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Studio 9 | Beitrag vom 18.12.2019

Migranten im TheaterbetriebWie gelingt Integration durch Kultur?

Jana Münkel im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Exil Ensemble des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin  (picture alliance/dpa/Foto: Rainer Jensen)
Aus dem Exil-Ensemble hat das Gorki-Theater in Berlin vier Schauspielerinnen ins reguläre Ensemble übernommen. (picture alliance/dpa/Foto: Rainer Jensen)

Wer nach Deutschland flieht, muss oft von vorn anfangen. Kulturschaffende haben es besonders schwer. Wie steht es im Theaterbetrieb um die Integration von Migranten? Das Problem: Oft begegnet man ihnen nicht auf Augenhöhe.

Tahera Hashemi kam 2012 aus Afghanistan nach Deutschland. In ihrer Heimat hat sie eine Schauspiel- und Regieausbildung gemacht. In Deutschland hat es vier Jahre gedauert, in der Theaterwelt anzukommen. "Das war für mich ein großes Problem, das mich psychisch sehr kaputt gemacht hat. Ich habe mit 14 in Afghanistan angefangen. Und auf einmal kommt man in ein Land, wo man die Sprache nicht kennt und man wie ein Kind anfängt, sprechen zu lernen. Man muss von Null anfangen."

Anfangs hat sie noch kostenlos gearbeitet, in Jugendgruppen von Theatern wie der Schaubühne. Sie hat versucht, noch einmal zu studieren, aber oft hat es in der Endrunde nicht geklappt. "Weil ich nicht auf die deutsche Bühne gehöre, war ein Feedback, das ich von einer Schauspielschule bekam. Obwohl die mich interessant fanden. Trotzdem habe ich ein Nein bekommen, weil nicht die Farbe hatte und nicht so aussah, wie man das erwartet im deutschen Theater."

Eigene Lebensgeschichte verkaufen

Das habe sie sehr verletzt. Ein anderer Grund sei, dass sie nicht von sich als Mensch sprechen durfte: "Ich bin nicht interessant, sondern meine Geschichte", sagt Hashemi. "Und das hat mich gequält. Das war für mich sehr anstrengend. Ich wurde immer gefragt nach Projekten, aber die mit meiner persönlichen Erfahrung zu tun hatten, warum ich nach Deutschland gekommen bin." Man habe sie immer nach ihrem vergangenen Leben ausgefragt, aber davon habe sie nicht erzählen wollen. "Wenn ich was verdienen wollte, musste ich mich verkaufen. Das war für mich eine Art Gewalt."

Tahera Hashemi war Mitglied im Exil-Ensemble des Gorki-Theaters. Und von da hat sie den Sprung ins Ensemble des Deutschen Nationaltheaters in Weimar geschafft – als eine der wenigen. "Ich bin eine von den Ausnahmen. Aber meine Hoffnung ist, dass es sich ändern wird. Ich weiß, dass ich als Schauspielerin in den nächsten Jahren niemals eine Hauptrolle bekommen werde." Trotzdem wolle sie dafür kämpfen.

Positivbeispiel Gorki-Theater

"Das Exil-Ensemble am Gorki-Theater in Berlin hat eine interessante Entwicklung genommen", sagt die Kulturjournalistin Sophie Diesselhorst, die sich seit 2015 mit der Frage beschäftigt, wie Theater Geflüchtete integrieren kann. "Das wurde zunächst als externes Ensemble gegründet, womit man die Geflüchteten doch auch wieder labelt und exotisiert. Das hatte aber was mit einer Förderung zu tun. Die mussten das als eigenes Projekt labeln. Sie haben es dann konsequent übergehen lassen in den regulären Betrieb, indem sie vier Schauspielerinnen regulär angestellt haben."

Die Theaterschaffenden würden integriert, willkommen geheißen und es würden neue Perspektiven geschaffen. Woanders ist das noch lange nicht so.

Ausländische Künstler als Bereicherung sehen

Das Thema Geflüchtete seit 2015 ein Modethema gewesen, aber jetzt flaue das Interesse an ihnen wieder ab, sagt der Publizist und Kulturwissenschaftler Gernot Wolfram. Er fordert, dass es nicht nur den einen Weg geben könne, dass die Menschen nach Deutschland kommen und sich dann ins westliche System einbringen, sondern dass man ihnen viel mehr zuhört, was sie eigentlich beschäftigt.

"Was mir häufig fehlt, ist die Frage: Was haben diese Künstler anzubieten, was eine Bereicherung für uns sein könnte, wo wir auch lernen können, wo wir auch andere ästhetische Modelle und Herangehensweisen erfahren würden. Also dass es da erst mal eine sorgfältige Erkundung gibt, was die an Wissen, Talent, Fähigkeiten und Ideen mitbringen. Das wäre meine Kritik: dass wir häufig immer noch mit gewissen Schablonen arbeiten."

Für ihn muss strukturell noch sehr viel passieren – vor allem auch in Dramaturgie und Regie müsse viel mehr Diversität geschaffen werden. Dafür müssten auch viel mehr die Betroffenen selbst in Gremien sprechen und teilhaben.

Es gibt Hoffnung, dass sich die Situation besser. Derzeit bildet sich das "Post-Heimat-Netzwerk". Damit wollen sich die Theater zukünftig über die Frage der kulturellen Teilhabe und mit transkulturellen Fragen auseinandersetzen. Das besteht aus verschiedenen Gruppen aus der freien Theaterszene, zum Beispiel die Gruppe "Boat People Göttingen", die Münchner Kammerspiele und das Maxim-Gorki-Theater.

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