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Frühkritik | Beitrag vom 02.05.2020

Michael Connelly: "Late Show"Verzwickte Fälle in L.A.

Von Tobias Gohlis

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Buchcover zu Michael Connellys "Late Show" (Kampa / Deutschlandradio)
Der Krimiautor Michael Connelly hat mit Renée Ballard eine neue, vielschichtige Heldin geschaffen. (Kampa / Deutschlandradio)

Michael Connelly ist einer der weltweit erfolgreichsten Krimiautoren. Mit Renee Ballard schickt er in Los Angeles erstmals eine Frau auf Verbrecherjagd. "Late Show" ist ein gelungener und spannender Roman, der gekonnt mit Details der Polizeiarbeit jongliert.

Michael Connelly ist einer der bekanntesten Kriminalschriftsteller der Welt und kennt das Los Angeles Police Department wie seine Westentasche. Erfolgreich und vermögend dank seiner Kriminalromane — seit 1992 bringt er wie ein Uhrwerk jährlich mindestens ein Buch heraus – lebt Connelly seit vielen Jahren in Florida. Aber mindestens einmal im Quartal, hockt der ehemalige Kriminalreporter der "Los Angeles Times" mit seinen Cop-Kumpels Tim Marcia, Rick Jackson und neuerdings der Detective Mitzi Roberts im Hinterzimmer einer Kneipe in Downtown L.A. und lässt sich über laufende Kriminalfälle, unabgeschlossene  Ermittlungen und den letzten Polizeitratsch unterrichten.

Das ist das Material, aus dem seine Polizeiromane – am berühmtesten sind die um Detective Harry Bosch – entstehen. Jetzt hat er, als ein Beitrag des aufrechten demokratischen Realisten zur MeToo-Bewegung, nach vielen Männern erstmals eine Heldin ins Rennen geschickt: LAPD-Detective Renée Ballard. "Late Show" heißt der neue Roman.

Strafversetzte Polizistin

"Late Show" ist Polizeijargon für die unbeliebteste Schicht, die Nachtschicht, die alles aufsammeln und verarbeiten muss, was an Kriminalität, Not und Verzweiflung in der kalifornischen Metropole allnächtlich zusammenkommt. Wie die Transgender-Prostituierte Ramona, die nach offenkundig tagelanger Folter für tot gehalten auf einem Parkplatz abgeworfen wurde. Ballard – kein Vorname im Dienstgebrauch! – kennt sexualisierte Gewalt aus eigenem Erleben.

Als sie die Attacken eines vorgesetzten Lieutenants nicht nur zurückwies, sondern anzeigte, wurde sie aus der hoch angesehenen Kriminalabteilung in die Late Show versetzt. Und gerät prompt in einem zweiten Fall, eine Restaurantschießerei mit fünf Toten, wieder in Konflikt mit dem Apparat. Nicht nur, dass sie eine Spur entdeckt, die auf einen Polizisten als Beteiligten weist. Leitender Ermittler ist der übergriffige Lieutenant, und ihr damaliger Partner, der ihr seinerzeit in den Rücken gefallen war, ist auch involviert.

Mit Spannung und Zuversicht

"Late Show" ist ein spannendes Buch, trotz einer Masse von Polizeidetails, Figuren und Fällen. Altmeister Connelly jongliert routiniert mit Paragraphen, Vorschriften und bürokratischen Abläufen. Genauso wie seine clevere Heldin. Romantische und abenteuerliche Gefühle für seine geradlinig den rechten Pfad zwischen Gesetz und Gerechtigkeit findende Protagonistin weckt Connelly durch die Schilderung ihrer Lebensumstände: Die begeisterte Surferin schläft tagsüber im Zelt am Strand, beschützt von ihrer Hündin.

Ballard klärt schlussendlich nicht nur alle verzwickten Fälle auf, sondern ihr widerfährt auch die Gerechtigkeit, die ihr zusteht. Das erfreut alle Leser, die dem amerikanischen Justizwesen misstrauisch gegenüberstehen, mit Zuversicht, mit der Zuversicht, die eine neue Serienheldin braucht.

Michael Connelly: "Late Show"
Aus dem Englischen von Sepp Leeb
Kampa, 432 Seiten, 19,90 Euro

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