Messner: Zwei-Grad-Ziel völkerrechtlich festschreiben

Dirk Messner im Gespräch mit Birgit Kolkmann · 10.08.2009
Der Leiter des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik, Dirk Messner, hat der Welt in Bezug auf den Klimawandel Realitätsverweigerung attestiert. Anlässlich einer UN-Vorbereitungskonferenz für ein Kyoto-Nachfolge-Abkommen in Bonn sagte Messner, wenn die Industrieländer bis 2050 ihre CO2-Emissionen um 80 Prozent senken wollten, müsse die Energiebasis der Weltwirtschaft vollständig umgebaut werden.
Birgit Kolkmann: Heute beginnt in Bonn die Klimaschutzkonferenz. Sie dauert bis Donnerstag. Dirk Messner ist Leiter des Instituts für Entwicklungspolitik in Bonn und auch stellvertretender Vorsitzender des Beirats der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen. Ihn begrüße ich jetzt in Deutschlandradio Kultur. Schönen guten Morgen, Herr Messner!

Dirk Messner: Schönen guten Morgen!

Kolkmann: Sie sind ja dabei bei diesen Verhandlungen hinter verschlossenen Türen. Das klingt ziemlich geheimnisvoll. Wird da nun Klartext geredet, was unbedingt geschehen muss, oder ist das eine Klimaschutz-Kungelrunde?

Messner: Ich bin nicht dabei, aber wir als Beirat der Bundesregierung globale Umweltveränderungen schreiben natürlich Papiere und helfen mit Vorschlägen, um in die richtige Richtung den Prozess zu bewegen. Nein, diese Verhandlungen sind sehr wichtig, denn wir haben ja eben in der Anmoderation gehört, es gibt im Abstrakten viele Fortschritte in die richtige Richtung. Das Zwei-Grad-Ziel der Klimaveränderung wird jetzt von vielen Staaten anerkannt, das ist sehr wichtig. Die USA, die Europäer und die Chinesen sind im Prinzip bereit, das Klimaproblem als solches anzupacken, aber wir brauchen jetzt konkrete Fortschritte und manchmal ist das einfacher, das hinter verschlossenen Türen zu diskutieren als in einer großen Öffentlichkeit.

Kolkmann: Hat sich denn seit dem G8-Gipfel in Rom schon etwas bewegt? Da wurde ja doch festgelegt, man will dieses Zwei-Grad-Ziel dann doch haben, aber ausgestaltet werden muss es ja erst noch.

Messner: Das müssen wir jetzt sehen, ob wir jetzt wirklich Fortschritte bekommen. Die Staats- und Regierungschefs haben ja in Aquila tatsächlich dieses Zwei-Grad-Ziel bestätigt. Ein großer Fortschritt wäre, wenn wir jetzt aus Bonn, aus diesen Konferenzen in den nächsten Tagen hinauskämen und Gesprächen hinauskämen mit der Perspektive, dass sich die Weltgemeinschaft auf das Zwei-Grad-Ziel völkerrechtlich vereinbart, und wir all die Reduktionen, die wir dann brauchen, der Treibhausgase in Bezug auf unterschiedliche Ländergruppen von diesem Zwei-Grad-Ziel ableiten. Das wäre sehr wichtig. Dann hätten wir einen ganz klaren Referenzpunkt und könnten von dortaus die Verpflichtungen anschließend erarbeiten.

Kolkmann: Nun geht es aber wieder los mit dem Fingerzeigen auf China und Indien nämlich. Das tun die Europäer ganz gerne. Das seien die neuen Klimasünder. Stimmt das?

Messner: Zunächst mal haben die Industrieländer das Problem in der Vergangenheit verursacht, weil die meisten Treibhausgasemissionen in der Vergangenheit sind aus den Industrieländern gekommen, und die derzeit höchsten Pro-Kopf-Emissionen sind auch noch in Industrieländern zu finden. Deswegen hat Yvo de Boer – das ist der Klimachef der Vereinten Nationen – völlig Recht, wenn er sagt, die Industrieländer müssen jetzt wirklich vorangehen, sonst sind wir nicht glaubwürdig, sonst können wir keine Vereinbarung erreichen. Es ist dann zweitens aber auch richtig, dass in Zukunft Staaten wie China und Indien große Emittenten sein werden. China ist das heute bereits. Vom Pro-Kopf-Volumen emittieren die Chinesen zwar noch etwa 20, 30, 40 Prozent weniger als die meisten, sagen wir mal, schwach emittierenden Industrieländer, aber vom Volumen her ist China bereits eine Großmacht in der Klimapolitik und deswegen müssen diese Länder mitziehen.

Kolkmann: Nun müssen die Europäer vorangehen, sagen Sie. Müssen sie auch vorangehen, was es heißt, die Kosten für den Klimaschutz in den nächsten Jahren zu tragen?

Messner: Ja, das werden wir tun müssen. Wir brauchen zwei große Fonds: einmal brauchen wir einen Fonds, um die Anpassung von Entwicklungsländern an den Klimawandel zu unterstützen. Das Wasser wird knapp, der Meeresspiegel steigt an, wir werden Nahrungsmittelprobleme in vielen Ländern der Welt bekommen und die Entwicklungsländer müssen sich an diese Probleme anpassen, dafür brauchen sie finanzielle Unterstützung. Und zweitens brauchen wir einen großen Fonds, um in Schwellen- und Entwicklungsländern Vermeidung von Treibhausgasen zu unterstützen, das heißt technologischen Wandel zu unterstützen. Wir müssen raus aus den fossilen Energieträgern, das kostet Geld. Diejenigen, die das Problem verursacht haben – hier gilt aber das Verursacherprinzip -, die müssen finanzieren, was jetzt an Anpassungen notwendig ist, und die Industrieländer sind hier gefragt.

Kolkmann: Was kostet das und was kostet es, wenn man das nicht tut?

Messner: Die Vereinten Nationen, aber auch die Europäische Union haben ausgerechnet, dass wir für die Anpassungsunterstützung in den Entwicklungsländern an die Folgen des Klimawandels mit Kosten pro Jahr in der Größenordnung zwischen 15 und 30 Milliarden US-Dollar rechnen müssen. Die Vereinten Nationen haben auch errechnet, dass wir für diesen Vermeidungsfonds zur Unterstützung der technologischen Modernisierung in den Entwicklungsländern, um die Treibhausgasemissionen zu senken, mit Kosten rechnen müssen in der Größenordnung 30 bis 80 Milliarden US-Dollar pro Jahr in den kommenden Dekaden, damit wir den Anpassungsprozess auch tatsächlich schaffen können. Wenn wir das alles nicht finanzieren – das hört sich nach sehr viel Geld an -, dann werden die Kosten für die Folgen des Klimawandels deutlich höher ausfallen und es gilt ganz sicher die Devise, es ist besser, den Treibhausgasausstoß zu vermeiden, als dann die Folgen des Klimawandels zu finanzieren. Der britische Ökonom Nicholas Stern hat ausgerechnet, wir könnten ab 2030, 2035 damit Kosten von bis zu 20 Prozent des globalen Bruttosozialproduktes aufbringen müssen, um die Folgen des Klimawandels zu bearbeiten. Also Klimaschutz ist billiger als diese Kosten, die wir jetzt tragen müssen, um den Ländern zu helfen, die Treibhausgasemissionen zu senken, zu tätigen.

Kolkmann: Nun sind all diese Dinge ja schon seit längerem ausgerechnet und auch schon mit mahnenden Worten der Weltöffentlichkeit präsentiert worden. Niemand kann sagen, er habe nichts gewusst. Warum dauert das trotzdem alles so immens lange? Versuchen sich immer wieder welche aus der Verantwortung zu mogeln?

Messner: Ich glaube, es gibt so etwas wie eine globale Realitätsverweigerung, weil die Dimension des Problems sehr, sehr groß ist. Wir haben eben die Zahlen gehört: die Industrieländer müssen bis 2050 die Treibhausgasemissionen um 80 Prozent senken. Das heißt, wir müssen im Prinzip die Energiebasis der Weltwirtschaft vollständig ändern. Das ist die größte globale Transformation seit der industriellen Revolution. Wir müssen das fossil getriebene weltwirtschaftliche Modell umbauen, wir müssen eine entfossilisierte Weltwirtschaft schaffen. Dekarbonisierung nennen das die Experten. Diese Aufgabe ist ganz enorm und Entscheidungsträger versuchen, dieses Problem in die Zukunft zu verschieben, aber sie vergrößern damit das Problem für die Weltgemeinschaft.

Kolkmann: Das Problem ist sicherlich auch, das Bewusstsein zu wandeln, und zwar nicht nur bei den Entscheidungsträgern, sondern bei uns allen. Wie sind denn da Ihre Hoffnungen, wenn man sich zugleich anschaut, dass viele Menschen jetzt Glühbirnen kaufen und horten, damit sie noch lange welche haben?

Messner: Sie haben völlig Recht: es geht nicht nur um die Entscheidungsträger, die sich fürchten, hier Entscheidungen treffen zu müssen, die möglicherweise zunächst mal unangenehm klingen. Es geht auch um uns alle eigentlich als Bürger, als Konsumenten. Die Art und Weise, wie wir Mobilität organisieren, was für Produkte wir kaufen, welche Autos wir präferieren, all das hat ja mit Treibhausgasemissionen zu tun, mit der Energieintensität unseres Lebensstils zu tun, und den müssen wir neu definieren. Wir müssen auch unseren fossilen Lebensstil verändern, das ist völlig richtig.

Kolkmann: Waren wir da in den 70er-Jahren, was grünes Bewusstsein anging, schon mal weiter?

Messner: Ich glaube, wir haben eigentlich seit den 70er-Jahren viele gute Vorarbeiten dort geleistet. Das grundsätzliche Bewusstsein ist, glaube ich, da. Was wir nun auch brauchen sind Vorstellungen, wie denn eine nicht-fossile Weltwirtschaft aussehen könnte und wie der nicht-fossile Lebensstil aussehen könnte. Das ist ja nicht nur ein Schreckensgemälde. Wir müssen raus aus diesen Vorstellungen, dass nicht-fossiler Lebensstil nur Verzicht hieße und unser Wohlstand zerschmilzt in unseren Händen. Wir müssen unseren Wohlstand uns neu ausmalen, wir müssen neue Mobilitätskonzepte entwickeln, wir müssen neue Städte uns vorstellen und dann auch unsere Städte entsprechend umbauen, in denen die Energieintensität reduziert werden kann. Wir müssen, was Architektur angeht und die Art und Weise, wie wir unsere Häuser bauen, neue Konzepte auf den Tisch legen. Das hat viel mit Innovation zu tun, mit Veränderung. Im Augenblick wird da sehr stark diskutiert unter dem Konzept des Konsumverzichts und der Zerstörung von Wohlstand, aber wir brauchen eine neue Art von Wohlstandsbegriff, eine neue Art von Wohlstandsentwicklung, und hier müssen wir, glaube ich, noch viel Arbeit investieren, um dann die Menschen zu überzeugen, in welche Richtung wir gehen müssen.

Kolkmann: Der Leiter des Instituts für Entwicklungspolitik und stellvertretende Vorsitzende des Beirats der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen war das, Dirk Messner. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Messner: Bitte sehr!