Seit 05:05 Uhr Studio 9

Montag, 28.09.2020
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 02.03.2020

Mental LoadWie gerechte Arbeitsteilung in der Familie gelingen kann

Von Simone Schlosser

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Mann und eine Frau putzen gemeinsam die Fenster. (Eyeem/ Maskot Bildbyrå AB)
Gemeinsam den Haushalt regeln - das ist oft gar nicht so einfach. (Eyeem/ Maskot Bildbyrå AB)

Was ist im Kühlschrank? Braucht das Kind eine neue Jacke? Wann ist der Elternabend? Auch wenn Väter Haushaltsaufgaben übernehmen, sind es meist die Frauen, die die vielen To-dos im Blick haben. Wie lässt sich diese mentale Last fairer verteilen?

"Das war ziemlich genau, wie das dritte Kind bei uns in der Familie in den Kindergarten gekommen ist und ich wieder angefangen habe zu arbeiten, 30 Stunden die Woche. Ich hatte zu dem Zeitpunkt auch einen super Arbeitgeber, der total familienfreundlich war.

Und trotzdem war das aber so: Ich hatte eben einen Weg mit der U-Bahn in die Arbeit und bin da am Alexanderplatz immer aus der U-Bahn rausgekommen, dass ich schon morgens um acht im Grunde so erschöpft war, dass ich am Alexanderplatz immer einen Impuls hatte, mich auf den Boden zu legen, tatsächlich. Ich dachte immer, wenn ich mich da jetzt fünf Minuten hinlege, dann kann ich mich kurz ausruhen. 

Das habe ich natürlich nie gemacht. Aber ich habe dann auch ziemlich schnell verstanden, dass es eigentlich kein gutes Gefühl ist, wenn man als Erwachsener sich denkt: Mensch, ich lege mich da mal auf den kalten Asphalt, um mal kurz zu verschnaufen."

Unsichtbare Schwerstarbeit

Patricia Cammarata ist Autorin, Bloggerin und Mutter von drei Kindern. Sie war vor zwei Jahren eine der ersten, die das Thema Mental Load nach Deutschland gebracht hat. Da waren ihre eigenen Kinder längst in der Schule. Damals kannte sie den Begriff noch nicht. Deshalb hat es eine Weile gedauert, bis sie verstanden hat, woher diese Erschöpfung kam.

"Ich wollte mir das auch gar nicht zugestehen, dass so eine Überlastung auch eingetreten war, weil die Rahmenbedingungen eigentlich so waren, dass ich mir selber auch gesagt habe: Mensch, das ist ja alles optimal. Wenn ich das irgendwie bei anderen Frauen höre, die zurück in den Job gehen, dann habe ich es eigentlich so getroffen, dass man es sich besser nicht wünschen kann."
 
Auf den ersten Blick lief alles total gut: Sie hatte einen familienfreundlichen Arbeitgeber, alle drei Kinder waren in einer guten Betreuung, und sie und ihr Mann hatten eine faire Arbeitsteilung.

"Ich würde sagen, das war bei uns so vielleicht 70 zu 30 aufgeteilt. Ich arbeitete eben 30 Stunden die Woche. Mein Mann hat damals Vollzeit gearbeitet. Und dann war das irgendwie klar, dass mit diesen zehn Stunden, die ich weniger arbeite, ein Großteil der Familienarbeit auf mich zurückfällt. Ich fand das auch in Ordnung. Und fand es nicht ungerecht, sondern irgendwie auch logisch."

Porträt der Autorin und Bloggerin Patricia Cammarata (Marcus Richter)Brachte das Thema Mental Load nach Deutschland: die Autorin und Bloggerin Patricia Cammarata. (Marcus Richter)
Was die beiden bei dieser Aufteilung nicht beachtet hatten, waren die ganzen Aufgaben, die darum herum noch anfielen – den ganzen Mental Load eben.

"Mental Load hat zwei wichtige Aspekte, nämlich einmal diesen Aspekt der unsichtbaren To-dos. Also alles, was man eigentlich nicht miteinander abspricht, was aber trotzdem im Hintergrund immer geplant, bedacht und ja auch umgesetzt wird."

Die Verantwortung liegt meist bei den Müttern

Diese typischen Gedankenketten aus: Morgen früh soll es regnen. Passen die Gummistiefel eigentlich noch? Vielleicht müssen wir neue kaufen. Schaffe ich das morgen nach der Arbeit? Da war doch dieser Kindergeburtstag. Wo müssen wir da noch mal hin? Und haben wir eigentlich ein Geschenk dafür gekauft?

"Und der zweite Aspekt ist dieser Load-Aspekt. Also die Verantwortung, dass die bei einer Person liegt. Das ist eben meistens die Frau, die dann für alle Prozesse und Ergebnisse rund um die Beziehung und die Familie zuständig und verantwortlich ist."

 
Im Grunde sind das alles Kleinigkeiten, aber wenn man die zusammen nimmt, kommt ein ganz schöner Berg zustande. 

"Vor allem eben dieses Planerische. Wenn die Kinder irgendwo eingeladen waren, dass man sich fragt: Wie kommen die eigentlich dahin? Wer holt sie dann wieder ab? Was kaufen wir für Geschenke? Aber auch im Haushalt tatsächlich so Sachen wie Bettwäsche, Betten neu beziehen oder Winter- und Sommerkleidung austauschen, feststellen, dass die Kinderklamotten nicht mehr passen, dass man neue Schuhe kaufen muss. Regelmäßig in den Turnbeutel zu gucken, dass die Turnschuhe auch noch passen."

Das Hauptproblem am Mental Load ist, nach den Erfahrungen von Patricia, dass viele dieser Arbeiten nicht sichtbar sind; besonders für denjenigen der sie nicht macht.
 
"Tatsächlich habe ich erst einmal einfach das Gespräch gesucht und versucht klarzumachen, was da diese große Last auch ausmacht. Da hat sich aber relativ schnell gezeigt, dass wir da nicht so richtig vorankommen. Wir haben da sehr viel darüber gesprochen und auch diskutiert, wie es irgendwie anders laufen könnte. Und letztendlich ist dann nach sehr, sehr langen Diskussionen auch die Beziehung daran gescheitert."

Haushaltspflichten sind oft ungleich verteilt

Neu ist das Problem Mental Load nicht. Es hat aber gerade in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen, weil es immer mehr Paare gibt, die sich nicht mehr traditionell organisieren, also sie macht den Haushalt, er verdient das Geld, sondern die versuchen, das untereinander zu teilen. Ähnlich wie bei Patricia bleibt der Mental Load trotzdem an der Frau hängen.

"Es ist noch kein Begriff, der bei den Vätern angekommen ist."

Volker Baisch ist Gründer der Väter gGmbH. Die kümmert sich um die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie – und zwar speziell aus Sicht der Väter. Dabei spielt auch das Thema Mental Load zunehmend eine Rolle. Wobei die meisten Väter das bisher eben nur indirekt kennen.

"Väter erleben tatsächlich eher den Druck der Mütter. Also nach dem Motto: Mensch, übrigens kümmere dich morgen bitte darum. Also die Frau hat es im Blick und delegiert oft an den Partner." 

Das gilt selbst für Partnerschaften, die eigentlich für sich den Anspruch haben, dass beide gleichberechtigt sind. Das geht meistens in der Elternzeit los. Nur vier von zehn Vätern nehmen überhaupt Elternzeit. Davon machen die meisten gerade mal zwei Monate – und das dann häufig sogar noch gleichzeitig mit der Mutter.
 Eine Frau räumt die Spülmaschine ein. (Eyeem/ Maskot)Die Organisation des Haushalts ist oft noch Aufgabe der Frau - auch wenn viele Paare eigentlich eine andere Aufteilung anstreben. (Eyeem/ Maskot)
 "Wir haben nach wie vor immer noch den Klassiker, dass die Frau den Großteil der Elternzeit nimmt. Und aufgrund dessen, dass sie das tut, ist sie natürlich auch am Anfang mit vielen, vielen Tätigkeiten vertrauter, geübter, trainierter, kann man sagen, aber auch belasteter."
 
Diesen Mental Load werden Frauen nur schwer wieder los. Denn meistens hält sich dieses System auch über die Elternzeit hinaus. In vielen Partnerschaften besteht deshalb weiterhin das Vorurteil: Frauen könnten das mit Familie und Haushalt einfach besser.

"Das ist ja nicht in die Wiege gelegt oder nicht im Blut der Mutter eine gute Familienarbeit zu leisten, sondern es ist tatsächlich so, dass man das üben muss, das man das trainieren muss, dass man an vieles denken muss. Das ist eine Frage der Übung und eine Frage der Gewohnheit."

Die zahlreichen Aufgaben sichtbar machen

"Mein Name ist Jo, kurz für Johanna. Ich arbeite als Lektorin, Wissenschaftslektorin, bin freiberuflich tätig und lebe in Berlin zusammen mit meinem Ehepartner."

Johanna hat es sich zum Ziel gemacht, diese Gewohnheiten zu ändern. Dafür hat sie einen Test entwickelt: den Mental-Load-Selbsttest

"Das Ziel ist erstmal, die zahlreichen Aufgaben, die so anfallen, sichtbar zu machen und zu schauen, wie die Verteilung aussieht. Und in einem zweiten Schritt könnte man dann auch überlegen, wie man etwas verändern kann, falls man nicht zufrieden ist mit dem, wie es gerade so läuft."

Der Test ist unterteilt in verschiedene Bereiche. Darunter Haushalt, dann Kita und Schule. Körperpflege ist ein Bereich. Beziehungsarbeit ein weiterer. Fuhrpark, Geburtstage und Freizeit. 

"Und es gibt auch noch Platz für freie Ergänzungen."

In jedem Bereich finden sich verschiedene Aufgaben, die wiederum in vier Spalten unterteilt sind. Je nachdem, wie oft sie anfallen.
 
"In der ersten Spalte sind dann jeweils Aufgaben gelistet, die ungefähr täglich anfallen." Bettenmachen zum Beispiel oder mit den Kindern Zähneputzen. In der zweiten wöchentliche Aufgaben wie Blumengießen oder Fingernägel schneiden. In der dritten monatliche so etwas wie Elternabende.

"Und in der vierten Dinge wie die Steuererklärung, die einmal im Jahr ungefähr gemacht werden. Und man kann jetzt eben hingehen und diese ganzen Aufgaben durchgehen und ein Kreuzchen dort setzen, wenn man diese Aufgabe in der Familie übernimmt. Und mit übernehmen ist nicht nur gemeint ausführen, sondern dafür verantwortlich sein."

Und wenn man die Liste durchgegangen ist, dann gibt es für jedes Kreuzchen Punkte. 

"Dann darf man sich für jedes Kreuzchen in der ersten Spalte vier Punkte geben, in der zweiten drei, in der dritten zwei und in der letzten einen Punkt, sodass ein bisschen gewichtet wird, wie oft die Aufgaben anfallen und wie viel Zeit dafür draufgeht."

Und dann kann jeder seine Punkte zusammenrechnen – und wenn das beide gemacht haben, können sie die Punkte miteinander vergleichen.

Über die Aufgabenteilung miteinander diskutieren

"Also einmal die Gesamtpunktzahl. Aber interessant ist es auch, hinzugehen und zu schauen, ob es überhaupt Übereinstimmungen gibt, was die Aufgabenverteilung angeht. Denn das ist auch häufig so, dass die Wahrnehmung unterschiedlich ist. Wer jetzt immer einkauft oder so. Oder wer am meisten den Müll rausbringt. Und, ja, optimalerweise soll dieser Vergleich dann dazu anregen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen."

Und die Aufgaben eben so zu verteilen, dass beide gleichmäßig eingebunden sind. Das kann dann natürlich zu Diskussionen führen. Aber nach Meinung von Johanna sollten Paare genau das in Kauf nehmen.

"Wenn Streitvermeidung das Ziel ist, dann sollte man das vielleicht tatsächlich nicht machen. Aber dann muss man sich auch überlegen, wie man mit der jetzigen Situation leben kann, wenn sie eben ungleich verteilt ist. Klo putzen hat halt mit Romantik nichts zu tun. Niemand macht das gerne. Und es gibt auch keine biologischen, genetischen Faktoren, die es Frauen leichter erträglich machen, diese Dinge zu erledigen als Männern. Und bei diesen unangenehmen Dingen muss man einfach gucken, wie man es aufteilt."
 
Johanna selbst hat den Test nie gemacht. Sie hatte mit ihrem Partner auch vorher schon ein 50/50-Modell. Aber kurz nachdem sie ihm den Test zum ersten Mal gezeigt hat, hat er den Kühlschrank ausgeräumt und geputzt.

"Das hatte ich jetzt vorher noch nicht gesehen, erlebt, wie auch immer. Ich habe es wahrscheinlich auch seit zwei Jahren nicht gemacht. Aber es ist etwas, was eben auf dieser Liste steht und man nicht so richtig auf dem Schirm hat, und das ist dann eben einfach passiert."

Alte Denkstrukturen aufbrechen, Verantwortung abgeben

Die Aufteilung von Johanna und ihrem Partner ist speziell, denn er ist Theaterregisseur und dadurch unter der Woche oft unterwegs. 

"So dass ich gezwungenermaßen in der Zeit, wo er bis Freitag unterwegs ist, alleine für alles zuständig bin. Und wir machen das aber so, dass dann in den Zeiträumen, in der er zu Hause ist, alles andersherum funktioniert."

Einige grundsätzliche Aufgaben haben sie untereinander aufgeteilt.

"Wie, dass er alle Arzttermine übernimmt und ich die Schuhe kaufe."

Andere Aufgaben erledigen sie gemeinsam an den Wochenenden.

"Es ist zum Beispiel jetzt nicht so, dass ich unter der Woche unbedingt putze oder so. Das machen wir dann auch gemeinschaftlich, wenn er dann samstags nach Hause kommt. Also er kommt dann nicht nach Hause, und es ist alles fertig, sondern der Status ist, wie der Status ist, und dann sehen wir, was gemacht werden muss."

Das erfordert von Johanna allerdings eine gewisse Selbstdisziplin. 

"Das Gefühl, wenn es schön und sauber ist, das ist natürlich auch toll, und das habe ich auch gerne. Und das ist für mich eine ständige Arbeit an mir selber und mit mir selber, mich da abzugrenzen."

Wobei es dabei weniger um sie geht, als darum, was andere wohl denken könnten. Ein Gefühl, das wahrscheinlich viele Frauen kennen. 

"In Bezug auf Besuch beispielsweise habe ich mich dann auch bei dem Gedanken ertappt: Wenn das jetzt hier nicht sauber ist, dann fällt das auf mich zurück. Und hab das dann auch meinem Partner mitgeteilt und hab gesagt, wie krass das doch ist: Wir wohnen beide hier, wir verbringen gleich viel Zeit mehr oder weniger hier. Wenn wir jetzt am Wochenende Besuch bekommen, wieso fühle ich mich dafür verantwortlich?"

Raus aus der Frust-Falle

Johanna hat für sich einen Weg gefunden, damit umzugehen, nämlich mit ihrem Partner offen darüber zu reden.

"Diese Dinge auszusprechen, wenn sie einem in den Sinn kommen, ist für mich eine sehr, sehr gute Strategie geworden, damit auch selber umzugehen und mich davon abzugrenzen. Und zu sagen, wenn das jemand denkt, ist das nicht mein Problem."

"Diese Muster aufzubrechen, sich erst einmal klarzumachen, dass die da sind, dass es auch keine unumstößlichen Wahrheiten sind, und dann neue Wege zu finden und auch mit dem Widerstand von außen irgendwie klarzukommen. Das ist schon eine ganz schöne Herausforderung für ein Paar."

Ein Kind sitz im Rücken der Mutter auf einem Sofa. (Eyeem/ Cavan Agency)Selbst bei der Berufsarbeit: Im Hinterkopf wird immer das Kind mitgedacht. (Eyeem/ Cavan Agency) 
Patricia Cammarata hat mittlerweile einen neuen Partner. Mit dem hat sie den Mental Load konsequent geteilt. Seitdem gibt sie Workshops, in denen sie andere Paare berät. 

"Es wird oft mir gesagt, dass Aufrechnen in der Beziehung ja eigentlich total dem romantischen Liebesideal irgendwie entgegengesetzt ist und das auch alles sehr mühsam ist. Dazu kann ich immer nur sagen: Solange das ohne Aufrechnen klappt, dass weder quasi ein Partner super frustriert, noch total erschöpft ist, muss man sich die Mühe natürlich nicht machen. Aber immer dann, wenn es dieses Ungleichgewicht gibt, dann lohnt sich das Aufrechnen."

Eine Wertschätzung aller kleiner Aufgaben

Der erste Schritt ist: alle Aufgaben sammeln. Dabei sind nicht nur die Frauen gefordert. Es gibt genauso auch Aufgaben, die eher Männer übernehmen: die Steuererklärung zum Beispiel oder das Auto zum TÜV bringen.

"Oder die Waschmaschine hat so einen Filter, der regelmäßig sauber gemacht wird, von dem die meisten Frauen nicht einmal wissen, dass es den Filter gibt und so weiter."

Die meisten dieser Aufgaben fallen allerdings nur selten an. In vielen Fällen sogar nur einmal im Jahr. Im Vergleich dazu müssen viele "Frauen"-Aufgaben mehrmals täglich erledigt werden. Deshalb gehört auch auf die Liste, wie viel Zeit so eine Aufgabe in Anspruch nimmt.

"Wenn man die Dinge selber gar nicht macht, dann denkt man: Mensch, das ist ja eine Sache von irgendwie fünf Minuten. Wenn man aber dann wirklich mal misst, wie lange sowas dauert, dann kommen da auch ganz andere Aufwände hinten raus. Da kriegt man einfach einen guten Einblick und auch eine Wertschätzung für all die unsichtbaren Dinge, die einfach nebenher erledigt werden."

Aufgaben aufzurechnen, kann romantisch sein

Wenn die Liste fertig ist, lohnt es sich, nach den Erfahrungen von Patricia, die noch mal durchzugehen und dabei zu schauen: Welche der Aufgaben sind wirklich notwendig? Erst dann gehe es darum, diese untereinander aufzuteilen.

"Eine sinnvolle Aufteilung ist sicherlich auch immer wieder von der jeweiligen Familiensituation tatsächlich abhängig. Aber wir haben schon versucht, das wirklich 50/50 zu machen. Es gibt natürlich Phasen, wo das nicht möglich ist. Aber das Wichtige ist, finde ich, Sachen eben nicht einschleichen sich zu lassen, sondern immer wieder nach zu regulieren und zu gucken, dass es so unterm Strich 50/50 ist."

Patricia und ihr Partner haben die Erfahrung gemacht, dass es dafür sinnvoll ist, sich regelmäßig zusammenzusetzen, um dabei eben zu schauen: Was klappt gut, was klappt nicht? Und wo muss sich was ändern, damit die Aufteilung funktioniert? 

"Dann sieht man auch oft: Mensch, das Problem ist, dass vielleicht zum Beispiel nur die Telefonnummer der Mutter irgendwie hinterlegt ist, und deswegen wird immer die angerufen. Und dann kann man langfristig immer so ein paar Sachen schon mal ausmerzen, dass das eben nicht auf dieser unsichtbaren Liste wieder auf die Mutter zufällt."

Sie und ihr Partner haben jedenfalls festgestellt: Aufrechnen kann auch romantisch sein.

"Das bringt einfach langfristig gute Stimmung und glückliche Partner und eine glückliche Beziehung auch. Und von daher, glaube ich, lohnt sich das schon. Auch wenn das am Anfang erstmal so ein bisschen erbsenzählerisch erscheint. Aber man kommt ganz gut in diesen Modus, einfach weil sich an der Einstellung und an der Wahrnehmung auch dauerhaft etwas verändert."

Es darf auch mal etwas schief laufen

"Ich glaube auch, das tut Vätern gut." Das ist noch mal Volker Baisch von der Väter gGmbH.

"Weil sonst kommen Väter tatsächlich auch so oft in eine Situation, sich – ich sage jetzt mal in Anführungszeichen – als Praktikant zu führen. Also eigentlich nicht so richtig zu wissen, wie der Laden hier läuft. Und deshalb ist es extrem wichtig, dass Paare sich da wirklich mal hinsetzen, absprechen und konkret planen und das halt auch beibehalten im Alltag."

Der Unternehmensberater Volker Baisch, Geschäftsführer Väter gGmbH (dpa / Horst Galuschka)Frauen müssen auch abgeben können, meint Volker Baisch, Geschäftsführer der Väter gGmbH (dpa / Horst Galuschka) 
Aber das muss man tatsächlich üben, meint Volker Baisch, und zwar die Mütter genauso wie die Väter. 

"Es ist wichtig, da an bestimmten Punkten auch loszulassen, auch Sachen vielleicht mal schief laufen zu lassen. Mütter gehen, meiner Meinung nach, manchmal zu schnell in die Lücke, wenn der Vater tatsächlich das, was er eigentlich tun sollte, nicht tut. Und umgekehrt muss man auch an die Väter sagen: Da bedarf es manchmal doch ein bisschen mehr Verantwortlichkeit und mehr Weitsicht, was Familie angeht, und nicht nur, was Arbeit angeht."

Dazu gehört auch eine andere Aufteilung der Arbeitszeit. In Deutschland sind fast 80 Prozent der Hauptverdiener männlich. Ähnlich hoch ist der Anteil der Mütter, die in Teilzeit arbeiten. Für viele Männer ist das eine willkommene Ausrede.

"Wenn ich als Mann mehr verdiene als die Frau, dann ist der Job auch wichtiger. Und ich kann argumentativ – und das tun auch einige Männer – und sagen: Aber wir brauchen das Geld doch. Und dann geht es natürlich auch innerhalb der Partnerschaft darum: Wie können wir uns das aufteilen? Wie können wir uns das auch leisten?" 

Wenn beide ihre Arbeitszeit reduzieren, kann das erstmal ein finanzielles Risiko sein. Aber Volker Baisch ist davon überzeugt: Langfristig zahlt sich das fast immer aus.

"Weil, wenn sie tatsächlich das Geld-Thema nicht offensiv ansprechen, und es ist immer noch ein tabuisiertes Thema, dann laufen sie Gefahr, tatsächlich in ein klassische Familienbild rein zu laufen, was sie beide eigentlich nicht wollen."

Weg von klassischen Vater- und Mutterrollen

"Bei uns war es so, dass uns beiden wirklich wichtig war, dass wir es wirklich 50:50 aufteilen. Also sowohl, was die Arbeitszeit angeht, und eben auch was die Zeit mit den Kindern angeht. Und auch beide genauso finanziell uns beteiligen an der Miete und allem."

Eva und Sebastian sind Ende dreißig und leben mit ihren beiden Töchtern in Köln. Die ältere ist acht Jahre alt, die jüngere geht noch in die Kita.

"Bei mir war es schon so, dass so gesehen mit meiner Pubertät irgendwie klar ist, dass für mich die klassischen Männerrollen nicht funktionieren. So gesehen war es eigentlich selbstverständlich, dass das geht. Und mit den Kindern habe ich das dann gelernt."

Noch während der ersten Schwangerschaft haben sie ihre eigene Methode entwickelt: Kinderdienste.

"Die gehen immer von abends sechs bis zum nächsten Tag um sechs. Manchmal auch zwei oder drei Tage am Stück. Wir haben irgendwie die Erfahrung gemacht, dass dadurch immer schon geklärt ist: Wer bringt die Kinder ins Bett? Wer macht Abendessen?"

In den ersten Monaten war Kinderdienst vor allem Füttern. Die beiden haben eine Mischung gemacht aus Stillen und Abpumpen. Wenn Eva dran war, hat sie gestillt. Wenn Sebastian dran war, hat er eine Flasche gegeben. Heute gehören zum Kinderdienst alle Aufgaben, die im Laufe des Tages anfallen:

"Wenn ich um sechs übernehme, dann mache ich das Abendbrot. Häufig ist es so, dass der oder die, die vorher dran ist, schon mal deckt oder sagt, zieht mal eure Schlafanzüge an. Aber um sechs übernimmt dann jemand Abendbrot und ins Bett bringen. Zähneputzen, wenn es da Kampf gibt, ist halt klar, dass, wenn ich Dienst habe, dass ich mich darum kümmern muss, dass sie Zähne putzen."

Und morgens dann wieder von vorne. Wer keinen Dienst hat, hat im Prinzip frei – darf aber natürlich auch da sein und mithelfen.

"Da ist es durchaus mal so, dass, wenn irgendwie meine Nerven blank liegen oder so, der Sebastian als derjenige, der nicht zuständig ist, aber gerade dabei ist, sagt: Sollen wir dabei ein Liedchen singen oder so?"

Haushaltspläne machen ist nervig, aber hilfreich

Parallel zu den Kinderdiensten teilen die beiden ihre Arbeitszeiten auf. Eva und Sebastian sind beide selbstständig. Er im Bereich klassische Musik, sie in der Erwachsenenbildung. Alle paar Wochen setzen sie sich zusammen und machen die Planung. Für beide auch eine Herausforderung.

"Das ist nicht manchmal nervig, das ist einfach nervig. Aber ich merke halt, gerade wenn wir es dann gemacht haben, es so Klarheit reinbringt und so viel Spontanität ermöglicht, weil: Ich kann mir überlegen, ob ich heute ausschlafe und später anfange. Oder ich kann mir überlegen, ob ich mich mit einer Freundin zum Kaffee treffe – und wir das dann halt nicht mehr absprechen müssen." 

Auch mit Blick auf ihre Töchter finden Eva und Sebastian ihr Modell sinnvoll. Denn die wachsen gar nicht erst mit klassischen Rollenbildern auf.

"Ich finde auch, dass es letztendlich wirklich super funktioniert hat mit den Kindern eben auch von Anfang an. Dass letztendlich für das Kind der oder diejenige, die es füttert, im alten Sinne Mama ist."

"Ich merke umgekehrt so diese klassische Vaterrolle, dass du dich halt rausziehen kannst. Also dass du halt da bist, aber dich auch so – ich sag jetzt mal sonntagspapamäßig – dich auch raus ziehen kannst, wenn es anstrengend wird."
 
Beide Töchter wissen jedenfalls immer ziemlich genau, wer von den beiden gerade zuständig ist.

"Das geht soweit, dass es heute noch so ist, wenn sie nachts aufwachen, dass sie nach dem rufen, der sie noch ins Bett gebracht hat. Bis hin zu den Babysittern rufen sie dann mit dem Namen, der sie ins Bett gebracht hat. Also dass ganz klar ist, sie merken, welche Person sich verantwortlich fühlt, und akzeptieren auch die Personen, an die Sie sich wenden müssen."

Für die Familie funktioniert das Modell so gut, dass sie das auch im Urlaub machen. Gerade auch den Mental Load haben sie auf diese Weise unter sich aufgeteilt. 

"Ich neige auch dazu, schnell das Gefühl zu haben, ich mach da irgendwie mehr. Ich weiß halt einfach: Ich mache nicht mehr. Es fühlt sich zwar so an, dass es anstrengend ist. Aber nicht, weil ich wirklich so viel mehr machen, sondern weil es anstrengend ist."

"Ich kann es mir einfach nicht vorstellen, wie man das quasi gerecht verteilt, wenn man diese Arbeitsteilung behält, als Mann Ernährer zu sein und als Frau sich um Kinder und Haushalt zu kümmern. Wir machen beide Seiten einfach gleichberechtigt, und insofern ist es dann ausgewogen."

Der Vater hat oft die finanzielle Verantwortung

"Ein grundsätzliches Problem am Mental Load und an diesem Hineinschlittern und dann irgendwie plötzlich überfordert sein, ist ja genau, dass eben Mädchen sehen, es ist also Aufgabe der Mutter, der Frauen, sich irgendwie um alles zu kümmern, die Fäden in der Hand zu halten. Und für die Jungs ist es vielleicht sonst einfach: Der Vater hat die finanzielle Verantwortung, das ist eben auch meine Aufgabe." 

Patricia Cammarata hat in ihren Workshops die Erfahrung gemacht, dass es auch ein männliches Pendant gibt zu Mental Load: Financial Load. Deshalb empfiehlt sie Paaren auch den bei ihrer Aufteilung zu berücksichtigen. 

"Da muss man aber auch sagen, darf man auch nicht immer nur im Moment rechnen. Es ist ja oft auch ein Invest in die Zukunft, dass man sagt: Na ja, wir machen das jetzt aber trotzdem. Obwohl irgendwie die Kinderbetreuung vielleicht sogar so teuer dann ist, dass irgendwie ein großer Teil unseres gemeinsamen Gehalts davon verschlungen wird. Aber wir sichern so die Erwerbstätigkeit."

Für viele Paare scheint eine traditionelle Aufteilung gut zu funktionieren. Selbst Eva und Sebastian denken manchmal, dass ihnen das viel Organisationsstress ersparen würde. Gerade Frauen sollten sich aber darüber bewusst sein, dass  damit immer auch ein Risiko verbunden ist. 

"Ja, die Leute sollen alle so leben und sich das aufteilen, wie sie wollen, und wie sie das auch können. Aber es empfiehlt sich schon immer, auch so ein bisschen zu überlegen, wie ist denn das, wenn das alles nicht mehr so klappt? Und wenn auch was auch immer passiert, dass wir eben nicht mehr zusammen sind. Da muss man schon so eine Grundsicherung irgendwie immer mitdenken."

Wenn es nach Patricia Cammarata geht, dann lohnt es sich immer, sich mit Mental Load auseinanderzusetzen. Ihr Leben jedenfalls hat sich dadurch komplett verändert. 

"Ich merke es auch ganz generell einfach, dass ich mich wieder wie ein Mensch fühle und nicht wie so eine Arbeitsmaschine, die einfach To-do für To-do abhaken muss und quasi im ständigen Kampf eigentlich immer kurz vom Umkippen ist."

Autorin: Simone Schlosser
Regie: Beatrix Ackers
Ton: Thomas Monnerjahn
Redaktion: Carsten Burtke

Mehr zum Thema

Familienleben - Die unsichtbare Schwerstarbeit der Mütter
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 04.02.2020)

Familienleben - Wie Apps die Alltagsorganisation erleichtern
(Deutschlandfunk Kultur, Echtzeit, 01.06.2019)

Das Rollenbild der Mutter - "Das wird immer so toll dargestellt"
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 20.12.2018)

Zeitfragen

Ein Leben lang zum ZahnarztDie Angst vor dem Bohrer
Die Zahnarztbesuche in der Kindheit können zu bleibenden Erinnerungen werden und spätere Angst und Trauma in Bezug auf die Zahnbehandlung auslösen. (imago/ Joker/ Gudrun Petersen)

Für viele ist es wohl mit eine der schlimmsten Kindheitserinnerungen – der Besuch beim Zahnarzt. Grelles Licht, dröhnender Bohrer und Zähne ziehen. Manche sind bis heute davon traumatisiert, aber es gibt Zahnarztpraxen, die helfen. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur