Menschenrechte

"Humanitäre Tragödie“

Oliver Müller im Gespräch mit Ute Welty  · 20.12.2013
Mehr als 120.000 äthiopische Arbeitsmigranten müssen in ihr Land zurückkehren, weil Saudi-Arabien sie dazu drängt. „Die Leute kommen mit praktisch nichts am Flughafen an“, sagt Oliver Müller, Leiter von Caritas international, und weist darauf hin, wie stark die Familien von den Migranten abhängen.
Ute Welty: Absolute Monarchie, islamisch, konservativ und sehr, sehr reich: Saudi-Arabien muss vielen afrikanischen Nachbarn vorkommen wie das Paradies, und deshalb wundert es nicht, dass viele afrikanische Nachbarn versuchen, dort ihr Glück zu machen. Die Chancen dafür aber sinken. Saudi-Arabien geht massiv gegen Arbeitsmigranten vor. Anna Osius.
Und so muss sich die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba inzwischen auf mehr als 120.000 Rückkehrer aus Saudi-Arabien einstellen. Darunter sind vor allem Frauen, die als Haushälterinnen am Golf gearbeitet haben und jetzt in ihrer Heimat vor dem Nichts stehen. Dieser Menschen nimmt sich Caritas International an, auch deren Leiter. Guten Morgen, Oliver Müller!
Oliver Müller: Guten Morgen, Frau Welty!
Welty: Sie waren gerade erst in Äthiopien. Wie stellt sich die Situation dieser Rückkehrer konkret dar? Wo können die hingehen, wenn sie nach Äthiopien zurückkommen?
Müller: Wir haben es schon mit einer wirklich ganz ernsthaften humanitären Tragödie zu tun, die sich momentan in Äthiopien abspielt. Weil vieler dieser 120.000 Menschen sind praktisch von heute auf morgen zurücktransportiert worden und befinden sich jetzt oftmals weitgehend in einer hilflosen Situation, müssen erst mal wieder in ihre Heimatorte zurück kommen, und die Situation ist schon ziemlich schwierig, weil viele von den Menschen wurden quasi über Nacht aus ihren Unterkünften wegtransportiert. Ich hab von Menschen gehört, die quasi im Schlafanzug zum Flughafen gebracht wurden, deren restlicher Lohn nicht mehr ausbezahlt wurde. Und das ist schon sehr, sehr fragwürdig, was Saudi-Arabien da momentan macht.
10.000 Euro für die Rückführung
Welty: Äthiopien hat diese Rückführung der 120.000 organisiert, nachdem Saudi-Arabien eben nach einer Übergangsfrist gezielt gegen illegale Migration vorgeht. Wo hat es da gefehlt, wenn es doch so überraschend und so schnell dann auf einmal passieren musste?
Müller: Das Problem ist, dass viele der äthiopischen Flüchtlinge, und die stellen ja nur einen Teil dar, wobei sie aus einem der ärmsten Länder der Welt kommen, von daher ist die Situation besonders schlimm, eigentlich keine wirkliche Chance hatten. Saudi-Arabien hat im März gesagt, alle müssen registriert werden und sich anerkennen lassen, aber das ist gar nicht so einfach, weil es ein auch sehr fragwürdiges System gibt, das zum einen eine Bürgschaft durch den Arbeitgeber vorsieht und zum anderen eine Registrierungsgebühr, die oftmals im fünfstelligen Bereich war, also mindestens 10.000 Dollar betragen hat.
Und viele der Arbeitgeber ja oft Familien, in denen die Frauen als Haushälterinnen arbeiteten und natürlich die Betroffenen selber konnten oder wollten diese Summe gar nicht aufbringen. So gesehen hatten viele dieser Migranten eigentlich keine Chance, irgendetwas zu tun, um diesem Schicksal jetzt zu entgehen. Und dann hat Saudi-Arabien knallhart zugegriffen und die Menschen eben außer Landes gesetzt beziehungsweise der äthiopischen Regierung ein Ultimatum gestellt, die Menschen schnellstmöglich zurückzuholen.
Welty: Und was können Sie tun, um diesen Menschen jetzt zu helfen?
Müller: Wichtig ist, jetzt auch den Familien zu helfen. Weil Untersuchungen besagen, dass an einem Migrant oder Migrantin, die in Saudi-Arabien gearbeitet haben, ungefähr fünf Familienmitglieder in Äthiopien selber hängen, die von den Rücküberweisungen profitiert hatten.
Welty: Das heißt, die Basis für fünf Familien ist praktisch nicht mehr existent, wenn dieses Arbeitsverhältnis aufgelöst wird?
Müller: Ganz genau. Das heißt, de facto ist ungefähr eine halbe Million Menschen in Äthiopien jetzt betroffen. Für die rückkehrenden Migranten ist das oft auch eine große Schande. Sie nehmen es so wahr. Sie haben alles investiert, um im Ausland etwas für sich und ihre Familie zu verdienen, sie haben auch Kosten auf sich genommen und sind jetzt aus dem Land geworfen worden. Viele trauen sich kaum in ihre Dörfer zurück.
Und was jetzt für die Caritas in Äthiopien ansteht und wobei wir sie unterstützen wollen, ist eben, etwas für die Rückkehrer zu tun, ihnen einen Übergang wieder in die Normalität zu erleichtern – viele müssen ja erst mal in entlegene Landesteile zurück – und ihnen irgendwie den Anfang wieder zu ermöglichen. Weil humanitär ist das wirklich eine Katastrophe in diesem sehr, sehr armen Land.
Beträchtliche kulturelle Unterschiede
Welty: Was heißt das denn konkret?
Müller: Das heißt, dass man Starthilfen gibt, um vielleicht ein Einkommen schaffendes Projekt zu machen. Das heißt, man braucht erst mal humanitäre Hilfe. Die Leute kommen mit praktisch nichts am Flughafen an. Ihr Gepäck ist in Säcken gelagert, ich hab das in Addis Abeba am Flughafen gesehen. Die äthiopische Regierung verhält sich eigentlich wirklich sehr positiv und tut, was sie kann. Sie muss ihre Landsleute auch auf eigene Kosten aus Saudi-Arabien zurückholen.
Da kein Landtransport möglich ist, ist das also auch extrem aufwändig, so viele Menschen mit dem Flugzeug zurückzuholen. Und dann landen die Menschen in Addis Abeba und haben eigentlich praktisch nichts. Viele sind auch traumatisiert. Manche waren in Zwischenlagern, wurden dort auch nicht gut behandelt; es ist sogar von Misshandlungen die Rede. Und ihnen jetzt psychologisch beizustehen und sie auf dem Weg in die Heimat zu begleiten, das ist jetzt eine ganz, ganz wichtige Aufgabe.
Welty: Inwieweit spielen bei der Frage der Reintegration die kulturellen und auch die religiösen Unterschiede zwischen Äthiopien und Saudi-Arabien eine Rolle?
Müller: Ja, diese Unterschiede sind natürlich beträchtlich, und viele der äthiopischen Flüchtlinge lebten dort keineswegs integriert, sondern meistens unter sehr, sehr schlimmen Bedingungen, konnten das Haus kaum verlassen oder die Arbeitsstelle, die sie hatten.
Das ist kein Fall von Integration, und von daher haben viele eigentlich auch unter miserablen Bedingungen gelebt, haben alles da reingesetzt, möglichst viel zu verdienen, was sie wiederum zu einem großen Teil an ihre Familien weitergeben. Also die kommen jetzt vom Regen in die Traufe, und das ist schon sehr tragisch.
Welty: Oliver Müller leitet Caritas International, und er hat mit Deutschlandradio Kultur gesprochen über die Lage äthiopischer Rückkehrer. Danke dafür!
Müller: Danke auch!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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