Merkels Führungsstil hat Methode und trägt

Von Annette Rollmann · 16.01.2012
Man kann viel an Angela Merkel kritisieren. In der Eurokrise fand sie am Anfang keine Linie. Aber nun hat sie ein Format entwickelt, das man ihr vor einiger Zeit kaum zugetraut hätte. Sie hält Kurs - und das sehr pragmatisch, meint die Journalistin Annette Rollmann.
Wenn die Kanzlerin einen öffentlichen Raum betritt, hat sie stets einen Anzug an. Allein das immer geschlossene Jackett variiert in den Farben grasgrün, violett oder schwarz. Darunter trägt sie ein T-Shirt und am Hals eine Kette. Modische Aufregung geht anders. Angela Merkel lenkt nicht ab – weder durch Glamour, emotionale Gesten noch durch selbstverliebte Überhöhung. Ihre Auftritte sind solide, ja nüchtern, aus großen Momenten werden bisweilen schnell eintönige.

Sie ist sachlich, analysierend und kühl. Eine Physikerin, die Emotionen nicht zum Leitbild ihrer Politik macht, sondern in ihrer Arbeit wie in einer Versuchsanordnung vorgeht, Schritt für Schritt. Sie notiert Ergebnisse, benennt sie, sucht neue Wege, wartet ab, um dann, irgendwann später, eine Lösung zu präsentieren. Nur selten aber erklärt sie ihre Politik ausreichend.

Ja, man kann viel an Angela Merkel kritisieren. Gerade in der Eurokrise fand sie am Anfang keine Linie. Aber nun hat sie in dieser gefährlichen Situation ein Format entwickelt, das man ihr vor einiger Zeit kaum zugetraut hätte. Sie hält Kurs. Und das sehr pragmatisch.

Erst gegen, dann mit dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy hat sie in der EU deutsche Prinzipien der Haushaltskonsolidierung vertreten und kämpft für eine Wirtschafts- und Fiskalunion. Nicht nur gegenüber den europäischen Partnern auch zu Hause in Deutschland verficht Angela Merkel beharrlich ihre Linie. Ausgerechnet ihr unaufgeregter und uneitler Stil ließ sie so stark werden. Sie nimmt ihre Person zurück und zugleich den Gegnern die Angriffsmöglichkeit.

Deutschland übernimmt Führung in Europa, widerwillig vielleicht, aber eben nicht auftrumpfend oder überheblich. Würde aus dem Berliner Kanzleramt heraus laut und testosterongesteuert geführt, hätte Deutschland die medialen Angriffe der Briten schlechter überstanden. Die Briten fürchten sich vor deutscher Dominanz. Im Streit um die Finanztransaktionssteuer bangen sie um ihre einzige starke Aktie - den Finanzplatz London.

Angela Merkels Charakter erweist sich in dieser außergewöhnlichen Lage als Glücksfall. Und so ist es die Ironie der Geschichte, dass die Frau, der die Opposition noch vor kurzem vorwarf, in ihr würde kein europäisches Herz schlagen, nun glühend und standhaft für Europa und den Euro eintritt.

Heute, in gefährlicher Krisenlage, sehnen sich die Bürger nach Substanz, Seriosität und Berechenbarkeit. Und so ist es kein Zufall, dass auch der gewiefte Wolfgang Schäuble zu den beliebtesten Politikern zählt, deshalb gewinnt der strenge, aber spröde Thomas de Maizière an Ansehen und deswegen erhält Angela Merkel in Umfragen die höchste Akzeptanz seit Dezember 2009.

Denen, die ihr vorwerfen, eine Parteivorsitzende und eine Kanzlerin des "anything-goes" zu sein, konterte sie auf dem letzten, auf ihrem zweiten Leipziger Parteitag: Die Werte einer Partei hätten sich an der gesellschaftlichen Realität zu orientieren - und nicht umgekehrt.

Wie zum Beweis dieser These beschloss die CDU ohne große Gegenwehr einen Mindestlohn, verabschiedete sich von der Hauptschule. Kurz davor wurde mal eben die Atompolitik über Bord geworfen. Jeder dieser Beschlüsse stellt eine Revolution dar. Ihr radikales wirtschaftspolitisches Reformprogramm ließ die Kanzlerin hingegen schon 2005 fahren, gewarnt durch die Niederlage der SPD und später bestätigt durch die Mehrfachkrise am Finanzmarkt.

Das, was viele immer nur als Wankelmut deuten, ist letztlich eine radikale Modernisierung der CDU. Sie nimmt Liberalen, Sozialdemokraten und Grünen die Themen, verstört die Erzkonservativen. Noch ist offen, wie der Prozess endet. Ihr Politikstil jedenfalls, der Politikstil der glanzlosen aber machtbewussten Angela Merkel könnte sich als sehr zweckmäßig erweisen.

Annette Rollmann, Journalistin, wurde 1965 in Hamburg geboren. Sie war Redakteurin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und Korrespondentin im Hauptstadtbüro des "Rheinischen Merkurs". Die Politologin lebt als freie Autorin in Berlin.

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