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Profil / Archiv | Beitrag vom 26.03.2014

Migrationsdebatte Politisch unkorrekt

Ein Däne palästinensischer Herkunft schreibt über seine Jugend

Von Peter Urban-Halle

Yahya Hassan (dpa / picture alliance / Hendrik Schmidt)
Der 18-jährige dänische Lyriker Yahya Hassan auf der Leipziger Buchmesse (dpa / picture alliance / Hendrik Schmidt)

Er stahl auf der Buchmesse in Kopenhagen sogar den beliebten Krimiautoren die Schau - und er war dabei erst 18 Jahre alt: Yahya Hassan. Mittlerweile wurden in Dänemark etwa 100.000 Exemplare seines Werks verkauft. Der Ullstein Verlag hat die deutsche Übersetzung außerplanmäßig noch ins Frühjahrsprogramm gesetzt.

Im vergangenen Herbst mischte ein "Angry Young Moslem" die literarische Szene Dänemarks auf: Yahya Hassan, geboren am 19. Mai 1995 in Aarhus, der zweitgrößten Stadt Dänemarks, genauer gesagt: im Aarhuser Problemviertel Trillegården, Sohn von Palästinensern, vier Geschwister. Der Junge schrieb einen Gedichtband, den seit Oktober sage und schreibe 100.000 Dänen gekauft haben; jetzt ist er auch auf Deutsch zu lesen. Hassan ist 18, ein Stürmer und Dränger mit Schillerzopf, ein Problemkanake mit Olivenhaut, ein Straßenjunge, der schon mit 13 nicht mehr in der Familie wohnen durfte, der von der Polizei abgeholt wurde: wegen Diebstahls, Einbruchs, Drogenhandels, Schlägereien, die ganze Palette.

"Das ist meine Geschichte, vor der kann ich nicht weglaufen."

Der jugendliche Yahya saß in verschiedenen therapeutischen Einrichtungen in Dänemark; mit 16 hatte er ein Verhältnis mit seiner 22 Jahre älteren Erzieherin. 

In Hans Christian Andersens Vaterlandshymne heißt es: "In Dänemark geboren, da bin ich zu Haus". Auch Hassan ist in Dänemark geboren, nur ist seine dänische Wirklichkeit nicht ganz so idyllisch. Was ist er eigentlich, ein Palästinenser mit dänischem Pass oder ein Däne mit palästinensischen Eltern?

"Guck mich doch an, ich seh nicht aus wie ein Däne."

Er hat keine Botschaft

Yahya Hassan hat keine Botschaft zu verkünden. Aber er hat schon jetzt mehr bewirkt als alle gutgemeinten sozialen Projekte und intellektuellen Gespräche zusammen. Zum Beispiel hat er eine umfassende Diskussion in Gang gesetzt, wer was wann sagen darf und wer nicht. "Ich seh nicht aus wie ein Däne" – ist es nicht rassistisch, so was zu sagen?

"Kommt drauf an, wie man es sagt."

Ich habe Hassan zuerst im vergangenen November auf dem Kopenhagener Buchforum getroffen, schon damals rauchte er wie ein Schlot. Da lief er noch in Straßengang-Kluft herum, Kapuzenpulli usw., jetzt auf der Buchmesse in Leipzig erschien er in fast kleinbürgerlichem Aufzug: helle karierte grobmaschige Hose, schwarzer Pullover, brav auf der Schulter geknöpft, und ein unauffälliges braunes Jackett. Vor vier Monaten war er auch noch redseliger, mittlerweile ist er etwas wortkarger geworden. Oder auch nur vorsichtiger.

Denn Hassans Gedichtband ist politisch nicht korrekt, in ihm stehen Sätze, für die Thilo Sarrazin seine Karriere opfern musste.

Hassan greift die Generation seiner Eltern an, die ihre Kinder im Stich gelassen haben. Während sie von staatlicher Unterstützung lebten und arabisches Fernsehen guckten, sind aus den Kindern Penner und Kriminelle geworden.

"Ich piss auf Allah"

"Die haben ja die Verantwortung für meine Erziehung, für meine religiöse Indoktrinierung, sie haben die Verantwortung dafür, dass Gewalt zu ihren Erziehungsmethoden gehörte, sie haben Dänemark schlecht gemacht, obwohl sie dahin geflohen sind, um Hilfe zu bekommen. Und sie reden ständig von Religion und leben gleichzeitig auf Kosten der Gesellschaft."

Die Autorität der Eltern in Frage zu stellen, ist das eine. Das andere und Wichtigere ist, dass er auch seine Religion angreift, und ziemlich harsch: "Ich piss auf Allah und auf sein Gesandten und auf alle nutzlosen Jünger", heißt es mit gewollt schräger Grammatik. Schon vor vier Monaten fragte ich ihn, was es am Islam auszusetzen gebe. Wir saßen mitten im Trubel des Buchforums, Jungen und Mädchen deutlich nichtdänischen Ursprungs scharten sich kichernd und flüsternd um uns und fummelten mit ihren Handys. Das machte Hassan sichtlich nervös. Sie könnten seinetwegen zuhören, sagte er, aber er wolle auf keinen Fall fotografiert werden.

"Ich finde, da ist zu viel Feindschaft in dieser Religion, zu viel Aufteilung. […] Im Islam wird zu viel unterschieden zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen, Dänen und Arabern. In meinen Augen ist diese Religion dafür verantwortlich, dass sie den Austausch zwischen der einen und der andern Gesellschaft, auch zwischen dem einen und dem andern Menschen ausschließt, weil alle andern verkehrt sind, weniger wert, sie beurteilt einen nicht nach menschlichen Qualitäten, [weil man nett oder schön ist oder gut Fußball spielen kann,] sondern nach seinen religiösen."

Morddrohungen gegen den Verräter an Tradition und Glauben sind seither an der Tagesordnung. Das sei "gute alte Arabertradition", hatte er im November vor Publikum gesagt. Im Dezember wurde er tatsächlich von einem Moslem angegriffen. Glücklicherweise ging der Überfall glimpflich aus. Aber mittlerweile muss er mit schusssicherer Weste herumlaufen und hat ständig zwei Leibwächter um sich.

"Früher hatte ich zwei Sozialpädagogen auf dem Hals oder zwei Polizisten, jetzt sind’s zwei Agenten vom Polizeilichen Nachrichtendienst …"

Seit einem halben Jahr geht Yahya Hassan auf die Schriftstellerschule in Kopenhagen, er hat dort eine Freundin, die acht Jahre älter ist. Seine künstlerische Laufbahn begann schon früh.

Rechtsextreme Dänen mögen ihn

"Mit 12, 13 fange ich an, Rap-Musik zu machen, das war die Art Musik, die man in dem Milieu hörte, in dem ich aufwuchs. Die Stadtverwaltung hat eine Menge Rapschulen aufgemacht. Das ging so ein paar Jahre, aber ich hab mich irgendwie gefangen gefühlt in einem falschen Genre, das mir nicht passte, ein bisschen zu gekünstelt, ein bisschen zu gangsterartig."

Unter den 100.000 Käufern seines Gedichtbandes sind sicher nicht nur Lyrikfans, die sich über die schreckliche Situation ihrer ausländischen Mitbürger informieren wollen. Darunter sind bestimmt auch eine Menge rechtsextremer Dänen. Aber Hassan sagt ganz richtig, dass man nie etwas ändern könne, wenn man immer nur Angst vor falschen Freunden habe.

"Ich hasse Rechtsradikale, genauso wie ich radikale Islamisten hasse. […] Aber nun ist mein Buch ein Produkt, das man im Buchhandel kaufen kann. Das ist so, wie wenn man im Supermarkt einen Käse kauft, dann ist es auch nicht die Schuld des Käses, ob man ihn für eine Fleischsoße nimmt oder für eine Pizza. […] Ich habe einen Gedichtband geschrieben und ich trage die Verantwortung für meine Gedichte, aber nicht dafür, wie die Leser die Gedichte interpretieren."

Ohne es zu wollen könnte Yahya Hassan vielleicht eine integrative Rolle spielen, die bisher noch niemand ausfüllen konnte. Zumindest hat die Diskussion durch seine Gedichte ein so offenes, tabuloses und umfassendes Niveau erreicht, wie man es sich für Deutschland wünschen würde.

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