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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.01.2019

Metereologe zu massivem SchneefallWinterwetter oder Klimawandel?

Karsten Schwanke im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Ein Schneepflug räumt eine Straße, rechts liegt ein umgestürzter Nadelbaum. (picture alliance/APA/picturedesk.com)
Schneemassen in Österreich: Umgestürzte Bäume versperren hier die Hauptverbindung von Ried nach Salzburg über den Kobernaußerwald, die L508. (picture alliance/APA/picturedesk.com)

"Wir sehen inzwischen den Klimawandel an einzelnen Wetterereignissen", sagt Karsten Schwanke. Weil sich die Nordpolregion stärker erwärme als der Rest der Welt, blieben Wetterlagen länger bestehen – etwa der lange trockene Sommer im vergangenen Jahr.

Liane von Billerbeck: Meterweise, tonnenweise Schnee in Bayern und Österreich, wo nur noch eins getan wird, nämlich schaufeln, schippen, schaufeln, schippen. Und der Klimareport 2018 der US-Regierungsbehörde, der heute veröffentlicht wird, nach dem sich die Erde im Rekordtempo aufgeheizt hat. 2018 war das zweitwärmste Jahr in der Antarktis seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Gründe genug, um mit Karsten Schwanke zu reden, dem Wetter- und Wissenschaftsmoderator, den Sie ganz sicher vom Wetterbericht aus der ARD und den dritten Programmen kennen. Schönen guten Morgen.

Karsten Schwanke: Guten Morgen, Frau von Billerbeck.

von Billerbeck: Warum auf einmal so viel Schnee in Bayern und Österreich?

Schwanke: Das lässt sich relativ leicht und einfach beantworten. Wir haben eine nordwestliche Strömung, feuchte Luftmassen kommen vom Nordatlantik und prallen seit ungefähr anderthalb Wochen regelmäßig immer wieder auf die nördlichen Alpen. Und dort stauen sich die Wolken und es schneit einfach sehr viel. Wir haben Januar.

von Billerbeck: Andere Regionen indes, die haben Wetter, das ist wie Ostern, also Temperaturen deutlich über null, Regen und viel Wind. Hängt das irgendwie zusammen?

Schwanke: Man darf natürlich auch nicht vergessen: Nach wie vor ist auch dieser Januar zu warm für die meisten Regionen in Deutschland, zum Beispiel für Berlin und Hamburg noch immer mehr als vier Grad wärmere Temperaturen als normalerweise. Das ist eine relativ milde Luftmasse. Gestern hat es zum Beispiel auch am Alpenrand bis auf 800, 900 Meter hinauf geregnet. Dieser Schnee ist kurzfristig auch wieder angetaut, jetzt ist es wieder etwas kälter geworden. Wir haben also eher eine nach wie vor zu warme Luftmasse sogar für das, was wir normalerweise erwarten müssten. Deshalb verwundert es uns auch nicht, dass es in den tieferen Lagen relativ mild ist, gerade in den letzten Tagen, aber eben auf den Bergen, bei dieser sehr feuchten Luftmasse doch sehr viel Schnee fällt.

"Nordpolregion erwärmt sich deutlich stärker"

von Billerbeck: Aber schon im vergangenen Jahr, mancher erinnert sich vielleicht noch, da ist sehr viel Schnee in den Alpen gefallen. Dazwischen gab es einen langen und heißen Sommer. Ist das noch Wetter, oder ist das schon Klima?

Schwanke: Das ist immer eine sehr schwierige Frage, die wir natürlich auch versuchen zu beantworten. Aber wir können das inzwischen auch schon stärker beantworten. Aber wir sehen inzwischen den Klimawandel auch an diesen einzelnen Wetterereignissen. Es gibt diese kleine Zusammenhänge, die das deutlich machen können.

So erwärmt sich zum Beispiel in den letzten Jahrzehnten die Arktis, die Nordpolregion deutlich stärker als der Rest der Welt. Wir haben dort in der Arktis, am Nordpol, Erwärmungsraten von zum Teil einem Grad, ein bis zwei Grad pro Jahrzehnt, während es sonst eher 0,1 bis 0,2 Grad sind. Und diese deutlich stärkere Erwärmung führt dazu, dass sich die Temperaturgegensätze zwischen Nordpol und dem Äquator abschwächen. Und das führt zu einer Veränderung der Großwettersituation.

Der Verlagerungsantrieb für Hochs und Tiefs, der wird schwächer. Und deshalb erleben wir, und das ist eben ein Teil des Klimawandels, deshalb erleben wir, dass bestimmte Wetterlagen, wenn es sie einmal gibt, dass sie länger an Ort und Stelle präsent sind. Genauso diese lange, trockene, warme Witterungsperiode im vergangenen Sommer, die passt genauso zu dieser Klimaerwärmung wie eben Starkniederschläge oder immer wieder eine Tiefdrucktätigkeit in Verbindung mit hohen Niederschlagsraten, auch über längere Zeit. Also auch zum Beispiel die Überschwemmungen, die wir im Oktober in Italien hatten. Dort war es am Mittelmeer, war es im gesamten Sommer letztes Jahr viel zu feucht, viel zu nass. Auch das passt zu diesem Klimawandel, genauso wie eben jetzt diese andauernd gleiche Wetterlage, dass sich immer mehr Schneeberge in den nördlichen Alpen türmen, während es zum Beispiel auch auf der Alpensüdseite viel zu trocken ist.

"Ozean speichert zur Zeit sehr viel Wärme"

von Billerbeck: Wenn die US-Klimabehörde heute ihren Bericht veröffentlicht, dann steht darin, dass 2018 wohl das viertheißeste Jahr seit Beginn der Messungen vor rund 140 Jahren gewesen ist. Reicht es noch, sich da nur Sorgen zu machen?

Schwanke: Nein, definitiv nicht mehr, und das wissen wir ja auch schon seit 20, 30 Jahren. Und die wissenschaftlichen Daten, die da zusammengetragen werden, die Ergebnisse aus den neuesten Klimaszenarien, Modellrechnungen, die zeigen, dass sich diese Erwärmungsraten eher sogar verstärken. Zurzeit erleben wir noch eine moderate Erwärmung, was wahrscheinlich damit zusammenhängt, dass der Ozean noch sehr viel Wärme speichert. Was ist, wenn diese Wärme plötzlich durch Umwälzungen in der Ozeanzirkulation auch noch verstärkt an die Atmosphäre weitergegeben wird? Dann könnte sich die Erwärmung weiter verstärken.

Oder die US-Klimaforscher haben zum Beispiel im Herbst erst eine neue Studie veröffentlicht und haben die Zahlen für den Anstieg des Meeresspiegels bis zum Ende des Jahrhunderts weiter nach oben korrigiert. Die Zeichen sehen wirklich besorgniserregend aus, und deshalb kann man nur immer stärker dazu auffordern – es müssen Taten folgen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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