Michael Göring: "Dresden"

    Blick zurück auf ein fernes Land

    09:58 Minuten
    Schwarz-Weiß-Bild der Dresdner Innenstadt von 1990.
    In den Siebziger Jahren besuchte Michael Göring die DDR. Er lernte ein Land kennen, das ganz anders war, als seine westfälische Heimat. © picture alliance / Klaus Rose
    Von Alexandra Gerlach · 01.10.2021
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    Für viele Westdeutsche war die DDR ein fernes Land. Für junge Menschen heute ist es ganz ähnlich. Vorurteile und Gleichgültigkeit bestimmen das Bild der DDR. Michael Göring erzählt in seinem Roman von einem Land, das er als Jugendlicher kennenlernte.
    "Im Buch ist es so, dass Kai, eine der Hauptpersonen, 1989 in die CSSR fährt", erzählt Michael Göring bei der Vorstellung seines Buches in Dresden. "In Prag steigt Kai über den Zaun der Villa Lobkowicz, dem Sitz des westdeutschen Botschafters in Prag. Mit 5000 anderen DDR-Bürgern ist er da. Sie warten darauf, dass sie in den Westen dürfen. Und dann kommt Genscher. Am 30. September hält er die Rede oben vom Balkon: "Wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ..."

    Ausreise über das Staatsgebiet der DDR

    Neun Sonderzüge fuhren von Prag aus durch den Süden der DDR nach Hof in Bayern. Das war ja die Bedingung der DDR gewesen, die Ausreise-Strecke musste über das DDR-Staatsgebiet führen. Göring erzählt in Dresden: "Kai sitzt in einem dieser Züge und es ist der 1. Oktober am Nachmittag."
    Kai hat traumatische Knasterfahrungen hinter sich, seit er bei einem gescheiterten Fluchtversuch aus der DDR gefasst wird und im Gefängnis landet. Authentisch und beklemmend erzählt der Roman von den bangen Momenten der Ungewissheit im Zug in die Freiheit.
    Aus den Fenstern eines Zuges winken viele Hände. Auf dem Bahnhof in Hof erwarten Menschen den Zug.
    Von Prag aus fuhren die Züge über das Gebiet der DDR und wurden im Bahnhof im bayerischen Hof von vielen Menschen begrüßt.© picture alliance / Wolfgang Eilmes
    Eine Schlüsselszene seines Buches und im Leben der ausreisenden DDR-Bürger liest Göring bei der Buchvorstellung in Dresden vor:
    In Gutenfürst hält der Zug kurz an. Die massiven Grenzanlagen links und rechts vom Gleis lassen alle im Abteil und auch die meisten im Gang verstummen. Es sind keine Zivilisten und keine Reisenden, sondern nur Soldaten an der Grenze zu sehen, von denen keiner auch nur die geringste Reaktion zeigt. Dann hört Kai, wie sich das Ausfahrtsignalschild dreht, wenige Sekunden später setzt der Zug seine Fahrt fort.
    "Fährt der auch in die richtige Richtung, Kai?", fragt Uwe. Kannst Du erkennen, ob wir schon im Westen sind? Keiner im Abteil spricht.

    Görings Besuche in der DDR

    Diese Passage beruht auf Schilderungen eines jungen Dresdners, der damals, am 1. Oktober 1989, in einem dieser Züge gesessen hat. Autor Michael Göring hat sie später aufgeschrieben und verarbeitet. Bereits seit Mitte der70er-Jahre war er als Student häufig zu Gast in Dresden. Er besuchte die Familie einer Brieffreundin seiner Tante, ein Kontakt über eine Kirchenchor-Patenschaft, der bis heute hält.
    An einem Sonntag im September ist der 65-jährige gebürtige Westfale und langjährige Vorstandsvorsitzende der ZEIT-Stiftung, Michael Göring aus seiner Wahlheimat Hamburg angereist, um in Dresden sein neues Buch vorzustellen.
    Das Wetter ist kühl, aber sonnig. Im Garten des Erich-Kästner-Literaturhauses haben sich rund 40 Gäste eingefunden und unter dem schattigen Dach der großen Platane auf Stühlen und Bänken Platz genommen. Unter einem weißen Pavillon-Falt-Dach spielen Ulrich Eißner und Arndt Stephan ein Lied aus ihrer Zeit im Studentenkabarett als "Pfefferlinge" aus dem Jahr 1987.
    Schwarz-weiß-Bild von Dresdens Innenstadt. Menschen laufen durch die Stadt.
    Mit Dresdens Stadtbild war Göring vertraut. Er ist in den 1970ern häufiger hier zu Besuch gewesen.© picture alliance / Klaus Rose
    An die maroden, morbiden Fassaden der Stadt erinnert sich Autor Michael Göring bestens. Und auch daran, dass er schon als 20-Jähriger bei seinem ersten Besuch Mitte der 70er-Jahre, ein festgefügtes DDR-Bild hatte:

    Sachsen kennengelernt

    "Und dann kam ich hier an und natürlich mit all diesen Vorbehalten, die man doch als Westler hatte und natürlich dieser etwas seltsame Grenzübergang, der dieses Land nicht gerade einladend machte. Und dann kam ich hier an und es war eine wunderbare Familie. Ich habe dieses Sachsen kennengelernt, wir haben großartige Wanderungen gemacht, wir sind abends in der Oper gewesen, wir haben hier wunderschöne Dinge gemeinsam erlebt und ich wurde immer vertrauter mit dieser Stadt."
    Es ist die Zeit des Kalten Krieges, die die 70er- und 80er-Jahre prägen: Konfrontation zwischen NATO und Warschauer Pakt sowie tiefem Misstrauen zwischen den Blöcken. Auch im westdeutschen Elternhaus von Michael Göring gibt es starke Vorbehalte:
    "Nun es war schon das traditionelle Bild, das man im Westen von der DDR hatte. Ostzone, relativ eingeengt, auch noch sehr viel ärmer als die Westzone, wenig Innovation, stark angebunden an die Sowjetunion. Alle diese Punkte kamen natürlich hoch, wenn man den Eltern erzählte: Ich fahre jetzt in die DDR. 'Was willst du denn in der Ostzone? Was willst du denn da?' Und das hat mich eigentlich noch neugieriger gemacht auf diese Ostzone: Ob sie wirklich so zurück war."
    In seinem autobiographisch inspirierten Buch ist es der Student Fabian Schlüter, Jahrgang 1955 und aus konservativem Elternhaus, der sich gemeinsam mit seinem Freund Till, der aus dem radikal linken Lager stammt, aufmacht zu einer Reise in die DDR.

    Sehnsüchte der DDR-Jugend

    Sie fahren zu einer Familie, mit der sie nicht verwandt sind. Natürlich haben sie Westpakete mit im Auto: Waschmittel, Kaffee und Schokolade, Bananen und West-Zigaretten. In Gesprächen mit den etwa gleichaltrigen Kindern der Dresdner Gastfamilie erfahren sie von den Sehnsüchten der DDR-Jugend:
    "Ich würde ja auch mal gerne nach Paris, ich würde auch mal gerne nach London. Ach, du studierst gar nicht in Deutschland? Du studierst in England? Das würde ich auch mal gerne tun. Also diese Reise-Sehnsucht war mit das Dominanteste, was ich immer wieder festgestellt habe, was den Menschen fehlte."
    Porträt von Michael Göring mit weißem Hemd und blauer Krawatte.
    Der Autor Michael Göring besuchte in den 1970er-Jahren die DDR. Es sagt, 1989 sei eine so erhebliche Zäsur für das Land gewesen.© picture alliance / dpa / Lukas Schulze
    Eine Studie der Gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung aus dem Jahr 2019 kommt unter anderem zu dem Ergebnis, dass DDR und Wendezeit für viele junge Menschen bereits Geschichte sind. Sie fokussieren sich eher auf die Chancen und Lebensbedingungen von Morgen.

    Eine Zäsur, die alle betrifft

    Michael Göring möchte dennoch die Leserinnen und Leser anregen, sich der jüngsten Deutschen Geschichte dem tiefgreifenden Umbruch noch einmal zu stellen, im Westen wie im Osten:
    "Dieser Teil unseres Landes hat so eine erhebliche Zäsur 1989 erlebt. Und das ist natürlich eine Zäsur, die nicht nur die damals werktätige Bevölkerung betrifft, sondern auch das 13-jährige Mädchen, das 1989 plötzlich sieht, dass Papa keine Arbeit mehr hat. Also diejenigen, die Mitte der 1970er-Jahre auf die Welt kamen und mitten in der Pubertät solch einen Bruch erlebten. Das müssen wir im Kopf haben, wenn wir über den Osten sprechen."

    Michael Göring: "Dresden - Roman einer Familie"
    Osburg Verlag, Hamburg 2021
    300 Seiten, 24 Euro

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