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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 25.07.2014

Migration und SchuleVon Ü-Klassen und Willkommensklassen

Wie unterschiedlich zwei Bundesländer Flüchtlingskinder fördern - und was es bringt

Von Bettina Weiz und Christina Rubarth

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Schülerin mit Migrationshintergrund meldet sich im Unterricht (dpa / Waltraud Grubitzsch)
Kommen Flüchtlingskinder nach Deutschland, haben sie viele Hindernisse zu bewältigen. Unter anderem die deutsche Sprache. (dpa / Waltraud Grubitzsch)

Plötzlich in einem fremden Land ohne Sprachkenntnisse - eine schwierige Situation. Zwei Reporter zeigen, wie Bayern und Berlin Flüchtlingskindern den Einstieg ins deutsche Schulsystem ermöglichen wollen. Und was für Schwierigkeiten Lehrer und Schüler dabei bewältigen müssen.

Übergangsklassen sind die vielfältigsten Klassen Bayerns. Die Schüler und Schülerinnen stammen aus Rumänien, Somalia, Griechenland, Uganda oder anderen Ländern. Manche sind wohlvorbereitet im Kreis ihrer Familien nach Deutschland gekommen, andere haben sich alleine durch Wüsten und übers Meer hierher durchgeschlagen. Einige haben vorher kaum eine Schule von innen gesehen; andere sind gebildeter als deutsche Gleichaltrige. Nun sitzen sie im Klassenzimmer nebeneinander und lernen alle ersteinmal dasselbe: Deutsch. Viele konnten kein Wort, als sie ankamen. Nach zwei Jahren sollen sie fit für die Regelklasse sein. Bettina Weiz hat eine Übergangsklasse mehrere Monate lang begleitet und herausgefunden, dass die sogenannten Ü-Klassen die grundsätzlichen Probleme des bayerischen Schulsystems wie im Brennglas konzentrieren.

 

Praktischer Bürstenhaarschnitt, wacher Blick durch die kleine Brille: Catalin aus Bukarest betritt am Beginn des Schuljahres 2013 /14 zum ersten Mal die Simmernschule in München-Schwabing. In den hohen Sälen des Gründerzeitbaus trifft er:

Vasili aus Griechenland, Vanessa und Alexandra aus Rumänien, Adis aus Bosnien, Moussa aus dem Senegal und:

"Mohamed, ich bin 16 Jahre alt, ich komme aus Somalia."

Gemeinsam ist ihnen: Sie leben in München, sind zwischen 13 und 17 Jahre alt - und können kein Deutsch.

"Wir müssen schauen, dass die Kinder im bayerischen Schulsystem ihren Platz finden und nicht aus dem System fallen",

sagt Angelika Thuri-Weiss, die Schulleiterin. Sie nimmt Catalin und die anderen in die 8ü auf. Ü steht für "Übergangsklasse". Gemeint ist der Übergang vom Ausland nach München. Hätte es die Kinder irgendwo aufs Land in Bayern verschlagen, würden sie vermutlich normale Klassen besuchen, die sogenannten Regelklassen. Zusätzlich oder anstelle einzelner Fächer bekämen sie mehr oder weniger Stunden Deutsch als Zweitsprache. Aber besonders in München und Nürnberg, wo viele Kinder neu zuziehen, gibt es die Ü-Klassen. Bayernweit sind es 244 mit insgesamt 3634 Schülern:

"Gerade in Bayern, das Schulsystem ist verwirrend für manche, auf der anderen Seite liebe ich es, weil es einfach so differenziert ist und für jeden wirklich eine individuelle Möglichkeit bietet."

Differenzierung bedeutet in Bayern Aussortieren

Differenzierung ist das Zauberwort der bayerischen Schulpolitik. Es könnte individuelle Förderung bedeuten. Zunächst heißt es aber Aussortieren. Die Schwächsten werden von Schulbeginn an in eigene Förderzentren ausgesondert, erst in letzter Zeit gibt es Ansätze der Inklusion. Ab der fünften Klasse werden alle kleinen Bayern und Bayerinnen voneinander getrennt: Die Besten ins Gymnasium, die Mittleren in Real- oder Wirtschaftsschule, der Rest in die Mittelschule. Und selbst dort wird weiter differenziert: in die, die schon deutsch können und in die ü-Klässler.

Maressa: "Kommt rein bitte!"
Kind: "Ok, Frau Maressa."

Catalin aus Bukarest und 21 andere gehen im September 2013 in die 8ü der Simmernschule.

"Guten Morgen!"
"Guten Morgen!"

Auf ihrem Stundenplan steht neben etwas Mathe, Naturwissenschaften und Sport vor allem Deutsch. Zehn Stunden pro Woche.

"Gestik, Mimik, Theaterspielen, Gegenstände mitbringen, zeigen, das ist der Bleistift, das ist das Lineal usw, am Anfang weiß wirklich keiner ein Wort."

Jennifer Maressa, die Klassenlehrerin, hat ihren Saal mit Zettelchen gespickt: An der Tür steht "Tür", an der Tafel "Tafel", an einem der großen Fenster zum baumbestandenen Schulhof steht "Fenster".

Maressa: "Der Pullover"
Alle: "Der Pullover"
Maressa: "Der Atlas"
Alle: "Der Atlas"

Die Gegenstände, die zu den Wörtern passen, hat die Lehrerin angeschleppt und auf einem Tisch aufgebaut.
Maressa: "Das Spiel"
Alle: "Das Spiel"

An Weihnachten können die Schüler schon so viel Deutsch, dass sie Flohmarkt spielen können.

Ein aktuelles Lehrbuch gibt es nicht, sagt die Lehrerin. Sie denkt sich den Unterricht immer wieder neu aus.

Vasilis: "Wir spielen manchmal. Nicht so oft. Wir machen Unterricht, wir gehen raus, wir gehen in Park, Frau Maressa zeigt uns, 'schau, das sind Blätter, Blumen, eine kleines Baby ... Baum-Baby.' Ja."

Deutsche Freunde finden die Kinder in einer Ü-Klasse nicht

Ist die Ü-Klasse der Königsweg, damit sich die Kinder in München einfinden und Deutsch lernen? Die einzige Muttersprachlerin, also das einzige Sprachvorbild im Raum ist die Lehrerin. Deutsche Freunde finden die Schüler in der Ü-Klasse nicht. Kaum jemand von ihnen hat jemals bei einer muttersprachlichen Familie am Küchentisch gesessen oder im Kinderzimmer gespielt. Die meisten aus der Ü-Klasse kennen sich auch nach einem halben Jahr in der Stadt schlecht aus, haben wenig Geld und verbringen viel Freizeit zuhause - oft am Computer:

Vanessa: "Facebook. Oder Messenger - wir machen viele Fotos in Freizeit."

Vanessa tippt flott mit ihren hübsch manikürten Fingern - in ihrer Muttersprache.

Vanessa: "Auf Rumänisch. Wir sprechen mit alle alte Freundin auf Rumänisch"
"Wieviele deutsche Freunde hast Du auf Facebook?"
Vanessa: "13 oder 15"
"Und wieviele Rumänische?"
"Ohhhh! Viele!"

So lebt sie körperlich in Bayern, aber gedanklich stark in Rumänien. Im Unterricht ist Rumänisch verboten - es darf nur Deutsch gesprochen werden. Eigentlich.

Catalin zwinkert verschmitzt hinter seiner kleinen Brille. Die Lehrerin hat ihn ertappt, wie er einigen Mitschülerinnen ein Quiz-Spiel erklärte - auf Englisch:

"Wenn jemand kann nicht in Deutsch sagen, auf Deutsch, sagt auf Englisch oder auf seine Sprache, so habe ich ein bisschen von alle gelernt. Ich lerne so Romani, Greece, Arabisch and auch Italia, and in den English nochmal."

Catalins Vater war schon rund zehn Jahre lang zum Arbeiten in München, bevor er Frau und Sohn nachholte.

"Er arbeit - er wäscht die - Teller. So können wir sagen, dass war acht, zehn Jahre ohne Vater. Aber jetzt ich bin glücklich, dass ich hab mein Vater und auch meine Mutter und ganze Familie zurück."

Mohamed dagegen hat sich alleine aus Somalia nach München durchgeschlagen, durch die Wüste und übers Meer. In Bayern gilt er als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling. Er wohnt in einem Heim und hat einen Betreuer.

"My parents is - ja, aber jetzt I do not know where - where I seets. Where we live. Where we live my parents."

Wo seine Eltern sind und wie es ihnen geht, das weiß der hochgewachsene, schlanke Teenager nicht - seit zweieinhalb Jahren. Während draußen der Schulhof noch zugefroren ist, bricht innen das Eis, und Mohamed beginnt, in der Ü-Klasse eine neue Heimat zu finden:

"Ja alles in Klasse, meine Schülerin ist meine Freunde. Ja."
"Aber ist sehr schöne Klasse ? Was gefällt Dir"
"Alles, die Schülerinnen, alles, meine Lehrerin ist sehr gut. Und auch ich lernen so gut, eh."

Dass die Ausländer eine Klasse für sich bilden, separat von den alteingesessenen Schülern, lässt eine Schicksalsgemeinschaft entstehen. Aus der schöpfen manche Kraft. Aber es hält sie eher von der deutschen Umgebung ab als sie einzubeziehen. Die Ü-Klasse belässt sie im Status des Übergangs, der Migranten.

Ein Schüler aus Griechenland und einer aus Senegal beugen sich über einen Atlas. Sie haben schon erlebt, dass die Welt groß ist und voller Möglichkeiten steckt. Vielleicht ziehen sie ja weiter?

Moussa: "Amerika ist hier, Hier ist Amerika!"

Die Investition in ihren Deutschunterricht wäre dann verloren.

Ständige Fluktuation in der Ü-Klasse: Unterricht wird so schwierig

Die 8ü der Simmernschule in München, kurz vor Ostern. Mohamed ist weg. Die Lehrerin hat keine Ahnung, wo er sein könnte. Ein ehemaliger Mitschüler schon.

Vasilis: "Ich habe gesprochen mit den in Facebook, er ist in Berlin mit seine Familie. Weil er war nicht mit seine Familie hier. Er war in..."
Adis: "Heim"
Vasilis: "Und jetzt ist er mit seine Familie."
Adis: "Er war Super-Freund, er war guter Fußballspieler, der spielt alleine wie zehn so gut."

Sie vermissen ihn.

Adis: "Ich will Fußball nochmal spielen mit ihm."

Seine Lehrerin Jennifer Maressa deutet auf ein Foto der 8ü an der Wand des Klassensaals.

"Fast die Hälfte der Klasse, die am Anfang da war, ist nicht mehr da. Dafür haben wir neue Schüler bekommen, also eigentlich ist die halbe Klasse neu durchmischt."

Gerade Flüchtlingskinder ziehen oft um, bis ihr Aufenthaltsstatus klar ist. Andere weichen den hohen Münchner Mieten ins Umland aus, erklärt die Schulleiterin Angelika Thuri-Weiß:

"Das ist komplett typisch, untypisch ist es eher, dass eine Ü-Klasse am Anfang des Schuljahres schon komplett voll ist, es gibt auch Ü-Klassen, die fangen mit sechs Kindern an und innerhalb von vier Wochen wird dann aufgefüllt, kommt immer drauf an, wie die Kinder erscheinen, wie sie in München mit ihren Eltern landen, kann man vorher nicht sagen, es ist eine spannende Geschichte. Das ist ... wenigstens nicht langweilig."

Catalin betrachtet gemeinsam mit der Lehrerin das Klassenfoto vom Schuljahresbeginn.

Catalin: "Frau Maressa, wir sind einfach andere Kinder."
Maressa: "'Ne andere Klasse!"
Catalin: "Andere Kinder. Schauen Sie, wie hier bin, wie ich jetzt bin!"
Maressa: "Ach so, du meinst jeder selber, wie er sich verändert hat! Ja, das stimmt auch."
Catalin: "Es ist unmöglich, die Zeit läuft so schnell!"
Maressa: "Das stimmt, ja. In diesem Alter verändert sich ein Mensch auch sehr schnell."

Catalins Pickel sind weg. Seine Hose sitzt besser. Aufmerksam späht er durch seine kleine Brille auf die Lichtbilder, die die Lehrerin an die Wand projiziert, und macht sich Notizen. Es geht um Honigbienen.

Maressa: "Die neue Königin zu begatten. Das hier, gell? Die Drohnen begatten..."

Begatten, Pollen, Waben, Drohnen - Erion summen die Vokabeln nur so in den Ohren. Er ist einer von den Neuen in der Klasse:

"Seit wann bist Du in der 8ü?"
"Ja."
"Seit wann bist Du in der 8ü? Wann bist Du gekommen?"
"Italien."
"Seit wann? Wann bist Du gekommen?"
"Ich komme aus Italien."
"Hmhm, aber seit wann bist Du in der 8ü? Seit wann bist Du in der 8ü? Bist Du jetzt neu gekommen, oder bist Du schon lange in der 8ü?"
"5 Minuten, nein, 5 Monate oder 4."

Außerhalb des Klassensaals taut Erion auf. Er erweist sich als begeisterter Rapper.

Aber im Unterricht können er und die anderen Neuen sich kaum einbringen - machen es der Lehrerin schwer:

"Das ist nicht einfach, die gut zu versorgen und mitzuziehen, und es ist schwierig, das alles unter einen Hut zu bekommen, weil die anderen wollen - müssen ja auch weitermachen, müssen ja ein Klassenziel erreichen, die müssen ja alle nächstes Jahr weiterkommen, in die 9. Klasse, und das ist eigentlich das Schwierigste von allem. Wieder anzufangen mit 'wie heißt Du? Ich heiße' Und 'Wie alt bist Du'?"

Der Lösungsansatz ist typisch fürs bayerische Bildungssystem: wieder wird sortiert.

Thuri-Weiß: "Die Klassenleiterin muss jetzt extrem stark differenzieren."

...sagt die Schulleiterin.

Noch einmal Sonderunterricht für die Schwächsten der Schwachen

Sie hat eine ehrenamtliche Lesepatin gewonnen, und ein paar Stunden in der Woche kommt eine Förderlehrerin. Sie gibt einzelnen Schülern besonders intensiven Unterricht.

Fünf Kinder aus der 8ü sitzen dort mit ihr in der kleinen Schulbibliothek. Mit einem übt sie die Aussprache. Ein zweites soll etwas lesen. Die übrigen haben Stillarbeitsaufgaben.

Mourad-Bühler: "Es ist halt schon manchmal wirklich... Es ist auch für die Schüler nicht angenehm. Weil sie ja dann manchmal vieles wiederholen müssen. Sind sie auch nicht ganz happy. Sie könnten viel mehr gebrauchen. Stunden. Auf jeden Fall. Unterstützung, 'ne."

Mehr noch als um die Differenzierung beim Sprachunterricht sorgt sich die Lehrerin der Übergangsklasse um den Fachunterricht.

Maressa: "Das tut mir manchmal wirklich leid, wie sich manche hier langweilen, das ist das größte Problem, der Matheunterricht."

Mit Deutsch haben alle Schüler bei null angefangen. In Mathe dagegen rechnen einige mit Mühe bis 100, wie Zweitklässler. Catalin dagegen wirft nur einen langen Blick durch seine kleine Brille auf die Rechnungen. Er kennt den Stoff längst:

"Mathematik ist - für mich ist es dann ein bisschen leicht, wir machen in 5. Klasse in Rumänien was wir machen hier in 8. Klasse."

Auch beim Mathematikunterricht in der Übergangsklasse setzt die Schulleiterin - natürlich - auf Differenzierung.

Thuri-Weiß: "Dafür haben wir verschiedene Möglichkeiten, in Kleingruppen zu gehen, wir haben Laptops für die Übergangsklassen anschaffen dürfen mit Lernprogrammen, so dass ich jetzt zum Beispiel in Mathematik durchaus den einen Schüler, der schon sehr weit ist, vor ein Lernprogramm für eine höhere Jahrgangsstufe setzen kann als einen Schüler, der vielleicht vorher in seinem Leben noch nicht in der Schule war."

Aber Jennifer Maressa unterrichtet zum ersten Mal überhaupt eine Ü-Klasse, und am Beginn des Schuljahres war sie noch vollauf mit den Grundlagen beschäftigt:

"Sie haben diesen Computerraum da unten, aber mit den Lernprogrammen, die da sind, hab ich mich auch noch nicht so auseinandersetzen können, und dann gibt es einen Laptop, aber ich bin da noch nicht ganz sicher, wie ich den überhaupt vernünftig einsetzen soll."

Ein halbes Jahr später nutzt sie den Laptop.

Immer zwei, drei Schüler sitzen am einzigen Laptop.

Vasilis: "Frau Maressa: Wie viele Stunden brauchen die?"
Maressa: "Die machen es halt sehr gewissenhaft. Es war nicht so geplant..."

Die anderen warten.

"Eigentlich war der Plan mit mehreren Laptops zu arbeiten, aber das hat nicht funktioniert, manchmal scheitert es einfach an der Technik."

Außerdem hat die Schule exakt so viele Säle wie Klassen. Da fehlt der Platz für die Differenzierung, also um Untergruppen zu bilden.

Maressa: "Wir haben da diese Bibliothek, die ist aber auch oft überbelegt, da muss man ausweichen und setzt sich unter die Treppe, im Treppenhaus, das ist natürlich nicht ideal, weil da hallt's, und es ist laut immer wieder, und man kann sich auch mal vor die Tür setzen, zu zweit oder zu dritt, aber da ist es natürlich nicht sooo gemütlich, Raumnot ist hier groß."

Die Bildungsschere geht durch die Differenzierung immer weiter auseinander

Aber alle Differenzierung, alles Auseinanderreißen von Besseren und Schlechteren in Schultypen, Spezialklassen und Sonderkurse, bewirkt nicht etwa, dass die Schwachen aufholen. Das hat Barbara Martin festgestellt. Sie ist Fachberaterin Migration in der Landeshauptstadt:

"Sondern die Schere geht immer weiter auseinander, weil die, die schon weiter sind, auch noch schneller lernen."

Das schadet den Schülern, die Hilfe brauchen und auch dem Personal. Barbara Martin beobachtet, dass sich viele Lehrerinnen und Lehrer mit großem Elan dem Unterricht in den Ü-Klassen widmen - und sich bald aufreiben:

"Es wäre wünschenswert, wenn Kollegen längere Zeit in dem Bereich arbeiten würden, nicht so häufiger Wechsel, weil man sich erst nach und nach sowas aufbaut."

Aber viele verlassen diese Ü-Klassen, sobald sie nur können. Lehrer wie Schüler. Von denen erkennen viele rasch, dass sie in der alleruntersten Schublade des bayerischen Schulsystems gelandet sind.

Vasilis: "Ich finde gut, aber die andere Kinder finde nicht so gut, weil 'ah, du bist Ausländer, du bist 8u! Übergangsklasse...'. Ist bisschen Rassismus. Andere Klasse. Zum Beispiel 7b zB, 9d, und das ist nicht so gut, weil 8ü, aaaa, er spricht nicht deutsch, er ist neu in Deutschland, er ist - Entschuldigung: Opfer! Ja."

Auch Catalin mit dem Bürstenhaarschnitt und der kleinen Brille will raus aus der 8ü. In Bukarest hatte er die 8. Klasse beendet und wäre eigentlich in die neunte gekommen. Nun ist er ein Jahr zurückgestuft worden. Noch dazu findet er sich nicht in der Art von Schule wieder, die er sich am Anfang des Schuljahres gewünscht hat:

"Ich möchte in Gymnasium gehen, weil normalerweise ich komme aus Gymnasium, in Rumänien gibt es aus Gymnasium, und ich bin hier gekommen, ich weiß nicht ganz genau die deutsche Sprache, aber ich will, wenn diese Jahr endet, in Gymnasium gehen."

Aber die Leiterin der Mittelschule an der Simmernstraße rät zum Besuch der Mittelschule.

Angelika Thuri-Weiß: "Für manche Eltern ist es einfach sehr wichtig, dass ihr Kind ein Gymnasium besucht, das ist eine gewisse Prestigesache, aber ihr Kind besucht ja nicht eine Regelklasse, es besucht eine ganz spezielle Klasse an dieser Schule, und wir bemühen uns, für jeden Schüler den richtigen, individuellen Weg zu finden, wie er zu dem kommen kann, was er erreichen will. Bei uns ist auch die berufliche Ausbildung sehr wichtig, das duale System, das kennen viele Länder nicht, und eröffnet für unsere Schüler wirklich großartige Möglichkeiten. Diese Möglichkeiten sind den Eltern oft neu."

Catalin hat sie umgestimmt. Jetzt will er erst einmal in einer regulären Klasse der Mittelschule Fuß fassen. Den Probeunterricht hat er absolviert:

"Oh, mir geht es super, prima! Es ist toll. Alle sind nett mit mir, sie helfen mich, ein paar sind hier geboren, und wenn ich eine so - nicht so gut spreche, sie sagen mir es, sie verbessern mich. So ist am besten, und wir machen da zum Beispiel alles Mögliche. Informatik, auch Deutsch, Mathematik und so weiter, Geschichte, Erdkunde, alles Mögliche. Es ist einfach sehr schön. Alle sprechen nur die deutsche Sprache. Hier in 8ü sie sprechen etwas anderes, aber nicht deutsch. Aber es ist besser für uns, nur deutsch zu sprechen."

Der Zwang zur Auswahl im Bayerischen Schulsystem hat Catalins ursprünglichen Plan vom Gymnasium erst einmal zunichte gemacht:

"Aber jetzt müssen wir Schritt für Schritt machen, und das war der erste Schritt."

Wie viele Schritte er wohl noch schafft? Catalin ist schon 16.

Aus Syrien, aus dem Irak, aus Afrika kommen Flüchtlingskinder nach Deutschland, landen in überfüllten Wohnheimen. Ohne Deutschkenntnisse, viele ohne je eine Schule von innen gesehen zu haben. In kleinen Klassen sollen sie innerhalb von zehn Monaten Deutsch lernen, damit sie anschließend eine normale Schule besuchen können. Christina Rubarth war vor knapp zwei Jahren in einer dieser so genannten Willkommensklassen - und hat die Schüler jetzt noch einmal besucht. Eine Reportage aus Berlin-Lichtenberg.

"Ich heiße Ayat, äh, ich wurde in Syrien geboren, meine Schule staht in Berlin." - "Richtig. Wie alt bist du?..."

Hilfesuchend dreht sich Ayat zu ihrer großen Schwester Alaa neben ihr. Doch die zuckt nur mit den Schultern.

"...ich bin 50 Jahre alt, und du bist?" - "Ich bin 13 Jahre alt." - "Super!"

Begrüßungsrunde. Sommer 2012: Ein Klassenzimmer in einem grau-grünen Betonbau in Berlin-Lichtenberg. Die Schwestern aus Syrien, beide im Kopftuch, lernen erst seit ein paar Wochen Deutsch. Ihre Heimatstadt ist Damaskus, ihre Muttersprache Arabisch.

"Ich spreche vor, ihr sprecht nach. So, der erste Buchstabe: A" - "A" - "Ananas" - "Ananas..."

Die Lehrerin der Willkommensklasse - eine Klasse für Flüchtlingskinder, die erst vor kurzem in Berlin angekommen sind: Saskia Demke. Sie tut das, was die Jugendlichen in der neuen, ungewohnten Stadt am Meisten brauchen: Sie lehrt sie sprechen. Sie stellt sich vor Musto in der ersten Reihe: Ein Junge mit erstem Bartflaum. Aus dem Irak.

"Und Ü" - "Ü" - "Übung" - "Übung" - "Das war klasse heute, richtig gut. Prima, Musto!"

"Es geht eigentlich um das komplette Leben dieser Kinder. Ihnen ein Zuhause zu geben, ihnen was beizubringen und ihnen auch Mut zu machen, dass sie etwas leisten können später."

Die beiden Schwestern Alaa und Ayat aus Syrien, die Brüder Musto und Aziz aus dem Irak, oder Omar aus Gambia machen es ihr leicht, sagt sie.

Wie jetzt, wenn sie still über ihren Matheübungen sitzen. 14-, 15-, 16-jährige. Ein Alter, das sonst kaum zu bändigen ist. Hier fragen die Schüler sogar nach extra Hausaufgaben. Saskia Demke kümmert sich gemeinsam mit ihrer Kollegin Dagmar Hafemeister um die Schüler aus den umliegenden Wohnheimen. Streng aber herzlich:

"Achtung! Ich rede und kein anderer...Punkt."

Die Schüler aber in zehn Monaten fit zu machen für den Unterricht an einer normalen Schule: eine kaum lösbare Aufgabe. Das wissen beide:

"In der Zwischenzeit schreitet die Zeit fort, die Kinder werden immer älter und haben letztendlich vom Fachwissen her wenig gelernt. Das heißt also, wenn sie jetzt wirklich in eine normale Klasse integriert werden, können sie vielleicht Deutsch sprechen, aber alles andere nicht."

"Auf Wiedersehen!" - "Bis morgen!" - "Einen schönen Tag noch."

"Hast du eine Freundin - und wenn ja, erzähl uns mal etwas über sie!" - "Sie heißt Samira, sie wohnt in Syrien, sie ist 14 Jahre alt..."

Anderthalb Jahre später: Zurück im Lichtenberger Klassenzimmer. Aus den Lernanfängern vom Herbst 2012 sind Jugendliche geworden, die sich verständigen können, vormittags in ganz normale Schulen gehen. Einmal die Woche kommen sie freiwillig, ihr Deutsch zu verbessern. Auf dem Lehrplan: Freies Sprechen.

"Hast du denn in Deutschland auch schon eine Freundin gefunden?" - "Ich hab eine Freundin, ja und sie heißt Anne, wir sind in einer Klasse. Und äh...sie ist 14 Jahre alt und sie mag kein Sport." - "Nein?" - "Nein..."

Nach der Willkommensklasse kämpft sich Ayat jetzt durch den Deutsch-Förderunterricht. Ihr Ziel ist das deutsche Sprachdiplom. Sie will Abitur machen, studieren, Pharmazeutin werden.

"Wenn man sie so hört, sie sprechen ein sehr ordentliches Deutsch, grammatikalisch, finde ich. Was sie sprechen, fand ich, hört sich schon richtig gut an. Und wenn man dann merkt. Das haben sie bei uns gelernt! Ach, das ist so schön!"

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