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Sein und Streit | Beitrag vom 27.11.2016

Menschliche ExistenzWann ist man tot?

Von Philipp Hübl

Grabsteine auf dem Alten Friedhof von Schwerin, aufgenommen am Donnerstag (16.11.2006). Am Sonntag (19.11.2006) wird in Deutschland der Volkstrauertag begangen. Traditionell wird an diesem Tag zwei Wochen vor dem ersten Advent der Toten beider Weltkriege und der Nazi-Opfer gedacht. (picture-alliance/ dpa-ZB / Jens Büttner)
Grabsteine auf einem Friedhof. (picture-alliance/ dpa-ZB / Jens Büttner)

Ein Teenager ist unheilbar krank, stirbt und lässt seinen Körper nach dem Tod einfrieren. In der Hoffnung, die Zukunft möge Heilung und neues Leben bringen. Was ist der Tod? Und wann endet das Leben? Diesen Fragen stellt sich der Philosoph Philipp Hübl.

Die Nachricht klingt zuerst nach einem Paradox: Britin lässt sich nach dem Tod einfrieren, um später wieder zum Leben zu erwachen.

Der Tod ist doch das Gegenteil von Leben: Wer tot ist, der lebt nicht. Und wer lebt, kann nicht tot sein. Doch die Sache ist nicht so einfach. Vor allem, wenn man unseren alltäglichen Todesbegriff philosophisch genauer unter die Lupe nimmt. Was ist der Tod? Die kürzeste Antwort lautet: Das Ende des Lebens. Doch woran machen wir das fest? Spontan würden wir sagen: Das Leben ist zu Ende, wenn man nicht mehr atmet und keinen Herzschlag mehr hat.

Nun kennen wir aber die Wiederbelegung nach einem Herzstillstand. Daher zählt in vielen Ländern die Hirntätigkeit als Kriterium für das Leben und nicht der Herzschlag. Das Hirn ist die Grundlage für alles, was uns als Menschen ausmacht: Bewusstsein, Vernunft, Gefühle und Erinnerungen. Ohne Hirn existieren wir nicht.

Unterscheidung von Herztod und Hirntod

Was heißt das für den Begriff des Todes? Nur wenn nach dem Herzstillstand auch der Hirnstillstand einsetzt, ist der Mensch wirklich tot. Diese Unterscheidung zwischen Herztod und Hirntod kann Menschen in tiefe Krisen stürzen. Denn die moderne Medizin kann beide voneinander abkoppeln.

Intuitiv halten wir Menschen für lebend, wenn sie einen warmen Körper haben. Das sitzt stammesgeschichtlich tief in uns. Deshalb wehren wir uns spontan dagegen, einen Menschen mit schlagendem Herzen für tot zu erklären. Der Umgang mit unheilbaren Komapatienten führt so weltweit zu heftigen ethischen Auseinandersetzungen. Geistig sind sie tot, auch wenn ihr Körper lebt.

Doch damit nicht genug. Der Fall der jungen Britin zeigt, dass man den Tod noch präziser fassen muss. Sie hat sich einfrieren lassen in der Hoffnung, in Zukunft wieder zum Leben zu erwachen. Das ist zwar umstritten, aber medizinisch nicht ausgeschlossen. Nehmen wir an, in 100 Jahren wird die Patientin aufgetaut, geheilt und ist nun quicklebendig. Dann wäre es komisch zu sagen: "Sie war mal tot."

Strenggenommen war sie es nicht. Denn der Tod hat noch ein weiteres Merkmal: Er ist das unumkehrbare Ende des Lebens. Wer tot ist, der atmet nicht, der denkt nicht und der kommt nie zurück.

Gelassenheit, Ironie und Humor gegen das sichere Ende

Insofern ist die Entscheidung der jungen Britin nicht nur ein Zeichen von Freiheit und Willenskraft, eine Auflehnung gegen ein zu frühes Ende. Sie ist auch ein Griff nach der Unsterblichkeit, denn mit etwas Glück kann sie in der Zukunft vielleicht ewig leben. Bisher ist der Mensch von Geburt an zum Tode verurteilt. Mit jedem Tag werden wir älter. Und sobald wir nicht mehr wachsen, wird unser Altern zu einer tödlichen Krankheit: Wir vergreisen.

Nur wenige Tiere können im Prinzip unendlich lange leben: zum Beispiel einige Seegurken, Pilze und Quallen. Aber kaum ein Mensch nimmt sich die Seegurke zum Vorbild, obwohl fast alle den Tod für etwas Negatives halten. Er beraubt uns unserer Möglichkeiten, denn mit dem Ende des Lebens verlieren wir alles, was wir wertschätzen: unsere Wahrnehmungen und Wünsche, unser Fühlen und Denken. Warum empfehlen dann die meisten Philosophen, sich mit Gelassenheit, Ironie oder Humor gegen das sichere Ende zu wappnen? Wäre es nicht naheliegender, alles dranzusetzen, den Tod zu verhindern? Oder zumindest so weit wie möglich hinauszuzögern? Da ist die junge Britin radikaler als viele Philosophen: Sie nimmt ihr Schicksal selbst in die Hand.

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Philipp Hübl: "Der Untergrund des Denkens" - So schwach ist das Unbewusste
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 23.11.2015)

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