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Buchkritik | Beitrag vom 10.09.2021

Michael Smith: "Der stille Held"Nie mit dem Schicksal gehadert

Von Günther Wessel

Zu sehen ist das Cover des Buchs "Der stille Held. Tom Crean" von Michael Smith. (Deutschlandradio / Mare Verlag)
Michael Smith erzählt detailverliebt und streng chronologisch Tom Creans Leben. (Deutschlandradio / Mare Verlag)

Der Ire Tom Crean nahm an drei berühmten Expeditionen in die Antarktis teil. Doch ist sein Name den wenigsten bekannt. Das will der englische Journalist mit seiner gut recherchierten und spannenden Biografie jetzt ändern.

Tom Crean, Farmersohn aus dem Südwesten Irlands, wird mit 16 Jahren Schiffsjunge bei der Navy und heuert acht Jahre später, 1901, auf Robert Falcon Scotts erster Antarktisreise an. Der 24-Jährige bewährt sich während der dreijährigen Expedition und so fragt Scott ihn, ob er an seiner Südpolexpedition 1910 teilnehmen wolle.

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Deren Ergebnis ist bekannt: Der Norweger Roald Amundsen erreicht den Pol einen Monat früher als die Engländer. Scott und alle, die ihn begleiten, erfrieren auf dem Rückweg.

Lebensretter in der Eiswüste

Crean, der von Scott nicht für die letzte Polgruppe ausgewählt wurde, kehrt mit zwei anderen Expeditionsteilnehmern um. Ihnen rettet er das Leben, weil er am Ende knapp 60 Kilometer allein durch die Eiswüste zum Basislager marschiert, um für seine erschöpften Kameraden Hilfe zu holen.

Creans dritte Expedition ist die Ernest Shackletons, bei der das Expeditionsschiff im Januar 1915 im Packeis einfriert und im November untergeht. Die Männer wuchten wochenlang drei kleine Rettungsboote über das Packeis, ehe sie das offene Polarmeer und dann rudernd die winzig Insel Elephant Island erreichen.

Shackleton, Crean und vier andere segeln von dort 1300 Kilometer über das Südpolarmeer nach Südgeorgien und starten von der dortigen Walfängerkolonie die Rettung der anderen.

Die Kälte des Schelfeises spürbar machen

Michael Smith erzählt detailverliebt und streng chronologisch Tom Creans Leben. Zu Beginn liest sich das zunächst hölzern, doch das ändert sich glücklicherweise im Lauf der Geschichte.

Die dramatischen Geschehnisse bei Scotts Versuch, zum Südpol zu gelangen, und bei der Fahrt über das Südpolarmeer wirken unmittelbar auf Smiths Erzählweise: Seine Sprache verliert alles Floskelhafte und er schreibt mitreißend. Die Kälte des Schelfeises wird so spürbar, der Hunger, die Erschöpfung.

Was Männer wie Tom Crean durchhalten ließ, war laut Smith, nicht nur ihre Zähigkeit und körperliche Belastbarkeit, sondern auch eine spirituelle Erfahrung: Sie beschrieben später, dass sie auf entscheidenden Etappen das Gefühl hatten, sie seien von Gott geleitet worden.

Zurückgekehrt nach England verblieb Tom Crean noch bis 1920 bei der Marine, heiratete, wurde Vater zweier Töchter und eröffnete in seinem Heimatort einen Pub: das South Pol Inn, das heute noch existiert.

Unveröffentlichte Tagebücher und Briefe 

Michael Smith kommt seinem Helden dank ausufernder Recherche sehr nah. Er kennt nicht nur die einschlägige Literatur, sondern hat auch unveröffentlichte Tagebücher und Briefe studiert. Er charakterisiert den Iren als schlichten, meist gut gelaunten Menschen, der verlässlich und aufrecht durchs Leben geht, anpackt und nie mit dem Schicksal hadert.

Doch eine Frage stellt der Autor nicht – vielleicht, weil es auf keine Antwort darauf gibt: Was faszinierte Polarforscher wie Crean an der kalten weißen Welt so sehr, dass er – obwohl er seine ersten beiden Aufenthalte dort nur knapp überlebte – wieder dorthin zurückkehren wollte?

Michael Smith: "Der stille Held. Tom Crean: Überlebender der Antarktis"
Aus dem Englischen von Rudolf Mast
Mare Verlag, Hamburg 2021
464 Seiten, 26 Euro

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