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Interview | Beitrag vom 02.12.2020

Micha Brumlik über ReligionOhne Glaubensbezeugung geht es nicht

Micha Brumlik im Gespräch mit Nicole Dittmer

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Die Publizist und Preisträger der Buber-Rosenzweig-Medaille Micha Brumlik folgt am 06.03.2016 in Hannover (Niedersachsen) dem Festakt zur Eröffnung der diesjährigen christlich-jüdischen Woche der Brüderlichkeit. (dpa /  Hauke-Christian Dittrich)
Zwar sind immer weniger Menschen Mitglieder der Kirchen in Deutschland, doch haben diese immer noch Einfluss bei gesellschaftlichen Debatten, sagt Micha Brumlik. (dpa / Hauke-Christian Dittrich)

Wer glaubt, muss davon auch selbst überzeugt sein, findet der Pädagoge Micha Brumlik. Und für Gläubige gelte, ihren Glauben auch in der Öffentlichkeit zu vertreten. Schließlich sei Religion ein moralischer Wegweiser und keine individuelle Heilsgewissheit.

Wie weit sollen Gläubige gehen, wenn es um ihren Glauben geht? Diese Frage hat das Hilfswerk "Kirche in Not" mit ihrem Kalender für 2021 für sich beantwortet. In diesem Kalender werden Bilder von 52 Märtyrern gezeigt. Kein Wunder, sagte der Schriftsteller und Katholik Martin Mosebach: "Die eingeschlafene deutsche Kirche braucht Leute, die bereit sind, den Glauben zu bezeugen. Das ist ihr Leiden, dass sie das nicht hat", so Mosebach.

Religion in der Öffentlichkeit

Auch der Pädagoge und Philosoph Micha Brumlik sieht das ähnlich. Denn Menschen, "die einer Religion angehören, sollten grundsätzlich in der Lage sein, diesen Glauben auch öffentlich zu bezeugen. Wie weit das dann geht, ob bis zum Opfer des eigenen Lebens, das ist eine ganz andere Frage, die jeder und jede Gläubige für sich entscheiden kann - und auch muss."

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Zwar sei es "eine notwendige Bedingung", sich mit dem eigenen Glauben auseinanderzusetzen, doch werde heutzutage vor allem in der Öffentlichkeit über Religion gesprochen. Daher sollten Mitglieder, "die sich selbst als Angehörige einer Religionsgemeinschaft verstehen, schon mitteilen, warum sie dieser Religionsgemeinschaft angehören", findet der Seniorprofessor am Selma Stern Zentrum für jüdische Studien Berlin.

In den bekannten Religionen gehe es nicht nur um die individuelle Heilsgewissheit, sondern diese postulierten auch moralische Weisungen und Gebote. Sie seien auch keine privaten Angelegenheiten, sondern jeder Gläubige müsse "sie bekannt machen und versuchen, andere davon zu überzeugen", so Brumlik, der Mitherausgeber der politisch, wissenschaftlichen Monatszeitschrift "Blätter für deutsche und internationale Politik" ist.

Soziologen sprächen mittlerweile davon, dass die Gesellschaft postsäkular ist, erläutert der Pädagoge. "Es ist zwar richtig, dass immer weniger Menschen in einer organisierten religiösen Gemeinschaften angehören - jedenfalls in unseren Breiten." Doch sei dies nicht damit gleichzusetzen, dass die Religionen an Einfluss verlieren würden.

Kein Zwangskorsett

"Mein Eindruck ist, dass in der Bundesrepublik Deutschland die christlichen Kirchen, sogar wenn sie immer weniger Mitglieder haben, bei entscheidenden Fragen – Klimawandel, Atomkraft, das ungeborene Leben – sehr einflussreiche Faktoren darstellen", so Brumlik.

Für ihn persönlich stelle Religion einen Wegweiser für das Leben bereit, so der Philosoph, der selbst Jude ist. Doch: "Ein Wegweiser ist kein Zwangskorsett." Das Aufgezeigte sei dann hilfreich, wenn man ihm folgen könne.  

(rzr)

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