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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.11.2018

Migrationsforscher über Plakataktion des Innenministeriums Echte Hilfe zur Rückkehr geht anders

Herbert Brücker im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Plakat-Aktion des Innenministeriums unter Horst Seehofer: "Dein Land. Deine Zukunft. Jetzt.", Winter 2018 (Deutschlandradio)
Das sei "zynisch", meint der Migrationsforscher Herbert Brücker zur Plakataktion des Innenministeriums. (Deutschlandradio)

In vielen Städten hängen derzeit Plakate, die Geflüchtete zur Rückkehr in ihr Heimatland auffordern. Die Aktion des Innenministeriums hat für viel Kritik gesorgt. Auch der Migrationsforscher Herbert Brücker sagt: Echte Hilfe sieht anders aus.

"Dein Land. Deine Zukunft. Jetzt!" – Mit diesem Slogan will das Bundesinnenministerium von Horst Seehofer Geflüchtete derzeit zur Rückkehr in ihr Heimatland bewegen. Viele finden die Plakate misslungen. Auch der Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung, Herbert Brücker, ist der Meinung, dass es sich das Ministerium hier zu einfach macht.

Der Slogan sei unzutreffend und etwas zynisch, sagt Brücker im Deutschlandfunk Kultur. "Viele Menschen, die zurückkehren müssen, haben eben gerade keine Zukunft in ihren Heimatländern. Sie haben ja auch Gründe, warum sie nach Deutschland gekommen sind." 

Viel zu geringe Finanzmittel

Menschen bei der Rückkehr zu helfen, sei grundsätzlich sinnvoll, so Brücker – aber "nicht durch solch eine Kampagne, sondern durch ernst gemeinte Beratung". Die Kampagne des Innenministeriums spreche allerdings dafür, dass die Bundesregierung nicht in der Lage sei, ernsthaft zu beraten: "Zur Beratung gehört erst mal die Wahrheit – und die Wahrheit ist, dass die Lebensverhältnisse in den Herkunftsländern schwierig sind." Man müsse den Menschen Brücken bauen, mit diesen Verhältnissen zurecht zu kommen: "Das geht auch mit diesen sehr geringen Finanzmitteln, die man in die Hand nimmt, nicht."

Es bräuchte komplexe Enwicklungsprogramme

Vielmehr seien komplexe Programme erforderlich, so der Migrationsforscher. "Man muss die Menschen dabei unterstützen, Wohnungen zu finden, Arbeit zu finden und adäquate Qualifizierung." So etwas lasse sich nur über Anstrengungen im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit angehen – was allerdings nicht immer möglich sei. In Afghanistan beispielsweise sei diese aus Sicherheitsgründen kaum präsent. Brücker: "Wir erwarten, dass die Menschen zurückgehen in diese Länder, die nicht sicher sind – sind aber selber nicht wirklich tätig und können darum auch gar nicht richtig unterstützen."

Eher ein Signal an die Deutschen

Dass die Aktion, die jedem Rückkehrer 1200 Euro anbietet, tatsächlich etwas bewirkt, glaubt der Migrationsforscher nicht: "Man muss sehen, dass jemand im Durchschnitt 6000 Euro ausgegeben hat, um hierher zu kommen. Und die Anreize dann für 1200 Euro zurückzukehren, sind doch relativ gering." Insgesamt richte sich die Kampagne ohnehin wohl nicht vorranging an die Geflüchteten, sondern sei vermutlich primär innenpolitisch gemeint – "als Signal an die deutsche Bevölkerung nach dem Motto 'Wir tun was'."

(kü)

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