Menschwerdung unter kommunistischer Prägung

Rezensiert von Gregor Ziolkowski |
Andrei Makine erzählt in seinem Roman "Bekenntnisse eines Fahnenträgers" die Geschichte zweier Jungen in der Sowjetunion der 50er Jahre. Die beiden Protagonisten büßen ihren revolutionären Elan ein angesichts der unheroischen Folgen des Zweiten Weltkrieges und der Einblicke in ein terroristisches und korruptes Regime.
Andrei Makine ist der letzte russische Exilschriftsteller. Zu einem politischen Autor macht ihn das aber keineswegs. Denn aller politischen, lebensweltlichen und ästhetischen Distanz, die sich in seinen Romanen dem "sowjetischen" 20. Jahrhundert gegenüber mitteilt, ist ein Zug eingeschrieben, der auch Faszination verrät. Sie richtet sich zum einen auf die Tatsache, nicht weniger als einem monströsen und riskanten historischen Experiment beigewohnt zu haben. Vor allem aber schält diese Faszination aus dem Hinabgerissensein des Individuums in die Untiefen des historischen Flusses das existentielle Moment des Biographischen heraus, die Empfindung des Einmaligen und Unwiederbringlichen, die einen Augenblick, der längst im Reich der verlorenen Zeit siedelt, im Wort festzuhalten versucht.

Eine Siedlung am Rand einer russischen Kleinstadt in den 50er Jahren, zwei Jungen, die mit Trommel und Clairon in einem Spielmannszug durchs Gelände ziehen, Lieder voller revolutionärem und kriegerischem Pathos schmettern und erst langsam die ganz unheroischen Folgen des 2. Weltkrieges in das eigene Weltbild einbeziehen: Ohne Beine ist der Vater des einen Jungen aus dem Krieg zurückgekommen, versehrt durch den Artilleriebeschuss der eigenen Leute. Der große Sieg erscheint allmählich in einem anderen Licht, der Stalinsche Terror der 30er Jahre kommt in zaghaften Erzählungen der Eltern vor, die Armseligkeit der Nachkriegsjahre kontrastiert mit den Gesängen von der lichten Zukunft und den Horizonten, die in greifbarer Nähe sein sollen. Immer bröckeliger wird das Pathos, und als sich in einer Sommerlagernacht herausstellt, dass es dem zu Besuch weilenden Parteibonzen weniger um die lichten Horizonte der Propaganda geht als um die verheißungsvolle Dunkelheit zwischen den Beinen einer jugendlichen Zugführerin, spätestens da ist der kindlich reine Feuereifer der Pioniere von der Skepsis der Pubertät verdrängt worden.

Makine erzählt das als eine "Menschwerdung" unter kommunistischer Prägung: ein stetig wachsender Skeptizismus, der die doppelbödigen Verhaltensmuster distanziert zu bedienen lernt, ohne darum die spektakulären Dramen der Dissidenz zu inszenieren. Die Wege der beiden Kindheits- und Jugendfreunde trennen sich, als der eine zur Militärakademie, der andere zum Studium der Naturwissenschaften aufbricht.

Die Kriegserfahrung des einen ist es, die dann doch so etwas wie einen tiefgehenden Bruch mit dem System herbeiführt, so jedenfalls legt es der Roman nahe. In der Tat muss man wohl nicht daran zweifeln, dass ein Mann, der ein verbranntes Kind über die Kriegslandschaft Afghanistans getragen hat, die dringende Notwendigkeit verspürt, sein Leben von Grund auf zu ändern. Die Emigration ist für ihn ein solcher Schritt, und dass der Freund von früher inzwischen "irgendwo in Cleveland oder Portland" lebt, bildet den Anlass, in einer Art Brief die Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit aufzurufen. Aber es geht nicht um Anknüpfung oder ein Wiedersehen in diesem Text, die Vagheit jenes "irgendwo in Cleveland oder Portland" verweist vielmehr auf die Melancholie, die der Lauf der Zeit und das Verblassen der Horizonte auslösen können.

Andrei Makine: Bekenntnisse eines Fahnenträgers
Roman
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2005
143 Seiten, 16,95 Euro.