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Fazit | Beitrag vom 04.07.2021

Michel Decars "Reise nach Kallisto" in Frankfurt Philosophieren im Weltraum

Von Natascha Pflaumbaum

Foto von der Inszenierung: Ein Mann und eine Frau sitzen eingewickelt in Decken auf der Bühne und blicken Richtung Zuschauer. (Felix Grünschloß)
In den Weiten des Weltalls lässt es sich wunderbar über die Grenzen der Erde philosophieren. (Felix Grünschloß)

Michel Decars neues Stück "Reise nach Kallisto" ist eine Screwball-Komödie über den Sinn des Lebens. Verhandelt wird dieser Sinn in einem Raumschiff aus der Zukunft. Komisch und philosophisch zugleich. Eine gelungene Uraufführung.

Sechs Menschen sind auf einer Weltraummission zum Jupitermond Kallisto, um dort nach Wasser zu suchen. Die sechs Kosmonautinnen und Kosmonauten sind dazu verdammt, sich zwei Jahre lang auf engstem Raum zu ertragen.

Michel Decars neues Theaterstück "Die Reise nach Kallisto" beschreibt aus der Sicht des 22. Jahrhunderts, wie im fiktiven Weltraum die großen Fragen nach Sinn und Sein entstehen – nicht als philosophischer Diskurs, sondern als Poesie des Alltags.Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Sonja (Melanie Straub) isst Spaghetti aus einer Alutüte, danach schiebt sie sich Popcorn in den Mund, dann noch ein Bonbon – die Kernphysikerin und ihre Kolleginnen und Kollegen snacken sich durch ihren langweiligen Raumschiffalltag.

Es wird viel gegessen auf dieser Mission und viel gelabert: über Sex, über Angst, über früher, über den ersten Roman, Wellensittiche und über ein ominöses Knirschen in der Außenhaut des Raumschiffs, das am Ende die Mission zu Fall bringt.

Philosophische Diskurse ganz nebenbei

Grotesk ist diese Gesellschaft von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die hier auf die Reise geschickt wird, aber irgendwie auch wieder ganz normal, weil sie sich nicht in ihrer Mission verlieren, sondern in ihrem banalen Beziehungschaos auf engstem Raum.

Grotesk ist auch, wie der Regisseur Robert Gerloff am Schauspiel Frankfurt die langweiligen Alltagsszenen beim Essen, nach dem Duschen, beim Sporttreiben per Wimpernschlag in philosophische Diskurse verwandelt.

Foto von der Inszenierung: Zwei Frauen in einem Raumschiff spielen Schach. (Felix Grünschloß)Die Kosmonautinnen und Kosmonauten verlieren sich in wunderbar banalem Beziehungschaos auf engstem Raum. (Felix Grünschloß)

Das enge multifunktionale Raumschiff, das Max Lindner auf die kleine Bühne gebaut hat, verschafft dem Text Dichte, Rhythmus und Geschwindigkeit und wirkt eher wie ein messiemäßiger Camper mit vielen Spanngurten, Gummibändern, Provianttaschen, Mikrowelle und Zahnseide.

Auf drei Ebenen schlüpft das Ensemble durch Klappen, Schlupflöcher, Fenster und Schiebetüren. Musik, Geräusche, Sprache, dazu die genauen Bewegungen der sechs Schauspielerinnen und Schauspieler machen aus Michel Decars Text eine äußerst kunstvolle und sehr unterhaltsame Bühnenkomposition.

Screwball-Komödie über den Sinn des Lebens

Die ist vor allem komisch. Denn Michel Decar hat eine Screwball-Komödie über den Sinn des Lebens geschrieben. Sein minimalistischer Text, seine exzentrischen Figuren, die skurrilen Gegensätze von Weltraum und Wellensittich, das Kontrollversagen der Crew und die Handlungshemmung der Kosmonautinnen und Kosmonauten: Alles das zeigt, dass selbst die größten Missionen am Allzumenschlichen scheitern.

Der Mensch bleibt eben immer Mensch, auch in den unendlichen Weiten des Weltalls.

Die Reise nach Kallisto von Michel Decar
Uraufführung am Schauspiel Frankfurt
Regie: Robert Gerloff

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