Migration als Thema reicht nicht

Szenenfoto aus "Hass" mit Haydar Yilmaz, aufgeführt im Theater "Hebbel am Ufer" © Branka Prlic / Hebbel am Ufer
07.01.2010
Das Theater "Hebbel am Ufer" in Berlin-Kreuzberg arbeitet erfolgreich und künstlerisch sehr fruchtbar mit deutsch-türkischen Künstlern zusammen. Weil in Kreuzberg rund die Hälfte der Bewohner Migranten sind, hat es sich Intendant Matthias Lilienthal zur Aufgabe gemacht, diese auch ins Publikum zu holen.
"Wir führen keine Statistik, aber es funktioniert nach einem Prinzip einer Bar. In einer Bar stehen immer die gleichen Menschen hinter der Bar wie vor der Bar, die Bedienung hat ne Ausstrahlung, die was mit dem Publikum zu tun hat. In dem Moment, wo wir angefangen haben, mit türkisch- migrantischen Schauspielern, Regisseuren zu arbeiten, in dem Moment hat sich auch eine Klientel hergestellt, die genau in dem Segment war, und dann hatten wir je nach Veranstaltung zwischen 20 und 50 Prozent von migrantischem Publikum."

Seit Beginn seiner Intendanz vor sieben Jahren arbeitet Matthias Lilienthal kontinuierlich mit deutsch-türkischen Künstlern zusammen. 2006 feierten zum Beispiel die Geschichten der "Schwarzen Jungfrauen" im HAU 3 großen Erfolg - Geschichten von in Deutschland lebenden Musliminnen, erzählt von Feridun Zaimoglu. Das Theater als Plattform - das funktioniert. Aber:

"Was definitiv nicht funktioniert, ist, dass ein deutscher Kunstbetrieb etwas mit einem migrantischen Thema produziert und davon ausgeht, dass das automatisch eine migrantische Bevölkerung interessiert. Sondern ich denke, man muss erst einmal anfangen zu fragen, wer wohnt da, was sind das für Menschen, wofür interessieren die sich. Und natürlich können die am besten ihre Geschichten selbst erzählen."

Dafür wurde im "Hebbel am Ufer" auch ein Festival namens "Beyond Belonging" entwickelt, Theater- oder Kinoproduktionen, Bildende Kunst und Installationen von Künstlern, die Kraft ihrer türkischen Wurzeln einen speziellen Blick auf den Ort des "Zuhause", auf die in Deutschkursen gelehrte Sprache oder das geteilte Berlin werfen. Aber das Wort "Migration" führt das Festival bewusst nicht im Titel:
"Weil es auch eine Abgenervtheit gibt, auf die Migrantensituation reduziert zu werden. Und hier ist es wichtig, das auch im ganz normalen Programm zu präsentieren."

Und so hatte zum Beispiel gestern im HAU 2 "Hass" Premiere, ein Stück nach einem französischen Film, der auf den Randalen in den Pariser Vorstädten basiert - inszeniert von einem deutsch-türkischen Regieteam, das Intendant Lilienthal allerdings erst für das Theater gewinnen musste:

"Theater ist ein bürgerliches Bildungsgut, egal was für einen Performancekack ich da gerade mache, und daher ist es schwer, Leute, die keinen normalen Umgang mit so einer Art von Kultur haben, dafür zu interessieren, und das ist harte Arbeit und das ist auch unser Job."