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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 24.07.2014

MigrationNeudeutsche Protokolle

Wie Kunst und Wissenschaft Identität neu denken

Von Frank Kaspar

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Menschen mit türkischen und deutschen Flaggen warten im Hauptbahnhof in München auf die Ankunft des Erinnerungszuges "50 Jahre Migration". (picture alliance / dpa)
Vor mehr als 50 Jahren kam das Anwerbeabkommen zwischen der Türkei und Deutschland zustande - daran erinnerte 2011 ein Sonderzug. (picture alliance / dpa)

Es gibt eine lange Liste von Definitionen, auf welche Menschen der Begriff "Migrationshintergrund" zutrifft. Mit dem, was Identität tatsächlich ausmacht, befassen sich neuere Konzepte aus Kunst und Wissenschaft.

"Also, man hört drei Komponenten. Erst mal das allgemeine Stadtgeräusch, das man immer hört. Nachts ist es nicht so laut."

"Die zweite Komponente ist die Autobahn. Sie ist die Hauptschlagader Deutschlands. Kaum vorstellbar, wie viele Tonnen Güter jeden Tag über die A 40 in beide Richtungen rasen."

"Die dritte Komponente sind die Vögel. Das finde ich sehr schön. Ich weiß nicht warum, aber hier höre ich mehr Vögel als zum Beispiel in Sofia. Vielleicht liegt das daran, dass sich die Naturschützer mehr darum kümmern – keine Ahnung."

Das ist das Ruhrgebiet. In den Ohren des Musikers Iordan Nechovski aus Bulgarien.

"Ja, ich bin immer nach Westen gegangen, Stück für Stück."

Nach Westen.

"Das ist 1987 gewesen, (...) und zwar mit meinen Eltern damals, und es war mehr oder weniger nicht meine Entscheidung."

"Erst mal von Südkorea nach Deutschland zu kommen, habe ich schon in meine Kindheit so eine Vorstellung gehabt."

"Ich komme aus Angola. Ich bin in Deutschland seit 15 Jahren."

"Ich komme aus New York, Long Island, and I came here, ich habe ein Vorsingen in New York gemacht für 'Starlight Express', das war die original Verbindung, (...) Musik hat mich hergebracht."

"Ich bin ursprünglich mit meinem Vater aus Vietnam geflüchtet, und dann haben wir durch Familienzusammenführungs-Antrag (...) meine Mutter und die Geschwister nach Deutschland geholt."

"Ja, also, ich finde, hier ist eine tolle Ecke, wo man als Künstler auftreten kann. (...) Genau, ich spüre das als Zentrum, nicht nur von Deutschland, sondern die ganze EU Zentrum."

Schüler mit "Migrationshintergrund" (picture alliance / dpa)Jeder fünfte Einwohner in Deutschland hat einen "Migrationhintergrund". (picture alliance / dpa)

Tief im Westen, im Zentrum des Ruhrgebiets, treffe ich Rainer Klug.

"Wir sitzen hier also zwischen dem alten Saalbau, heute 'Philharmonie Essen', schön aufgemotzt worden, und dem Aalto-Theater. Im Rücken haben wir RWE und Evonik, mit die größten Unternehmen in Essen, die auch eine ganze Menge mit unserem Thema Migration sicherlich zu tun haben."

Wir sind in einer Ausstellung über Migration im Ruhrgebiet ins Gespräch gekommen. 'New Pott. Neue Heimat im Revier', unter diesem Titel hat der Düsseldorfer Künstler Mischa Kuball ein vielstimmiges Porträt der Region aus der Sicht von Zuwanderern zusammengestellt.

Kuball führte 100 Gespräche mit Familien und Einzelpersonen, die aus verschiedenen Nationen in die Gegend zwischen Duisburg und Hamm, zwischen Hagen und Bottrop gekommen sind. Wie hat es sie in das ehemalige Kohlenrevier verschlagen, und was hält sie dort? Die Gespräche zeigen, dass die Gesellschaft im 'Melting Pot' Ruhrgebiet mittlerweile enorm vielfältig ist. Unter Kuballs Gesprächspartnern sind Flüchtlinge und Gaststudenten, Fachkräfte, Künstler und in Deutschland geborene Kinder von Ausländern. Mit alten Erklärungsmustern ist diese Vielfalt nicht zu erfassen. Das ist nicht mehr der Ruhrpott der Gastarbeiter, die in den fünfziger und sechziger Jahren per Anwerbe-Abkommen aus Italien, Spanien und der Türkei gekommen sind.

So eine Ausstellung müsste draußen in der Stadt gezeigt werden, sagt Rainer Klug, auf öffentlichen Plätzen und in den Fußgängerzonen, damit sie die den Mann auf der Straße erreicht, nicht nur die Fachleute und Kulturbürger. Grauer Pferdeschwanz und rauer Ton im charakteristischen Ruhrdeutsch: Klug diskutiert leidenschaftlich, bleibt skeptisch, nimmt die Sache persönlich. Wir verabreden uns, um anderswo weiter zu reden. Auf seiner Visitenkarte steht: "Mann für alle Fälle".

"Ich interessiere mich als politischer Zeitgenosse dafür. Ich bin jetzt im Rentenalter, ich habe ein bisschen bewegtes Leben hinter mir, habe Höhen und Tiefen erlebt, jetzt bin ich in der Tiefe und versuche, mich da wieder raus zu arbeiten, aber ich lasse mich persönlich nicht unterkriegen."

Im Essener Stadtpark, im Schatten der Hauptquartiere von Industrie und Kultur, erzählt Rainer Klug mir seine eigene Einwanderungsgeschichte.

A wie "Ankommen"

"Ich kann mich so an meine ganz frühe Kindheit erinnern. Meine Mutter war eine Deutsche, die aus Siebenbürgen kam. (...) Und das war nach dem Krieg. (...) Und die Flüchtlinge, die hatten hier ein ganz schlechtes Standbein.

Meine Mutter wurde in der Nachbarschaft als 'Pollackin', weil sie ein bisschen so den Slang sprach, ist sie bezeichnet worden, und wir Kinder natürlich als 'Pollacken-Kinder'. Nur, wir konnten uns damals noch ein bisschen wehren. Wir sind noch 'Straßenkinder' gewesen, wir haben nicht vor dem Computer gehockt oder so, wir hatten auch keinen Kindergarten. Bei uns wurde das auf der Straße geregelt. Wir hatten Italiener dabei, Jugoslawen damals, das hat sich in der Kinder-Umgebung hat sich das wunderbar gegeben. Und das ist ja das, was heute mit aller Gewalt verhindert wird. Die Schulen und Kindergärten werden ghettoisiert, da sind dann nur Ausländer, so gut wie, drauf, die Deutschen wollen da nicht mehr hin. So kann keine Integration passieren. Und das wird ja an allen Ecken und Enden gemacht. Da, wo es nicht gemacht wird, werden die Schulen oder Kindergärten sogar ausgezeichnet, wie toll das ist. Aber es sind die Ausnahmen. Das sind von Tausenden sind es noch nicht mal hundert."

B wie "Bilder deutscher Wohnzimmer"

"Hundert Lichter / hundert Gesichter": Die Fotos und Video-Clips zeigen Mischa Kuballs Gesprächspartner meist in ihren privaten Räumen. Immer mit im Bild ist eine Lampe mit kugelförmigem Leuchtkörper. Die Lampe blieb als Geschenk des Künstlers bei jedem seiner Gastgeber. Sie sollte eine Verbindung zwischen allen Beteiligten und zu den Ausstellungs-Besuchern schaffen. Nicht selten gab die Lampe auch einen ersten Anstoß für das Gespräch. Soba Do Cristo Toko aus Angola, der in Bochum eine Galerie betreibt, versteht die Lichtmetapher als Sinnbild für einen fruchtbaren Austausch der Kulturen.

"Ich will gerne, dass die Menschen ein bisschen das Leben nicht im Dunkle gucken, sondern ein bisschen in Lichte gucken. (...) Damit ein bisschen versteht: Wir bringen Licht in diese Kultur rein. Die können mit uns zusammen arbeiten, dann sieht man ein anderes Licht, das auch gut ist. Die Metropole ist da, aber jeder hat seine Herkunft, und jeder hat auch eine potenzielle Kultur dabei. Es wäre besser, wenn wir miteinander reden. (...) Zum Beispiel, ich sehe (...) neue Generationen, die hier langsam wachsen, (...) die Kinder, die hier geboren sind, die sind schon andere. Die sind nicht deutsch, die sind auch nicht, wo die Eltern kommen. (...) Da ist es, das neue Leben, das hier in Deutschland willkommen, (...) die Kinder, die hier geboren sind, die bringen noch etwas mit, die sind Deutsche, aber die haben auch andere Kultur, gemeinsam. Das macht Deutschland stark."

C wie "Crossover"

"Einwanderung wurde oft als eine Art Störung der Harmonie in Deutschland betrachtet", schreibt der Publizist und Migrationsforscher Mark Terkessidis. "Doch diese Harmonie", sagt Terkessidis, "hat nie existiert." Von dem Begriff "Integration" hält er deswegen wenig.

"Im Grunde birgt der Begriff Integration stets eine negative Diagnose. Es gibt Probleme, und die werden verursacht durch die Defizite von bestimmten Personen, die wiederum bestimmten Gruppen angehören. Der Ausgangspunkt ist dabei immer die Gesellschaft, wie sie sein soll, und nicht die Gesellschaft, wie sie ist."

Die Idee, dass eine Minderheit von Einwanderern sich einer homogenen Mehrheit anpassen soll, setzt das Ideal eines gesellschaftlichen Normalzustands voraus, eine – wie und von wem auch immer definierte – Vorstellung davon, was 'Deutschsein' bedeutet. Mit der Wirklichkeit hat das nicht viel zu tun. Die Gesellschaft ist im Fluss, Migration und demografischer Wandel haben sie insgesamt verändert.

Das statistische Bundesamt zählt nicht nur alle nach 1949 Zugewanderten zu den Einwohnern mit 'Migrationshintergrund'; es genügt bereits, wenn mindestens ein Elternteil zugewandert ist oder als Ausländer in Deutschland geboren wurde. Das trifft auf ungefähr jeden Fünften in Deutschland zu, auf jeden Dritten Erwachsenen in größeren Städten, auf jedes zweite in Düsseldorf geborene Kind. Mehr als die Hälfte der Einwohner mit 'Migrationshintergrund' hat einen deutschen Pass. Mark Terkessidis möchte deshalb die einseitige Fixierung der Soziologie auf die Herkunft von Menschen überwinden. Anstelle von „Multikultur" vertritt er das Konzept der 'Interkultur': Damit meint Terkessidis ein Vermögen, mit Verschiedenheit in der Gesellschaft umzugehen, unabhängig vom jeweiligen ethnischen Background.

(Quellen: Migrationsbericht 2012 der Bundesregierung; Susanne Stemmler (Hg.): Multikultur 2.0, Wallstein Vlg. 2011; Prof. Dr. Anja Weiß, "Lebensläufe in der Migration", Vortrag in Duisburg 22.3.2014, Mitschnitt: F.K.)

"Nicht die Unterschiedlichkeit der Kulturen oder der gegenseitige Respekt stehen im Vordergrund – es heißt nicht Interkulturen, sondern Interkultur, also Kultur-im-Zwischen. (...) Es geht um das Leben in einem uneindeutigen Zustand und die Gestaltung einer noch unklaren Zukunft (...) – aktuell haben wir es mit Dissonanz und Brechung, mit Unreinheit und Improvisation zu tun. Das bedeutet nun nicht, dass sich langfristige Planung nicht mehr lohnt – im Gegenteil: Sie muss aber flexibler werden. Wir stehen vor der großen Aufgabe einer interkulturellen Alphabetisierung. Und dabei lernen wir alle eine neue Sprache."

D wie "Diversity"

Der Göttinger Anthropologe Steven Vertovec untersucht die Vielfalt moderner
Gesellschaften. Er hat dafür den Begriff 'Super-Diversity' geprägt.

"Natürlich meine ich mit dem Präfix 'super' hier nicht 'großartig' oder 'übermächtig' wie in 'Superman', sondern ein 'Überwinden' oder 'über das Gewohnte und Erwartbare Hinausgehen'. (...) Die Vorstellungen von Einwanderern in den Köpfen der Allgemeinheit und besonders der politischen Entscheidungsträger orientiert sich immer noch an der Situation der Nachkriegszeit. (...) Damals kamen Menschen in großer Zahl aus einem bestimmten Land und ließen sich in einem bestimmten anderen nieder. Die Türken gingen nach Deutschland, die Algerier nach Frankreich, die Pakistaner nach England. Doch ungefähr seit Anfang der 1990er verlaufen die Wanderungsbewegungen anders. (...) Überall finden wir viele kleine Gruppen von Zuwanderern aus vielen verschiedenen Herkunftsregionen."

Vertovec beobachtet, dass die Herkunft oder ethnische Zugehörigkeit nur einer von vielen Faktoren ist, die das Selbstverständnis eines Menschen prägen.

"Worum es eigentlich geht, ist anzuerkennen, dass Mitglieder aus ein und derselben ethnischen Gruppe neue gesellschaftliche Gruppierungen formieren oder sich den bereits vorhandenen anschließen können. In der Wissenschaft sprechen wir von Milieus, die sich je nach Wertvorstellungen, Traditionsbewusstsein, Kosmopolitismus oder Konsumverhalten unterschiedlich zusammensetzen. Diese sogenannten Milieus unterminieren oft die Frage der Ethnie und sind für die Identität weitaus wichtiger als die Frage der Herkunft."

E wie "Einwanderer"

Wie kann Kunst ein neues Licht auf das Thema „Migration" werfen? Und auf das Ruhrgebiet, dessen öffentliche Wahrnehmung nicht weniger von Klischees überlagert ist – gestern Kohle, heute Kultur? Es gibt Erfahrungen, sagt der Künstler Mischa Kuball, von denen man nur vielstimmig erzählen kann. Deshalb habe er an hundert Türen geklopft und versucht, Geschichten des Ankommens, des Am-Orte-Seins frei zu legen. Dabei wird der Künstler vom Autor im klassischen Sinn zu einem Stimmensammler.

"Meine Stadt bestand aus zwei Straßen. Die eine führte ins Hühnerhaus, die andere zu Onkel Cemal."

Der Berliner Schriftsteller Deniz Utlu erzählt von einem solchen Stimmensammler. Elyas, der Protagonist seines Romans „Die Ungehaltenen" gehört zur zweiten Generation türkischer Einwanderer in Deutschland. Angeregt durch seinen Onkel Cemal, beginnt Elyas sich für die Geschichte seiner Familie zu interessieren und überlegt, wie er sie dokumentieren und darstellen könnte.

"Nächtelang arbeitete ich an einem Konzept für ein 'Virtuelles Museum'. Es sollte ein Archiv für die Generation meines Vaters werden, noch mehr jedoch für meine eigene Generation. (...) Ich wollte dazu so viele Menschen wie möglich interviewen, Menschen, die über sechzig waren und aus der Türkei kamen oder ihre Kinder und Enkel, die sich an die Anfangszeit ihrer Großeltern in diesem Land erinnerten. Tausende kleine Clips online stellen, sortiert nach Themen, nach Namen, nach Orten. Ich wollte das Museum des Deutschlands meines Vaters aufbauen."

Elyas' virtuelles Museum bleibt eine Fiktion. Wo und wie wird in Deutschland von den Erfahrungen der Einwanderer erzählt? Die Schriftstellerin Jagoda Marinić, Tochter kroatischer 'Gastarbeiter', beklagt in ihrem Roman 'Restaurant Dalmatia', dass die Generation ihrer Eltern in der Geschichte der Bundesrepublik bis heute keinen würdigen Platz gefunden habe.
Ihre Protagonistin Mija Marković kommt nach einem Studienaufenthalt in Kanada zurück nach Berlin und sucht vergebens nach einem Ort, an dem der Lebensleistung der Immigranten öffentlich gedacht würde, wie es im 'Immigration Museum' auf Ellis Island in New York geschieht.

"Auf Ellis Island hängen Briefe von mittellosen griechischen Bauern. An einen davon erinnert sie sich besonders gut (...). Die Handschrift des Griechen war unsicher, (...) so wie dem Text abzulesen war, wie ungeübt er darin war, seine Liebe in Worten auszudrücken. Er sprach nur von dem, was er der Familie nun alles würde nach Hause schicken können (...). Dabei saß er noch auf der Insel und konnte nicht einmal sicher sein, wirklich Einlass in die verbotene Stadt zu bekommen."

In der deutschen Erinnerungskultur bleibt der Anteil der Einwanderer praktisch ausgeblendet. In den letzten Jahren haben Museen und Sonder-Ausstellungen die Geschichte der Arbeitsmigration zwar wiederholt aufgearbeitet. Aber meist geschah dies aus dem immer gleichen, eingeschränkten Blickwinkel, kritisierte Mark Terkessidis auf der Duisburger Tagung anlässlich der Ausstellung von 'New Pott'.

"Die Projekte, die gemacht werden, beschäftigen sich zu einem nicht unbeträchtlichen Teil immer mit dem Thema 'Ankommen', oder mit dem Thema 'Zu Hause sein / Heimat', oder mit dem Thema 'Identität / Differenz'.

Das ist der Bereich, der im Großen und Ganzen abgearbeitet wird. Also, wir haben jetzt erlebt, dass es eine ganze Reihe Ausstellungen gegeben hat in den Museen zum Jahrestag des Anwerbe-Vertrages mit der Türkei, da gibt es die 'exotischen Objekte', die auch gar nicht unbedingt repräsentativ sind für irgendwas, dann gibt es die Koffer, die vom Ankommen sprechen, und dann wird eine Geschichte erzählt, die bis in die Integration (...) in die Bundesrepublik hineinführt. Sie können sich alle Ausstellungen angucken, wenn Sie mal zufällig irgendwo sind, Sie werden sehen, es ist fast immer das Gleiche. Es ist geradezu nach Drehbuch organisiert.

Nun gibt es aber natürlich nicht nur Leute, die in erster Generation hier leben, sondern es gibt natürlich eine ganze Menge anderer Leute, die schon in der Bundesrepublik aufgewachsen sind, und ich glaube, die Perspektiven unterscheiden sich da sehr stark, was die Ansprüche betrifft."

Wo bleibt die Perspektive derjenigen, die in Deutschland ihre Kindheit verbracht haben? Die Geschichte der Generation Mija und Elyas? Die Erfahrung derer, die nicht aus einer Kultur in eine andere gewechselt, sondern in eine hybride Situation hinein gewachsen sind?

F wie "Fremd im eigenen Land"

"Nach und nach haben wir begriffen, dass wir trotz aller Anstrengungen immer anders bleiben werden", schreiben die 'Zeit'-Redakteurinnen Alice Bota, Khuê Pham und Özlem Topçu. Ihr Buch 'Wir neuen Deutschen' fragt nach der eigenen Identität im Dazwischen.

"Wer bestimmt, wer zu dieser Gesellschaft gehört, wer definiert, was deutsch ist? Es sind von jeher jene, die in den Institutionen sitzen. Männer wie der frühere Bundesinnenminister Otto Schily, der vor zehn Jahren sagte, die beste Integration sei Assimilation, und dafür eine Menge Beifall bekam. Doch jetzt wollen wir, die mit dieser Aussage gemeint sind, selbst benennen, wer wir sind. Und was deutsch ist. Wir, Kinder von Ausländern, groß geworden in einem bundesrepublikanischen Leben, herumgekommen in einem geeinten Europa nach 1989, suchen Worte für ein Selbstverständnis, das nicht ganz einfach zu finden ist."

"Das Sprechen mit und das Sprechen über, da sehe ich einen großen semantischen Unterschied, ich folge eben nicht einer wissenschaftlichen Diktion, ich habe eben keinen Leitfaden, sondern hier bestimmen die Partizipanden, die Teilnehmenden (...) durch ihr Gesagtes den Themenrahmen."

Der Düsseldorfer Künstler Mischa Kuball.

"Ich habe schon gemerkt, dass für die Recherche des Projektes die Situation sich veränderte, als Mitte 2009 Thilo Sarrazins Schrift, die ja eher eine Polemik ist, "Deutschland schafft sich ab", über die mangelnde Sprachkompetenz der Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund – dass das die deutsche „Leitkultur" gefährden würde –, das hat eine Debatte ausgelöst, die unser Projekt auch unmittelbar beeinflusst hat. Plötzlich wurde über diese Menschen gesprochen, und das mit den Menschen Sprechen war ja im Zentrum unserer Absicht, also der Absicht des Projektes."

Mischa Kuball hat den Dialog gesucht. 'New Pott' ist eine Dokumentation von hundert persönlichen Begegnungen. Der Künstler wollte seinen Gesprächspartnern Raum geben, um in eigener Sache das Wort zu ergreifen.

"Dabei werden politische, religiöse, ethnische, ethische, alle Kategorien werden berührt; es wird Bildungspolitik angesprochen, es wird Integrations- und Migrations-Politik angesprochen, es wird von Reisebeschränkungen und Visapolitik, es wird Europapolitik, (...) es wird Asylpolitik, all diese Themen kommen zur Sprache, und manchmal erschrickt man.

Ich glaube, dass das Ungeheuerliche ist, die Welt so zu zeigen, wie sie ist. Wenn wir nur abbilden, wenn wir nur zeigen, (...) den Ethos des Dokumentarischen ernst nehmen, dann ist das im Grunde das Politischste, was in diesem Augenblick getan werden kann."

Das 'Zeigen' wirft Fragen nach der Rolle des Zeugen auf. Denn im Zentrum steht dabei ein Autor, der von außen kommt, um die Wort anderer zu bezeugen und zugänglich zu machen, ein Künstler, der Fragen stellt, der Antworten aufzeichnet und die in Form bringt.

G wie "Geschichten vom Leben und Überleben"

"Das sind montierte Texte, das ist eine komplexe Montage gewesen."

Erika Runge, Dokumentarfilmerin und Schriftstellerin. 1968 erschien ihr Buch
"Bottroper Protokolle. Gespräche im Ruhrgebiet".

"Ich habe (...) nicht als Autorin diese Interviews und die "Bottroper Protokolle" gemacht, sondern eigentlich als Filmemacherin. Ich hatte so viel Material, dass ich selber völlig überwältigt war, und ich konnte damit nur umgehen, dass ich die ganzen Abschriften auf dem Fußboden ausgebreitet habe und auf allen Vieren rum gekrochen bin, um die interessanten Teile zu entdecken und aus denen dann eine neue Montage zu machen."

Eigentlich sammelte Erika Runge Material für einen Spielfilm. Aber durch die
von Hans Magnus Enzensberger und anderen Autoren geführte Debatte über die „gesellschaftliche Funktion" von Literatur, weckten ihre Aufzeichnungen das Interesse literarischer Verlage. Der Suhrkamp Verlag druckte eine Auswahl der Gespräche, der Südwestfunk strahlte einen Zusammenschnitt als Originalton Hörspiel aus. Im Vorwort des Suhrkamp-Bandes schrieb Martin Walser:

"Alle Literatur ist bürgerlich. Bei uns. Auch wenn sie sich noch so antibürgerlich gebärdet. (...) Arbeiter kommen in ihr vor wie Gänseblümchen, Ägypter, Sonnenstaub, Kreuzritter und Kondensstreifen. Arbeiter kommen in ihr vor. Mehr nicht. Hier, in diesem Buch, kommen sie zu Wort."

"Das, was ich gemacht habe oder versucht habe, ist vielleicht am ehesten wie eine Art Wort-Fotografie. Also, ich habe fotografiert, aber mit Worten statt mit Bildern, habe die Bilder in Worten mir vermitteln lassen."

H wie "Hochsprache"

Mit den Interviews und Protokollen hielt der "Originalton" Einzug in die Literatur: die gesprochene Sprache, der ungeglättete, grammatisch nicht immer korrekte Jargon des Alltags. Die auf diese Weise Abgebildeten waren davon nicht immer begeistert. Erika Runge erinnert sich, wie ihr Gesprächspartner Clemens Kraienhorst, ein führender Gewerkschafter, auf die Veröffentlichung des Buches reagierte.

"Er war empört. Er war entsetzt. Denn für ihn war das kein Schriftdeutsch. Er wurde dargestellt als jemand, der nicht richtige Sätze machen kann. Das war eine Kränkung. Und wir waren alle so begeistert, dass es so lebendig war."

Die Vorliebe vieler Autoren für den authentischen, lebendigen Ton erweist sich im Rückblick als eine Stolper-Falle des literarischen Protokolls. Hat die Entscheidung, Erika Runges Gespräche möglichst roh und direkt zu senden und abzudrucken, die Arbeiter nicht ein weiteres Mal zu Exoten gemacht? Standen diejenigen, denen diesmal die Bühne gehören sollte, am Ende nicht doch wieder da wie Walsers "Ägypter"?

I wie "Insignien"

Und 'New Pott'? Mischa Kuball hat sich auf das Risiko weitgehend ungeplanter, unvoreingenommener Gespräche eingelassen und auf diese Weise eindrucksvolle Lebensgeschichten und Zeugnisse gelebter Interkultur zusammengetragen. So, wie er diese ins Bild setzt, nimmt er aber auch exotische Nebenwirkungen in Kauf. Warum zum Beispiel, so fragte Mark Terkessidis auf der Duisburger Tagung, zeigt das Titelbild des Katalogs ausgerechnet das Wohnzimmer der Familie Siam aus
Ägypten?

"Das ist ein Wohnzimmer, das sozusagen mit Insignien des Arabischen ausgestattet ist, wo die Frau Kopftuch trägt, da steht eine Büste von Nofretete rum und so weiter, und es ist ein Foto, da überhaupt nicht repräsentativ ist für den Rest der Bilder in dem 90 Prozent sozusagen Wohnzimmer haben, in denen, na ja, alles mögliche sein könnte, aber in denen jetzt keine besondere kulturelle Differenz ausgestellt wird. Aber dieses Foto ist das, was auf dem Cover ist. Also, das heißt, es bedient sozusagen eine bestimmte Idee von Fremdheit dem Publikum gegenüber."

Es scheint so, als hätte 'New Pott' auf gewisse Bildformeln des Fremden ebenso wenig verzichten können, wie das Ruhrgebiet bis heute von Kohlenstaub und Förderturm lassen kann. Etablierte Klischees werden übernommen, und sei es als attraktive Hingucker, um ihnen im nächsten Schritt alternative Entwürfe oder eine differenziertere Sicht entgegen zu setzen.

Mischa Kuball hat Fotografie und Video klug kombiniert und das Bildprogramm seiner Arbeit ganz darauf angelegt, dem ersten Eindruck skeptisch zu begegnen und den Betrachter zu einem zweiten Blick, zu genauerem Hinhören aufzufordern, wie die Kunsthistorikerin Barbara Steiner in Duisburg zeigte. Das Gesamt-Arrangement ist trotzdem nicht frei von kolonialen Anklängen. Da ist die Lampe, die in jedem Bild auftaucht, so als hätte der Künstler in jeder Wohnung seine Flagge aufgepflanzt; da ist eine Karte des Ruhrgebiets, die mit den Namen der 100 Herkunftsländer der Gesprächspartner überschrieben wurde und damit eine historisch gewordene Weltordnung aufruft.

"Das ist natürlich ein Modell, das auf die Nationalstaatlichkeit des 19. Jahrhunderts rekurriert. (...) Das war mir auch bewusst. Aber es war eine Klammer oder eine Konstruktion, die für das Projekt eine gewisse Tragfähigkeit haben sollte, um andere Dinge überhaupt sichtbar werden zu lassen. Es geht natürlich auch immer um ein neues Bild vom Menschen, und dabei werden immer wieder auch Fehler gemacht, und die habe ich auch gemacht. Es werden sozusagen Figuren, Typologien, Matrixen (...) versucht, und die sind ja schon in dem Moment, wo man sie einsetzt, eigentlich hinfällig."

J wie "Jenseits der Herkunftsfrage"

"Zum Beispiel das Annähern mit dem Begriff 'Deutscher mit Migrationshintergrund'. Die teilnehmenden Familien haben sich oft genau gegen diesen Begriff als eine neoliberale Floskel gewehrt und haben gesagt: So lange diese Differenzierung besteht, sind wir eben keine Deutschen. (...) Das hat mit Integration und Annäherung und Akzeptanz überhaupt nichts gemein. Und da merkt man natürlich, die Forderung, die Terkessidis und andere formulieren, diese Begriffe zu überprüfen und sie zu überwinden und dafür neue zu setzen und neue zu formulieren, das ist, glaube ich, ein organischer Prozess der ständigen Erneuerung."

Dabei geht es um mehr als bloß um Wortklauberei. Denn auch das kommt auf der Duisburger Tagung zur Sprache: Begriffe prägen ganz entscheidend die Art und Weise, wie wir die Gesellschaft wahrnehmen, sie formen unser Kulturverständnis, und sie nehmen auch Einfluss darauf, was überhaupt in Sachen Kultur stattfindet.

K wie "Kultur erleben"

In der Diskussion meldet sich die freie Kulturveranstalterin Janna Keberlein zu Wort. Sie hat mit Förderrichtlinien und ihren wechselnden Moden ihre eigenen Erfahrungen
gemacht.

"2006, als wir ein Kulturfestival machen wollten, stand in den meisten Anträgen 'Integration durch Kunst'. Man konnte das Wort 'Integration' als Einwanderer nicht mehr hören. Heutzutage – wir haben jetzt letztes Jahr den Antrag geschrieben –, jetzt lauten die Förderlinien (...): „Kultur der anderen vor Ort erleben". (...) An wenigen Stellen findet man das Wort „Integration" vor, jetzt geht es darum, man will die Kultur des anderen halt in der eigenen Stadt erleben. Und man wird aber das Gefühl nicht los, (...) über Migranten, Menschen mit 'Migrationshintergrund', über die wird gesprochen. Und dieser Versuch, mit denen zu reden, auf Augenhöhe mit denen zu reden, (...) der klappt nicht so wirklich. Beide Seiten wissen eigentlich nicht so ganz genau, was die auf diesem Weg noch machen können. Aber es wäre wünschenswert, wenn es sich denn tatsächlich ändern wird. Weil – 'Erleben der anderen Kultur vor Ort': Ich will mich nicht als Mensch da hinstellen, mit dem man irgendeine Kultur miterlebt. Es geht mir nicht darum."

Literatur und Kunst können den Blick auf das Phänomen Migration erweitern, indem sie nicht über die 'Anderen' reden, sondern individuelle Erfahrungen zur Sprache bringen – Erfahrungen, die Einwanderer und „neue Deutsche" mit Zugehörigkeit und Fremdheit machen und mit dem Leben im 'Dazwischen'. Sie eröffnen neue Perspektiven in einem Kulturbetrieb, der sich nur allzu gerne abschottet.

"Als Kunstobjekt Migration in renommierte Kunsttempel zu bringen, das, finde ich, ist eine ganz wichtige Sache. Und man kann vielleicht das eine oder andere kritisieren, (...) aber die Arbeit, da steckt eine Menge Sprengstoff drin. Das Dumme ist nur, die Leute (...) gehen dann hin: Ach, ist das aber schön. Schöne Bilder, schöne Videos, toll, hat er toll gemacht, die Lampen mit der Beschriftung, wunderbar!"

Bleibt die Frage, wie viel davon bei den Menschen ankommt, die nicht in Museen oder auf Tagungen über Einwanderung diskutieren? Dort, wo sich Tag für Tag entscheidet, wer zu wem gehört, welche Werte wir teilen, welche Regeln verbindlich sind, welche Traditionen Gewicht haben und welche Ideen zünden: im Büro, auf dem Schulhof, im Supermarkt, auf der Straße, in der Stadt.

"Dass wir eine wirklich bemerkenswerte Migrationskultur und Einbürgerungskultur haben, kann ich nicht sagen, da sind wir Lichtjahre von weg. – Und deswegen, noch mal: Es ist ein Ansatz, ein Anfang, den der Kuball gemacht hat, und da müsste man drauf aufbauen, (...) das muss nicht Kuball sein, aber die Gesellschaft muss es aufnehmen."

Mehr zum Thema:

Migration - Einwanderungsmuseum wäre "ein politischer Willensakt" (Deutschlandradio Kultur, Interview, 16.07.2014)

"Sich von altem, nationalem Denken verabschieden" (Deutschlandradio Kultur, Thema, 12.06.2012)

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