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Religionen / Archiv | Beitrag vom 07.02.2021

Migration des muslimischen Gebetsrufs AdhanVom Ruf des befreiten Sklaven bis in den Blues

Von Julia Tieke

Ein Muezzin ruft über ein Mikrofon zum Gebet auf. (Imago / Eric Lafforgue / Hans Lucas)
Der islamische Gebetsruf hat zahlreiche Spuren hinterlassen - sogar den frühen Blues soll er geprägt haben. (Imago / Eric Lafforgue / Hans Lucas)

Der Ruf des Muezzins – das ist der Sound des Islam. Fünfmal am Tag ertönt in muslimisch geprägten Ländern das "Gott ist groß" von den Moscheen. Auch in einem Kriegsgefangenenlager in Brandenburg war er zu hören sowie im Blues.

"Ich kann nicht einfach irgendwie zum Gebet rufen, so als würde ich ein Lied singen. Ich rufe die Leute ja nicht in die Bar oder zum Konzert – ich rufe sie in die Moschee!" Das sagt Muhammad Ali Bahri. Er empfängt mich in seinem Wohnzimmer in Brackenheim nahe Heilbronn. Auf der Suche nach einem Muezzin mit Fluchtgeschichte bin ich auf ihn gestoßen. Ich möchte mit ihm über den muslimischen Gebetsruf sprechen, den Adhan.

Wenn die Stimme schön ist, fällt das Beten leichter

Muhammad Ali Bahri sagt: "Ich liebe den Adhan. Warum? Er lädt die Leute zu etwas Gutem ein, ruft die Menschen zum Gebet. Sie machen etwas Gutes, nichts Schlechtes." Auf einer Aufnahme von 2008 ruft Muhammed Ali Bahri in Aleppo zum Gebet. Es ist eine klassische Form des Adhan, vorgetragen im Modus "Rast", einer der vielen Modi der arabischen Musik. Bahri hält die Pausen besonders lang.

Er erklärt: "Wenn die Stimme des Muezzins schön ist, richte ich mich auf, sobald ich sie höre, ziehe mich an und gehe zur Moschee. Beten muss ich sowieso, aber wenn seine Stimme schön ist, dann gehe ich gerne."

Für Nicht-Muslime ist der Gebetsruf das akustische Klischee schlechthin, häufig gleichgesetzt mit Islam. Aber was bedeutet er eigentlich für Muslime, und wie hat er sich in der Welt verbreitet?

Ein lächelner Mann mit kurzen dunklen Haaren und einer Oud (arabisches Instrument) auf dem Schoß. (Julia Tieke)Muhammad Ali Bahri, Musiklehrer und Komponist, hat sich den Gebetsruf selbst beigebracht. Seit seiner Flucht aus Aleppo praktiziert er ihn nur noch selten. (Julia Tieke)

Dieses Stück verfolgt einige Migrationslinien des Adhans. Die erste führt von Aleppo nach Brackenheim, von Muhammad Ali Bahris altem zu seinem neuen Zuhause.

"Ich war in keiner Musikschule oder Musikinstitut. Die haben bei uns kein gutes Niveau", erzählt Bahri. "Außerdem war ich arm. Mein Vater starb, als ich klein war, und ich musste arbeiten, um den Lebensunterhalt für meine Mutter und Geschwister zu verdienen. Ich verließ dafür die Schule. Aber die Liebe zur Wissenschaft, die konnte ich nicht verlassen, die ist in meinem Blut."

Gleiches gelte für die Liebe zur Musik, sagt Bahri: "Da mir Gott eine schöne Stimme gegeben hat, habe ich gesungen." Er arbeitete in Aleppo als Sänger, Komponist und Musiklehrer und ist ein lebendes Lexikon des arabischen Musikerbes und der berühmten Musikkultur Aleppos.

Der Gebetsruf erinnert an die zerstörte Heimat

Muhammad Ali Bahri gehört zu den Syrern, die 2015 nach Deutschland kamen, als Angela Merkel entschied, die deutschen Grenzen nicht vor den Flüchtlingen zu schließen: "Es war Gottes Segen, als Frau Merkel sagte: kommt, kommt aus dem Krieg", sagt er.

2012 wurden Bahris Frau und sein kleiner Sohn bei einem Luftangriff in ihrer Wohnung getötet, vor seinen Augen. Kurz bevor sie in die Türkei aufbrechen wollten. Er und seine zwei Töchter überlebten: "Sie waren klein, Foutun war zehn, Maha neun Jahre alt. Ich war aus dem Krieg geflüchtet, hatte kein Geld, besaß nichts. Wir gingen in die Türkei, das Land, in das man flüchten konnte. Für die beiden Mädchen war ich zugleich Vater und Mutter. Ich war alles in ihrem Leben."

Aus der Türkei flüchtete Bahri mit seinen Töchtern über das Meer nach Griechenland und schließlich nach Deutschland. Seine Musik nahm er mit, im Gedächtnis und im Herzen, ebenso wie den Gebetsruf.

Die Worte des Rufs im Traum empfangen

Eine zweite Migrationslinie des Adhan verbindet Medina mit Mississippi. Medina im heutigen Saudi-Arabien steht ganz am Anfang der Geschichte des Gebetsrufs. Muhammad Ali Bahri fragt: "Gab es den Adhan in Mekka, bevor der Prophet nach Medina auszog? Nein. Der Prophet sagte ‚Allahu Akbar‘ und betete. Nachdem er aber nach Medina gekommen war und Anhänger gefunden hatte, die eine Moschee bauten, wurde die Moschee der Ort fürs Gebet."

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Islamischen Überlieferungen zufolge schlug der zweite Kalif, Umar, vor, nicht mit einem Instrument, sondern mit der Stimme zum Gebet zu rufen. Andere Texte berichten vom Traum eines Prophetengefährten, in dem eine mysteriöse Figur die Worte des Gebetsrufs überlieferte: "Gott ist groß. Ich bezeuge, dass es keine Gottheit außer Gott gibt. Ich bezeuge, dass Muhammad der Prophet Gottes ist. Kommt her zum Gebet. Kommt her zum Heil. Gott ist groß. Es gibt keine Gottheit außer Gott."

Der erste Muezzin war ein befreiter Sklave

Der erste Muezzin war Bilal, ausgewählt vom Propheten, weil er eine schöne Stimme hatte. "Das zeigt, dass sich der Prophet für die Stimme interessierte, für die Schönheit der Stimme, für Wohlklang", bemerkt Bahri.

Bilal habe eine besondere Geschichte: "Bilal gehörte zu den ersten Menschen, die zum Islam übertraten. Er wurde in Mekka als schwarzer Sklave geboren und nahm als junger Mann den Glauben Muhammads an. Sein Herr Umayyah ibn Khalaf war kein Muslim und folterte Bilal. Er tötete seine Mutter Hamama und setzte Bilal der heißen Sonne aus, peitschte ihn – er folterte ihn jeden Tag und forderte ihn auf, seinen Glauben zu widerrufen.

Aber Bilal sagte: ‚Ich bin nur der Sklave Gottes.‘ Er war dickköpfig und starrsinnig, bis eines Tages Abu Bakr al-Sadiq vorbeikam, der den Propheten Muhammad liebte und Geld hatte. Als der sah, wie Bilal gefoltert wurde, fragte er Ibn Khalaf: ‚Verkaufst Du ihn mir?‘ Er zahlte eine große Summe und sagte zu Bilal: ‚Jetzt bist Du frei.‘"

Es war also ein befreiter Sklave ostafrikanischer Herkunft, der als erster die Muslime zum Gebet rief, vor etwa 1400 Jahren. Muhammad Ali Bahri erzählt weiter: "Bilal stieg auf das Dach der Moschee – es war eine kleine Moschee, vielleicht zwei Meter hoch, und er rief: allahu akbar, allahu akbar. Damals bedeutete der Adhan nicht Gesang oder Musik. Es ging nur darum, die Leute zum Gebet in die Moschee zu rufen. Nach etwa 200 Jahren aber entwickelte sich die Sache langsam, und der Adhan wurde zu etwas Schönem, für das sich die Muslime interessierten."

Hinhören, nicht nur gerufen werden

In muslimischen Ländern ist der Gebetsruf fünf Mal am Tag selbstverständlich, seit weit über tausend Jahren. Er verkörpert hörbar muslimische Gemeinschaften, definiert ihre akustischen Grenzen.

Das arabische Wort Adhan für den Gebetsruf leitet sich von einer Grundform ab, die "hören, hinhören" bedeutet, das arabische Wort für "Ohr" kommt aus demselben Wortstamm. Adhan betont also die Verbindung zwischen Rufenden und Hörenden, Muezzin und Gläubigen, es ist kein passives Gerufen-Werden. Auch für die Hörenden ist wichtig, dass der Adhan gut klingt und korrekt ausgeführt wird.

Muhammad Ali Bahri erklärt: "Man lernt die Koranrezitation in der Moschee. Wer das gelernt hat, braucht für den Adhan keinen Lehrer. Zum Beispiel: Ash-shadu anna Allaaaaaah – da ist eine Dehnung. Zum Beispiel - anna. Ashshadu an-na – der Buchstabe N, an-na – das nennt sich ‚Antwort-Buchstabe‘, das N sind zwei Buchstaben – und die Stimme stoppt dort, ich sage: an – na - an-na. Nicht ashshadu anna. Sag mal ‚ashshadu an-na‘."

Ich versuche es: "Ashshaddu an-na." Bahri ist zufrieden: "Ja, das stimmt. Ich kann Dir den Adhan in einem Tag beibringen. Es ist nicht schwer und braucht keine Bücher, keine Schule."

Muhammad Ali Bahri hat sich den Adhan in Aleppo selbst beigebracht. Hauptberuflicher Muezzin war er nicht. Dennoch gab es für ihn die Möglichkeit, zum Gebet zu rufen, erzählt er: "Viele meiner Freunde in Aleppo sind Muezzine. Wenn ich sie besuchte und sich die Zeit des Gebetsrufs näherte, sagten sie: ‚Bitte, lass uns deine Stimme hören‘. In Aleppo ist es erlaubt, an ihrer Stelle zu rufen. Ich vollzog also den Gebetsruf – und die Leute mochten das. Sie gingen zu meinem Freund, dem offiziellen Muezzin, und fragten: ‚Wer war das? Das ist nicht deine Stimme?!‘ Er sagte: ‚Das war mein Freund‘ - und sie: ‚Oh, sehr sehr schön.‘"

Rufen in 25 verschiedenen Tonarten

Auf 25 verschiedenen Maqamen, also den Modi der arabischen Musik, habe er den Adhan schon gerufen, sagt Muhammad Ali Bahri stolz: "Ich habe zum Beispiel den Adhan im Maqam Ashouk Afza gerufen – den kennen viele arabische Musiker gar nicht, oder wissen nicht, wie man ihn benutzt."

Die Maqame transportieren unterschiedliche Stimmungen. Es gibt unter ihnen die in der europäischen Musik gebräuchlichen Dur- und Moll-Tonarten, darüber hinaus aber Dutzende anderer Modi, darunter viele mit den typischen Dreiviertelton-Intervallen arabischer Musik.

Ein guter Muezzin setzt die Maqame bewusst ein, sagt Bahri: "Der Adhan ist das Fundament, und die Musik dient ihm. So gelingt es mir, dass sich sicher fühlt, wer den Adhan hört – ohne zu wissen warum. Es liegt daran, dass ich auf einem seltenen Maqam rufe, er ist ungewöhnlich, und angenehm. So hat man den Gebetsruf noch nie gehört. Aber man fühlt sich ruhig und sicher."

Mit versklavten Muslimen nach Amerika

Der Gebetsruf, der in Medina mit Bilal seinen Anfang nahm, zog etwa tausend Jahre später mit westafrikanischen Sklaven nach Amerika. In New York forscht die Sozialhistorikerin Sylviane Diouf zu Sklavenhandel, westafrikanischen Muslimen sowie Widerstand gegen die Sklaverei. In ihrer viel beachteten Veröffentlichung "Servants of Allah", "Diener Allahs", hat Diouf herausgearbeitet, wie versklavte Muslime aus Westafrika ihre Religion in Nord- und Südamerika weiter praktizierten:

"Die islamische Glaubenspraxis der Sklaven wurde wann und wo immer möglich aufrechterhalten, zum Beispiel Beten, Fasten, Kleidung, Koranrezitation, Sufi-Gesänge, und auch der Gebetsruf."

Sylviane Diouf ist sich sicher, dass Muslime in der Sklaverei auch den Koran rezitiert und zum Gebet gerufen haben: "Daher habe ich nach Aufnahmen früher afrikanisch-amerikanischer Musik gesucht. Ich hielt den unverfälschten frühen Blues aus den Gefängnissen auf dem Land für eine gute Quelle, denn diese Männer waren nur ein, zwei Generationen von der Sklaverei entfernt. Als ich dann einige Lieder, genau genommen Holler hörte, war die Nähe zum Gebetsruf sehr auffällig."

Der "Levee Camp Holler" existiert in einer Aufnahme von 1947. Der Sänger heißt Bama, er lebte in einem Arbeitsgefängnis in Mississippi. Hier singt er von der Sehnsucht nach seinem Zuhause und von der Behandlung im Arbeitslager, ruft seinen Gott an, "oh Lord".

Der Gebetsruf wandert in den Blues

Muhammad Ali Bahri findet: "Die Melodieführung scheint wie die des Adhan zu sein. Es ähnelt dem afrikanischen Adhan. Vielleicht aber auch dem frühen Adhan der Golf-Region. Vielleicht. Ich würde es einen urwüchsigen Adhan nennen. Im Klang unterscheidet sich das von unserem Gebetsruf. Aber die Stimmführung, die ist sehr ähnlich."

Sylviane Diouf bezieht sich in ihrer Forschung auch auf den österreichischen Musikethnologen Gerhard Kubik. Dieser bezeichnet den Musikstil, der sich im Holler und im Blues des Mississippi-Deltas wiederfindet, als "arabisch-islamisch".

Diouf erklärt: "Holler ist ein Gesangsstil, der sich von anderen afrikanisch-amerikanischen Stilen während und nach der Sklaverei deutlich unterscheidet. Der Holler wurde als langer, lauter, musikalischer Ruf beschrieben, der anhebt, abebbt und in Falsetto fällt. Holler wurden immer alleine gesungen, langsame Soli ohne Rhythmus, im Gegensatz etwa zu kollektiven Arbeitsliedern. Der Gesang bestand aus lang gezogenen Tönen und Melismen und drückte Einsamkeit aus, Melancholie und Schmerz."

Über die Holler in den Blues

Der Forschung von Sylviane Diouf zufolge gelangten so Elemente einer islamischen Glaubenspraxis über die Holler, die Sklaven auf Feldern oder beim Dammbau sangen, in den Blues des Südens der Vereinigten Staaten: "Blues in seiner ursprünglichen ländlichen Form entwickelte sich ja im Kontext von Leibeigenschaft, Lynchmorden, Terror und Zwangsarbeit. Die jungen Schöpfer des Blues wuchsen in einer Musikwelt auf, die vom Holler dominiert war, und dieser Stil durchsetzte die neue Musik, aus der Blues entstand."

Diouf versteht Glaubensausübung als Praxis von unten, als Tradition, die auch in Stimmen und Ohren gespeichert ist, in Körpern. Eine Tradition, die sich mit ihren Trägern fortbewegt.

Seit über fünf Jahren lebt Muhammed Ali Bahri inzwischen in Deutschland. In dieser Zeit hat er ein einziges Mal zum Gebet gerufen, in einer der türkischen Moscheen in Heilbronn, wie er erzählt:

"Heilbronn ist weit weg, und manchmal bin ich krank oder kann nicht gehen. Ich bete meist zuhause. Es ist kein Muss, zur Moschee zu gehen. An jenem Freitag ging ich zur Moschee nach Heilbronn. Ich habe einen Freund, der den Imam der Moschee kennt, und er sagte ihm: es gibt da einen Musikkenner mit schöner Stimme, er hat in Aleppo häufig zum Gebet gerufen - vielleicht möchtest du ihn hören? Er sagte: Bitteschön, und nahm es mit dem Handy auf. Ich freute mich darüber, nach den langen Jahren im Krieg."

Muezzinruf im Gefangenenlager in Wünsdorf

Eine weitere Migrationslinie des Gebetsrufs verläuft von Tobolsk in Russland nach Wünsdorf in Brandenburg. Denn das erste Mal, dass ein Muezzin in Deutschland von einem Minarett zum Gebet rief, war vor über hundert Jahren: 1915 im Kriegsgefangenen­lager in Wünsdorf, südlich von Berlin.

Im so genannten Halbmondlager waren unter ande­rem muslimische Soldaten aus den französischen und britischen Kolonien sowie aus dem russi­schen Kaiserreich interniert. Die erste Moschee Deutschlands wurde dort gebaut, inklusive 23 Meter hohem Minarett. Damit wurde der Haager Landkriegsordnung Genüge getan, die vorsah, dass Kriegsgefangene ihre Religion ausüben können sollten.

Andererseits war die Moschee auch Teil der Dschihad-Strategie des Auswärtigen Amts, mit der Muslime für die Deutschen gewonnen und gegen die anderen Kolonialmächte – die ja zugleich die Feinde des Deutschen Reichs waren – aufgewiegelt werden sollten.

Aufgenommen in einer Militärbaracke

Mehrere Berichte über das Lager erwähnen, ein Muezzin habe fünfmal am Tag zum Gebet gerufen. Tatsächlich gibt es aus dem Halbmondlager eine Tonaufnahme des Gebetsrufs. Sie gehört zur Sammlung des Berliner Lautarchivs. Die Kulturwissenschaftlerin Britta Lange hat intensiv zu dieser Sammlung geforscht. Ich treffe sie in der Nähe des Archivs in Berlin-Mitte, mit seinen vielen hörbaren Baustellen.

"Das Ganze war ein Projekt von Sprachwissenschaftlern", erzählt Lange. "Zumindest der Gebetsruf von Nur Mohamed Hisameddin wurde von Sprachwissenschaftlern aufgenommen, nicht von Musikwissenschaftlern." Diese Aufnahme entstand nicht vom Minarett aus, sondern in einer Militärbaracke, in der ein Phonograph aufgebaut war, in dessen Trichter Gefangene sprachen und sangen.

Zur Aufnahme gehört eine Akte, ein Personalbogen mit der Beschreibung: "Gebetsruf der Mohamedaner, arabisch, von einem Tataren gesprochen". Laut diesen Unterlagen fand die Aufnahme am 11. Dezember 1916 statt, um 6 Uhr 45. Die Akte gibt zudem darüber Auskunft, dass Nur Muhammad Hisameddin im Jahr 1885 in Tobolsk geboren wurde und seine Muttersprache Tatarisch war, außerdem spreche er Russisch.

Für Muhammad Ali Bahri klingt der Ruf ungewohnt: "Ich glaube, das kommt Maqam Sika am nächsten und dem Adhan von Bilal. Wie der frühe Adhan also, der sich nicht für die Musik oder Melodie interessiert, sondern nur für den Ruf, die Worte."

Neugier auf das Exotische

Für Britta Lange wirft das Tondokument viele Fragen auf: "Warum sollte ein Gebetsruf, der unmittelbar eine Handlung nach sich ziehen soll, überhaupt konserviert werden? Der Gebetsruf lebt davon, dass er immer wieder zu ganz bestimmten Zeiten und zu bestimmten Anlässen wiederholt wird, in echt aber, in der klanglichen alltagsweltlichen Realität, um die Gläubigen zu holen. Also, was muss er sich gedacht haben, als er gefragt wurde, ob er das zur falschen Zeit am falschen Ort macht, für eine Kommission von Wissenschaftlern, die er möglicherweise kaum kannte, und die ihm möglicherweise auch nicht gut erklären konnten, was er da tun sollte."

Wer tatsächlich im Lager zum Gebet rief, ob Nur Muhammad Hisameddin in Wünsdorf Muezzin war, und ob wirklich jeden Tag fünfmal gerufen wurde, ist nicht eindeutig belegt. Mehrere Wissenschaftler berichteten aber von der besonderen Stimmung im Lager, wenn der Adhan erklang, und priesen das orientalische Flair.

"Exotismus ist etwas, was hier wirklich gar nicht von Wissenschaft und wissenschaftlichen Interessen zu trennen ist", findet Britta Lange. "Ich denke definitiv, dass dieser Gebetsruf, so er denn im Lager stattgefunden hat, mindestens diese zwei Seiten hat. Also einerseits, dass er tatsächlich zum Gebet rufen sollte, die Gläubigen. Aber er hatte definitiv auch eine Funktion für diejenigen, die dadurch gar nicht eigentlich primär adressiert wurden, nämlich für die Nicht-Gefangenen und übrigens auch für die Schaulustigen."

Heimatgefühl oder Ärgernis?

Damals war der muslimische Gebetsruf mitten in Brandenburg weithin hörbar und das Lager auch eine Touristenattraktion. Heute löst die Frage nach dem Gebetsruf im öffentlichen Raum immer wieder Streit und Diskussionen aus.

Muhammad Ali Bahri hat dazu eine klare Meinung: "Als ich nach so vielen Jahren hier den Adhan praktizierte, war ich glücklich und erinnerte mich an mein Land, an die vielen Jahre. Ich war froh, aber nicht, weil die Leute auf der Straße vielleicht meinen Adhan gehört haben. Nein, das würde doch die Leute verärgern, denn in Deutschland gibt es viele Religionen. Es wird chaotisch, wenn alle auf der Straße ihre Religion ausrufen."

In Medina rief der befreite Sklave Bilal als erster Muezzin zum Gebet. Durch die Versklavung muslimischer Westafrikaner fand der Adhan seinen Weg in den frühen Blues der Südstaaten. In einem Kriegsgefangenenlager diente der Gebetsruf dazu, die Freundschaft des osmanischen und deutschen Reichs hörbar zu unterstreichen.

Muhammed Ali Bahris Gebetsrufe sind ins Internet gewandert, in seiner neuen süddeutschen Heimat praktiziert er den Adhan kaum. Es ist sein Weg, sich den Gegebenheiten in Deutschland anzupassen.

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