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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.04.2020

Michael Andrick: "Erfolgsleere"Entfremdetes Marionettendasein

Von Eike Gebhardt

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(Verlag Karl Alber)
"Es gibt definitionsgemäß nichts weniger Originelles als eine Karriere", spottet Michael Andrick in seinem Buch "Erfolgsleere". (Verlag Karl Alber)

In der heutigen Arbeitswelt liegt eine Perversion unseres Ideals der Selbstbestimmung: der Ehrgeiz, mit dem wir an unserem Selbst arbeiten, dient letztlich nur fremden und zweifelhaften Zwecken, findet der Philosoph und Manager Michael Andrick.

"Wir suchen das Prinzip unserer perversen Normalität, ihre treibenden Motive, Denk- und Verhaltensmuster – und deren Ursprung". So nüchtern sieht der Manager und Philosoph Michael Andrick seine ehrgeizige Mission. Perverse Normalität? Für Andrick offenbar kein Paradox. Was im Gewand einer psychologischen Diagnose daherkommt, ist ein Programm zur Umwertung unserer Werte – eben unserer Normalität. Also ein Plädoyer für die Revolution des Grundgesetzes unserer Marktgesellschaft.

Perverse Normalität

Unter deren Diktat nämlich können wir kaum anders als fremdbestimmt leben. Unangepasst würden wir umstandslos zu erfolglosen Außenseitern, zu Verlierern – und würden uns damit sogar jeder Handlungsoption berauben, sprich: auch der Möglichkeit, etwas an dieser perversen Lage zu ändern. Pervers deshalb, weil unser Ideal eigentlich das selbstbestimmte Individuum ist, das die Freiheit und die Ressourcen hat, sich nach eigenen Vorstellungen zu erschaffen und zu gestalten. Doch just um diese Ressourcen zu erwirtschaften, müssen wir uns anpassen – oder, wie es heute heißt: uns optimieren, eben um innerhalb von Vorgaben, die nicht unsere eigenen sind, bestens zu funktionieren. Wir werden zu Vollstreckern eines fremden Willens – und das bitte so perfekt wir möglich: wir wollen topfit sein, um fremde Ziele auszuführen, zu exekutieren. So heißen diese Roboter in der globalen Leitsprache denn auch: "Executives".

Funktionäre, könnte man auch neutraler sagen. Mangels eines eigenen Lebenssinns entwickeln sie ein Ersatzideal: den Erfolg, die Anerkennung durch ihresgleichen. Ihr innerer "Treibstoff", so Andrick, ist Ehrgeiz: "Ehrgeiz ist die planvolle Optimierung des Bildes anderer von meiner Person." Sie verfolgen, durchaus intelligent und kreativ, und durchaus rational, Ziele und Zwecke, die weder ihrer Kreativität noch ihrer Intelligenz entspringen: "Rationalität ist die möglichst sparsame und konsequente Anwendung von geeigneten Mitteln, um einen feststehenden Zweck zu verwirklichen. Dieser Zweck selbst steht beim rationalen Tun nicht in Frage." Sie jagen nach einem Fortschritt, der immer nur quantitativ sein kann. Zum Beispiel der nächste Karriereschritt. "Es gibt definitionsgemäß nichts weniger Originelles als eine Karriere", spottet der Autor. 

Ehrgeiz als Selbstzweck

Wir erleben dieses Marionettendasein als unsere Identität, weil wir ein Selbstbild durch die Reaktionen unserer Mitmenschen entwickeln, die uns zu spiegeln scheinen – mit dem viel zu gering geschätzten Risiko, vor allem oder nur noch den Erwartungen anderer entsprechen zu wollen und genau damit alles Eigene auszulöschen. Es beraubt uns eben jener eigenen Urteilskriterien, die uns erst zu einem Individuum machen würden. "Ehrgeiz ist das soziale Betriebssystem unserer Institutionen, weil Selbstunsicherheit das vorherrschende Ergebnis unseres Aufwachsens in der Ordnung des Ansehens ist; wir sind alle zu Kundschaftern und Managern fremder Erwartungen ausgebildet worden", so Andricks Diagnose.

Autonom, d.h. "selbstgesetzgebend" wären wir erst dort, wo Selbstoptimierung uns nicht zum immer fitteren Werkzeug in fremden Diensten machen würde, sondern wo wir auch die Zwecke selber reflektieren, uns der Alternativen bewusst sind, beziehungsweise solche erdenken und erschaffen. Kurzum: Wo wir unser Optionsspektrum unaufhörlich erweitern statt es zielstrebig zu verengen.

Michael Andrick: Erfolgsleere. Philosophie für die Arbeitswelt
Verlag Karl Alber, Freiburg im Breisgau 2020
208 Seiten, 15 EUR

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