Menstruation, Tabus und Periodenarmut

    Über die „normalste Sache der Welt“

    41:50 Minuten
    Illustration eines Blutstropfen vor pastellgrünem Hintergrund.
    Das Menstruationstabu wurzelt in religiösen Unreinheitsgedanken. Eine moderne, aufgeklärte Gesellschaft sollte sich davon lösen. © imago / Agefotostock / ylivdesign
    Charlotte Weinreich im Gespräch mit Franka Frei · 15.08.2021
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    Scham, Tabus und totgeglaubte Unreinheitsgedanken rund um die Menstruation richten großen Schaden an – und zwar nicht nur an Frauen, sondern an der gesamten Gesellschaft.
    Die Hälfte der Weltbevölkerung blutet rund 40 Jahre lang ihres Lebens einmal im Monat – und leistet damit einen essenziellen Teil zum Erhalt der Menschheit.
    Doch die sagenumwobene "Periode", "Erdbeerwoche" oder der "Besuch von Tante Rosa" ist nach wie vor in den meisten Kulturen ein Tabuthema. Auch in Deutschland findet man sie eher peinlich oder eklig. Man umschreibt sie – und verschweigt sie. Möglichst "unsichtbar" sollen sie sein, diese ominösen "Tage", die Frauen (vermeintlich) einen Nachteil in unserer Gesellschaft verschaffen.

    Reproduktion eines uralten Tabus

    Tampons werden in der fest verschlossenen Faust auf die Damentoilette transportiert, als hätte man etwas verbrochen und in der Werbung für Binden tropft steril-blaue Flüssigkeit aus Reagenzgläschen. Hersteller von Menstruationsartikeln werben damit, dass frau sich durch bestimmte Produkte endlich nicht mehr "zurückhalten lassen" muss. Eben, weil sie so "frisch, sauber und geschützt" sind, sodass niemanden auffällt, dass sie gerade menstruieren: Die Reproduktion eines uralten Tabus, das bis heute nicht überwunden ist.
    Bis in die 60er-Jahre galt es als wissenschaftlich erwiesen, dass Menstruierende über ihren Schweiß einen Giftstoff ausscheiden. Alles Schnee von gestern?
    Was bereits antike Philosophen für ein "Überschussprodukt" des "Mangelwesens Frau" hielten, hat auch heute keinen besonders guten Ruf. Die Periode ist für viele nicht nur mit Schmerzen verbunden, sondern bedeutet zudem auch Kosten, Scham und Stress.
    Die Hälfte der Frauen in Deutschland fühlt sich während der Periode in sozialen Situationen unwohl. Sprüche wie "die hat doch ihre Tage" sind allen bekannt. Und der fehlende Zugang zu Menstruationsprodukten führt zu gesellschaftlichem Ausschluss derer, die Schwierigkeiten haben, sich Produkte wie Tampons und Binden zu leisten. Periodenarmut betrifft weltweit mehr als 500 Millionen Menschen – in Deutschland sind es vor allem obdachlose Menstruierende.

    Nicht die Periode ist das Problem

    Das Menstruationstabu wurzelt in religiösen Unreinheitsgedanken und verzerrten Annahmen, die in einer so modernen Gesellschaft wie der deutschen im 21. Jahrhundert eigentlich als überholt und widerlegt gelten sollten. Doch die tief verankerte Scham um das Sichtbarwerden der Menstruation sitzt tief – und richtet bis heute erheblichen Schaden an.
    Gemeinsam mit Franka Frei, der Autorin von "Periode ist politisch", geht die Journalistin und Filmemacherin Charlotte Weinreich dem Menstruationstabu auf den Grund. Denn die Tabuisierung der Periode ist alles andere als Privatsache.
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