosaik aus Lebensfragmenten von Politikern, Dissidenten, Musikern und Dichtern auf Augenzeugenberichten fußt.
Zeitlich blickt er weit zurück: von Chruschtschows Tauwetter-Reformen bis hin zu Breschnews seltsamen Besuch in Baku kurz vor seinem Tod.1982 traf dieser zu einem öffentlichen Spektakel in Aserbeidschan ein. Doch der Staatschef, zu schwach, um die Stufen zur Ehrentribüne zu erklimmen, fuhr wieder davon.

Die Organisatoren sind einige Sekunden lang schockiert – aber die Kameras laufen bereits, und es gibt kein Zurück. Die Übertragung erweckt den Eindruck, als wäre die ganze Stadt auf den Beinen. Breschnew kommt an seiner Unterkunft an und legt sich schlafen.

Mikhail Zygar: „Die Zukunft, die nie kam“

Von Wendehälsen und entzauberten Ideologen

Zygars fesselnder, mitunter überaus persönlicher Rückblick ist voller solcher Vignetten. Selbst wenn man schon viel zur jüngeren russischen Geschichte gelesen hat, gibt es auf den über 800 Seiten noch einiges Neues zu entdecken.
Gorbatschow erscheint unentschlossen angesichts der Gewalt an der Peripherie. Jelzin wirkt angetrieben von Ehrgeiz statt von Prinzipien – und stets peinlich betrunken. 1991 wechselte er einfach die Fronten:

Präsident Jelzin entließ bald die sogenannten Demokraten, umgab sich mit ehemaligen Kommunisten und KGB-Offizieren und zettelte in Tschetschenien einen Krieg an.

Mikhail Zygar: „Die Zukunft, die nie kam“

An manchen Stellen hätte eine Straffung gutgetan. Insgesamt geht Zygars Konzept aber auf: Die Unübersichtlichkeit der Erzählung spiegelt das Chaos der postsowjetischen Ära wider.

Gorbatschow gelang es nicht, einen blutigen Bürgerkrieg zu verhindern, und die sowjetischen Konservativen erscheinen jetzt als die wahren Triumphierenden.

Mikhail Zygar: „Die Zukunft, die nie kam“

Russland als fatales politisches Versuchslabor

Auf die Euphorie des Neuanfangs folgte ein Glaubensvakuum, meint Zygar. Das hielt aber nicht lange an. Er beschreibt den Glauben an imperiale Größe, die in stalinistischer Nostalgie wurzelte. Er zeichnet nach, wie der Marxismus einer nationalistischen Mystik wich. Heute durchziehen diese Ideen den russischen patriotischen Diskurs.
Die historischen Analogien sind eine Stärke dieser lesenswerten Abrechnung. Zygar macht deutlich, wie gefährlich es sein kann, wenn politische Überzeugungen leise fortbestehen und eben nur scheinbar verschwunden sind. Und er entlarvt Russland als ein fatales Versuchslabor dessen, was auch aus anderen politischen Gemeinwesen werden könnte.
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