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Tonart | Beitrag vom 18.07.2016

Michael Kiwanukas Album "Love and Hate""Traurige Dinge inspirieren mich"

Von Kerstin Poppendieck

Michael Kiwanuka auf der Bühne mit Gitarre auf einem Festival in London (imago / Landmark Media)
Der britische Sänger Michael Kiwanuka auf einem Festival in London (imago / Landmark Media)

Michael Kiwanuka ist einer der leuchtendsten Sterne am Soulhimmel - und mit seinem zweiten Album hat der Brite diese Position bestätigt. Es handelt auch davon, wie der Sohn ugandischer Eltern beim Aufwachsen in London nach der eigenen Identität suchte. Mit seiner Musik will er auch provozieren.

Manchmal ist es mit dem Schreiben eines neuen Albums wie mit Schuhekaufen. Man weiß genau, was man will, findet aber nicht das richtige Paar oder man kann sich nicht entscheiden. Da wäre ein Einkaufsberater eine Lösung. Für Michael Kiwanuka war dieser Einkaufsberater Brian Burton, besser bekannt als Danger Mouse, einer der erfolgreichsten Produzenten aktuell. Namen wie Adele, die Red Hot Chili Peppers und Gorillaz stehen auf seiner Kundenliste.

"Ich brauchte einfach Hilfe, ich kam einfach nicht weiter und hatte viele Fragen. Mir ist es wichtig, viele Menschen mit diesem Album zu erreichen. Aber dafür wollte ich nicht den einfachen Weg gehen: eine tolle Stimme, eingängige Musik und fertig. Danger Mouse hat es geschafft, seine Glaubwürdigkeit zu bewahren und gleichzeitig kommerziellen Erfolg zu haben. Er hat mir viele Tipps gegeben, hat mir beim Schreiben der Texte geholfen, beim komponieren der Melodien. Er halt mir sogar dabei geholfen, wie ich meine Songs singe. Wirklich ein großer Einfluss."

Sehr entspannt, freundlich und in sich ruhend erzählt Kiwanuka von seinen Schwierigkeiten mit dem zweiten Album. Er ist Danger Mouse sehr dankbar für dessen Hilfe. Sechs der zehn Songs hat Danger Mouse mitgeschrieben und produziert. Ob das jetzt den Klang des Albums prägend beeinflusst hat, ist schwer zu sagen. Denn Danger Mouse ist ja nicht bekannt für einen konkreten Stil, sondern dass er es schafft, den Songs einen ganz besonderen Klang zu verleihen: Er veredelt. Was dagegen auffällt, ist der fast durchgehend traurig-melancholische, leicht depressive Tonfall – in Musik und Text.

"Mir fällt es einfach leichter, solche Texte zu schreiben. Das ist wie ein innerer Reinigungsprozess. Ich bin eigentlich ein ganz fröhlicher Typ. Aber traurige Dinge inspirieren mich zu meinen Liedern. Sonst geht's mir aber gut."

Suche nach einem Platz in der Gesellschaft

Musik als Detox von den Problemen des Alltags mit Streichern, Chorgesang und viel Soul, manchmal sogar Motown und Gospel. Schon die erste Singleauskopplung legt die Messlatte für das Album hoch: "Black man in a white world". Ein provokanter Titel in Zeiten, in denen rassistische Übergriffe regelmäßig die Schlagzeilen bestimmen. Dabei ist der Text gar nicht politisch motiviert, es geht vielmehr um Kiwanuka selbst. Wie es für ihn war, als Schwarzer in London groß zu werden auf der Suche nach seiner Identität und einem Platz in der Gesellschaft. Natürlich spielte bei all dem seine Hautfarbe eine Rolle. Er ist der schwarze Mann in der weißen Welt, von dem er singt.

"Klar weiß ich, dass man sich auch vom Text provoziert fühlen kann, und ich hab' mich auch während der Aufnahmen gefragt, ob das ein Problem sein könnte. Also könnten Menschen deshalb das Album nicht mögen? Aber dann hab' ich mir gesagt: Warum? Ich erzähle ja keine Lügen in dem Text. In dem Lied geht es einfach um mich, meine Identität, wie ich mich gefühlt habe, als ich in London aufgewachsen bin, wie ich versucht habe, reinzupassen und mich anzupassen.

Musik ist Unterhaltung und Kunst gleichzeitig. Deshalb finde ich es wichtig, auch mit Musik zu provozieren. Es bringt einen dazu, sich Gedanken zu machen, es regt Gespräche an. Aber grundsätzlich geht es in dem Lied einfach um mich. Vielleicht können sich aber auch andere damit identifizieren, egal, welche Hautfarbe sie haben. Wir alle wollen dazu gehören."

Stimme voller Soul und Leidenschaft

Seine Eltern stammen aus Uganda, er wurde in London geboren. Schon früh spürte Michael Kiwanuka, dass er anders war. Swahili, die Sprache seiner Eltern, sprach er kaum. Er fühlte sich weder als Ugander noch als echter Engländer. Vor allem als Kind hat er darunter gelitten. Er wollte einfach reinpassen, wie jeder andere sein. Da störte dann schon sein Nachname, der sofort zeigte, dass seine Wurzeln eben nicht in England liegen. Wer bin ich, wo gehöre ich hin - das sind die großen Themen des Albums.

Man sollte sich die Zeit nehmen, das Album auf sich wirken zu lassen. Nur so lässt sich das tatsächliche Potenzial des Albums erfassen. Es ist schon spannend zu hören, wie Kiwanuka die Songs entwickelt, wie sie sich langsam und sanft aufbauen: wie eine weit entfernte Welle, die immer näher kommt und dabei stärker und intensiver wird. Schon der erste Song lässt sich über zwei Minuten Zeit, bevor er dann richtig losgeht – und ist erst nach gut zehn Minuten zu Ende. Dazu die Stimme von Michael Kiwanuka, die warm und voller Soul und Leidenschaft ist, angeraut und gleichzeitig samtweich.

Wenn man dieses Album nur oberflächlich hört, könnte der Eindruck entstehen, dass es Längen hat, öde Passagen, in denen nichts passiert. Dabei sind es vor allem diese vermeintlich langweiligen Passagen, in denen es so viel zu entdecken gibt. Eine beeindruckende Weiterentwicklung im Vergleich zum ersten Album, die seine Position als einer der leuchtendsten Sterne am Soulhimmel mehr als bestätigt.

Tonart

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