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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 09.05.2019

MenopauseDie Suche nach dem richtigen Weg durch die Wechseljahre

Von Katja Bigalke

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Eine Frau entspannt am Strand. (imago images / Westend61/ Robijn Page)
Tabuthema Wechseljahre: Wo bleiben die positiven Erfahrungen von Frauen in dieser Übergangsphase? (imago images / Westend61/ Robijn Page)

Über den physiologischen Ablauf der Wechseljahre sind sich Experten weitgehend einig: aber nicht über den Umgang damit. Frauen, die während dieser Lebensphase leiden, kann eine gezielte Hormontherapie helfen – oder bewussteres Älterwerden.

"Die Wechseljahre. Bei mir war das so, dass mit 43 das erste Mal die Regel wegblieb, und zwar gleich für zwei Jahre und wo ich damals schon dachte, ups, ist es das schon? Und plötzlich waren sie wieder da. Und jetzt kommen sie unregelmäßig. Jetzt bleiben sie mal aus, dann, dann sind sie wieder da. Dann habe ich das Gefühl, ich rutsch in ein irres PMS für vier Wochen und nicht drei Tage. Diese Unsicherheit, diese Unzuverlässigkeit des Körpers, die ist anstrengend auf eine Art."

"Ich hatte so mit Mitte 30 sehr unregelmäßig die Tage. Das ging weiter so bis Ende 30, da hatte dann die Ärztin gesagt, ich solle jetzt doch mal den Hormonspiegel prüfen lassen. Und dabei kam heraus, dass dieses Anti-Müller-Hormon in zu geringer Dosis da ist – und das ist ein Anzeichen für die frühzeitige Menopause. "

"Da fängt es an, dass Frauen nicht mehr gesehen werden und das Gefühl haben, ich bin alleine. Letztendlich denke ich, das ist der Anfang vom Älterwerden. Und ältere Frauen finden in dieser Gesellschaft nicht statt."

Die Wechseljahre: Eine Zeit, die definitiv auf jede Frau, die lange genug lebt, zukommt. Und die jenseits der Gewissheit, dass irgendwann die Menstruation aufhört, immer noch mit vielen Unbekannten verbunden und mit viel Scham besetzt ist.

Post-Meno ist kein Kompliment

"Vor ein paar Jahren war ich in einer Situation, wo ich in einem Restaurant saß, mit einem Freund und einem angeblich guten Freund dieses Freundes, und am Nebentisch saßen zwei Frauen, selbstbewusst, gutaussehend, aber klar nicht mehr 25. Und der Bekannte drehte sich nach denen um guckte, erst ganz interessiert, drehte sich dann wieder um und meinte: 'Oh, Post-Meno, furchtbar!'"

Post-Meno. Das ist kein Kompliment. Und dass der Begriff nicht positiv besetzt ist, hängt mit den vielen Begleiterscheinungen zusammen, die den Wechseljahren oft auch zu Unrecht zugeschrieben werden:

"Hitzewallungen, Schweiß, Schlafstörungen. Und auch so eine gewisse psychische Instabilität Mein Lieblingszitat von einer Patientin ist: Gestern bin ich beim Bäcker in Tränen ausgebrochen, weil mein Lieblingsbrot ausverkauft ist. Das bedeutet keine Kinder kriegen. Ich habe ja dieses schlimme Klischee: Übergewichtig, Waller gewänder, Henna gefärbte Haare und ein viel zu kleiner Rucksack auf dem Rücken. Harninkontinenz oder Vaginalatrophie, also Schwäche der Vaginalhaut, Beschwerden beim Geschlechtsverkehr. Die Taille ist nicht mehr so schlank wie früher, der Po ist irgendwie flacher geworden, und der Bauch dafür ein bisschen mehr."

Die Liste von Wechseljahr-Begleiterscheinungen ließe sich fortsetzen, ebenso wie die Liste an Mitteln und Ratgebern, die die hormonellen Turbulenzen abfedern helfen sollen. Seminare und Sachbücher zum Thema heißen: "Von der Rose zur Hagebutte", "Die gewandelte Frau, Vom Geheimnis der zweiten Lebenshälfte", oder "Ich hatte mich jünger in Erinnerung". Sie bieten durchaus hilfreiche Informationen, versprechen Weisheit, empfehlen Humor. Aber ist es das, was Frauen brauchen?

Eine gynäkologische Praxis mit Hormonlabor

"Jetzt ist ihre Praxis gerade sehr leer – das ist ungewöhnlich - extra für Sie. Normalerweise ist es hier richtig voll – und das ist unser Hormonlabor – kommt ja immer die Frage, bringt es etwas, einen Hormonstatus zu erheben? Die Antwort ist klar nein.

"Hormone Hamburg" heißt die Praxis für gynäkologische Endokrinologie von Katrin Schaudig und Anneliese Schwenkhagen. Und der Name der Praxis ist durchaus Programm: "Man könnte sagen wir sind besessen von Hormonen." Anneliese Schwenkhagen hat zusammen mit ihrer Katrin Schaudig auch das Buch "Kompass Wechseljahre" geschrieben.:

"Wir wollten eigentlich mit dem Buch eine wirklich objektive Beschreibung dessen machen, was vorkommt in den Wechseljahren. Und gleichzeitig auch eine sachliche Darstellung dessen, was man tun kann."

Kapitel für Kapitel arbeiten sich die beiden Ärztinnen durch mögliche Wechseljahrbeschwerden. Sie zitieren ausführlich ihre Patientinnen und erklären präzise, was passiert, wenn sich der vierwöchige Zyklus, an den sich Frauen jahrzehntelang gewöhnen mussten, ins Schwanken gerät. Wenn die Abfolge: Menstruation, Follikelreifung, steigender Östrogenspiegel, Eisprung, zusätzlich steigender Progesteron Spiegel und dann, bei ausbleibender Schwangerschaft, schlagartiger Absturz beider Hormone und neue Regelblutung, wenn dieser Rhythmus aus dem Tritt kommt.

Unterschiedliche Hormonpräparate für Frauen in den Wechseljahren, aufgenommen in der Mainzer Bacchus-Apotheke (picture-alliance / dpa /epd / Nicola O'sullivan)Hormonpräparate für Frauen in den Wechseljahren (picture-alliance / dpa /epd / Nicola O'sullivan)

"Man kann sich das grob so vorstellen: Die letzte natürliche Regelblutung heißt Menopause. Danach gibt es keine weiteren Blutungen mehr weil mein Östrogen zu dem Zeitpunkt ganz niedrig ist. Das ist die Phase, die man als Postmenopause bezeichnet. Die Phase, die für Frauen häufig schwierig ist, ist die, die davor liegt. Unser Problem ist, dass die Anzahl der Eizellen von Geburt an immer weiter abnimmt. Das zweite Problem ist, dass die Qualität der Eizellen immer schlechter wird und die Zyklen nicht mehr so stabil sind wie früher. Dann stimmen die Relationen nicht mehr, es wird meist mehr Östrogen als Gelbkörperhormon gebildet. Und diese Dis-Balance mit einem Zuviel an Östrogen führt dann zu Brustspannen, Wassereinlagerungen, mehr Gewicht und zu den auch manchmal auftretenden sehr ausgeprägten Blutungen."

Der Östrogenüberschuss macht die Probleme

Aber damit nicht genug: Nach einer Phase mit relativem Östrogenüberschuss und einer abnehmenden Bildung von Progesteron, schwankt irgendwann auch der Östrogenspiegel.

"Das ist diese Phase, wir nennen das auch manchmal die Achterbahn der Hormone. Wenn man zu wenig Östrogen hat, kriegt man Hitzewallungen. Einem Mangel an Progesteron, dem kann man nicht so konkret Symptome zuordnen. Was das in den Wechseljahren macht, der Mangel an Progesteron, ist eigentlich, dass die Gebärmutterschleimhaut, die durch Östrogene aufgebaut wird, nicht mehr anständig umgebaut wird - und das macht Blutungsstörungen. Das heißt, was eigentlich nur fehlt, ist die transformatorische Wirkung des Gelbkörperhormons. Wir sagen immer, Östrogen ist der Maurer an der Schleimhaut und Gestagen ist der Klempner. Das heißt die eigentlichen Beschwerden kommen durch Schwankungen von Östrogen und dann hinterher Wegfall der Östrogenwirkung."

Über den physiologischen Ablauf der Wechseljahre sind sich Fachleute weitgehend einig. Nicht aber den Umgang damit. Das liegt auch daran, weil Frauen die Wechseljahre sehr unterschiedlich erleben. Die medizinische Literatur geht allgemein davon aus, dass ein Drittel der Frauen völlig problemlos durch diese Zeit kommt, ein weiteres Drittel fühlt sich leicht beeinträchtigt und nur ein Drittel hat tatsächliche Beschwerden. In einer Untersuchung des Universitätsklinikums Dresden, gaben sogar nur 21 Prozent der befragten Frauen an, unter schweren Symptomen in den Wechseljahren zu leiden.

Professorin Stephanie Krüger ist Psychiaterin und leitet das "Zentrum für seelische Frauengesundheit" am Vivantes Humboldt-Klinikum in Berlin, eine einzigartige Einrichtung in Deutschland, in der spezifisch weibliche Beschwerden und Erkrankungen behandelt werden.

"Es ist so, dass unser Gehirn die weiblichen Geschlechtshormone braucht, um vollkommen funktionsfähig zu sein", erklärt Stephanie Krüger. "Die Botenstoffe, die wir im Gehirn haben, die eben dafür zuständig sind, dass wir ausgeglichen und guter Stimmung sind, dass wir uns gut konzentrieren können, die sind alle auf ein funktionsfähiges hormonelles Gesamtsystem angewiesen. Und wenn man sozusagen nicht mehr genug Hormone ausschüttet, dann kommt auch natürlich im Kopf weniger an, ist ja logisch. Und manche Frauen merken das zu wenig an Hormonen im Blut eben sehr deutlich, indem sich die Psyche verändert."

Die Sachlage ist komplexer, als manche Studie es darstellt

Den Wechseljahren lediglich Hitzewallungen und Schweißausbrüche zuzuordnen und andere Symptome wie Scheidentrockenheit, Gewichtszunahme, Schlaflosigkeit, aber auch psychische Verstimmungen entweder Alters- oder biografisch bedingt einzustufen, wie es die Studie der Universitätsklinik Dresden nahelegt, hält Stephanie Krüger für falsch. Das Ergebnis dieser Untersuchung, bei der rund 1400 Frauen im Alter von 14 bis 95 Jahren und rund 1200 Männer zu verschiedensten Problemen befragt wurden, vereinfache die Sachlage zu Unrecht:

"Es gibt Frauen, die sind ihre Leben lang von psychischer Problematik verschont geblieben, und die entwickeln dann in den Wechseljahren plötzlich Symptome, die sie ihr Leben lang noch nie hatten. Ich finde solche Studien traurig, dass eine Studie durchgeführt wird, die zu so einem armseligen Ergebnis kommt, das tut auch der Aufklärung überhaupt nicht gut."

Und schon ist man mitten drin in der Diskussion, um die Frage, welcher Umgang mit den Wechseljahren am Ende der richtige ist?

"Das ist nämlich auch so das Gefühl, dass eigentlich drei große Komplexe in einen Topf gerührt werden. Nämlich einmal ganz normalen Alterserscheinungen, die dann kulminieren. Das Zweite sind die Wechseljahre und das Dritte, ist der gesellschaftliche Überbau, der einem alles Mögliche suggeriert, was vielleicht da ist, vielleicht aber auch nicht."

In einem Forschungsprojekt der Charité in Berlin, das den kulturellen Einfluss auf die Wahrnehmung der Wechseljahre untersuchte, wurden deutsche, koreanische und türkische Migrantinnen nach ihren Erfahrungen im Klimakterium befragt. Laut Befragung hatten die türkischen Migrantinnen die meisten, die koreanischen die wenigsten Beschwerden. Aber was sagt uns das? Dass Kultur die subjektive Erfahrung prägt? Und welche Rolle spielt der soziale Kontext, welche die Bildung und welche Kommunikationstraditionen?

Simone de Beauvoirs Pessimismus wirkt bis heute

"Jede Periode des weiblichen Lebens bleibt sich gleich monoton, doch die Übergänge von einem Stadium in ein anderes erfolgen mit gefährlicher Brutalität", so Simone de Beauvoir über die Umbruchsphasen im Leben einer Frau:

"Solche wie Pubertät, erste geschlechtliche Erfahrungen, Klimakterium geben sich durch viel entscheidendere Krisen zu erkennen als beim Mann. Während dieser kontinuierlich altert, wird der Frau die Weiblichkeit schlagartig genommen. Noch verhältnismäßig jung verliert sie den erotischen Anreiz und die Fruchtbarkeit, aus denen sie in den Augen der Gesellschaft und in ihren eigenen Augen die Rechtfertigung ihrer Existenz und ihre Glücksmöglichkeiten ableitete: Ihrer ganzen Zukunft beraubt, hat sie etwa die Hälfte ihres Lebens als Erwachsene vor sich."

Die französische Schriftstellerin und Feministin Simone de Beauvoir, aufgenommen bei einer Pressekonferenz in der dänischen Botschaft in Paris am 21.04.1983 nach der Entgegennahme des dänischen Sonning Kulturpreises. (picture alliance / dpa / Foto: UPI)Von einem schlagartigen Verlust der Weiblichkeit schrieb die französische Schriftstellerin und Feministin Simone de Beauvoir. (picture alliance / dpa / Foto: UPI)

Und zwar als geschlechtloses Wesen. Der gesellschaftliche Kontext war 1970 natürlich ein anderer als heute. Aber der Diskurs, in den Simone de Beauvoirs pessimistische Einschätzung eingebettet ist, wirkt bis heute fort, meint die Philosophin Ute Gahlings:

"Der Diskurs ist sehr, sehr alt, der geht wirklich bis in die Ursprünge der Philosophie zurück, also wo Philosophen eben die Frau als absolut minderwertig betrachtet haben und die Abwertung des Körpers, das hat viel auch mit der Theologie zu tun. Die Intelligenz der Frauen wurde immer wieder in Frage gestellt von Philosophierenden, in der Theologie, in der Medizin. Und der industrielle Aspekt ist auch sehr wichtig. Also an diesen Umbruchsphasen hängt natürlich auch die Schönheitsindustrie und da wird jede Menge Geld mit gemacht."

Hormonersatz-Therapie ist rückläüfig

"Ich arbeite ja auch öfter mit Gruppen und dann saß ich vor einer Gruppe und ich merkte, mir wird heiß und ich hatte das Gefühl, mein Schienbein alles ist nass, und so weiter. Und dann habe ich das einem Kollegen erzählt und er sagte, das sieht man dir aber nicht an! Und dann hab ich gedacht, wenn man es nicht sieht, ist ja auch egal."

Roter Kopf, nass geschwitztes Shirt und das bei einem wichtigen Termin. Noch vor zwei Jahrzenten wäre die Hälfte der betroffenen Frauen zum Frauenarzt gegangen und hätte sich Östrogene verschreiben lassen. Die galten seit den 60er-Jahren als das Allheilmittel gegen Wechseljahrsbeschwerden. Die Hormonersatz-Therapie verbreitete sich erst in den USA und dann in Europa sehr stark.

"Es ist ein unglaublicher Anspruch an Perfektion und Selbstoptimierung und, wie man immer überall sein muss, und das macht so viel Stress."

Hormone kommen heute für weniger Frauen in Frage. In Deutschland nimmt sie nur noch jede 15. Frau zwischen 45 und 65 Jahren. Der Grund für den Einbruch ist die große amerikanische "Women's Health Initiative"- Studie aus dem Jahre 2002. Sie zeigte, dass die Einnahme von künstlichen Hormonpräparaten nicht nur das Risiko für Brustkrebs, sondern auch für Herzinfarkte erhöhen könnte.

"Ja herzlich willkommen, ich bin Conny Burgert lange Mitarbeiterin hier im Frauengesundheitszentrum und arbeite schon lange zum Thema Wechseljahre."

Vier Frauen sind zum Informationsabend mit dem Titel "Wechseljahre ganzheitlich" ins Berliner Feministische Frauengesundheitszentrum gekommen. Frauen unterschiedlichen Alters, in den Wechseljahren, geplagt von mittlerweile mehrere Jahre anhaltenden Hitzewallungen und Schlafstörungen.

Cornelia Burgert, die durch den Abend leitet, ist Sozialpädagogin. Sie versteht ihre Arbeit als ein Angebot für Frauen, die sich in der gynäkologischen Praxis nicht ausreichend informiert fühlen. Nach wie vor würden viel zu oft Hormone empfohlen: "Das hat auch mit dem System zu tun, wie das funktioniert in der Arztpraxis. Wir alle wissen, wenn wir einen Termin ergattert haben, sind wir da 15 Minuten - wenn es hoch kommt – drin. Es gibt einfach gar nicht die Zeit."

Selbstreflektion für ein bewusstes Älterwerden

Anstelle von Hormonen und Antidepressiva setzt Cornelia Burgert lieber auf Selbstreflektion, ein bewusstes Auseinandersetzen mit dem Älterwerden und auf die Komplementärmedizin. Bei Hitzewallungen und Schweißausbrüchen rät sie zu Präparaten aus Traubensilberkerze, die sogenannte Phytoöstrogene enthält, pflanzliche Stoffe also, die eine ähnliche Struktur wie Hormone haben.

"Es kommt auf die individuelle Wahrnehmung an und dann eben zuschauen, was gibt es an Möglichkeiten des Umgangs. Und was immer Thema ist: Dass sie merken, dass sie zunehmen. Das hängt aber schlicht und ergreifend damit zusammen, dass der Stoffwechsel langsamer wird. Ich kann das aber beeinflussen, wenn ich mich mehr bewege, den Stoffwechsel wieder mehr aktiviere und einfach auf bestimmte Dinge achte, wo ich dann eher ansetze."

Und Hormone?

"Hormone würde ich als eine Option setzen, wenn alles andere nicht greift. Aber auch da kann es sein, dass die Frau erstmal gucken muss, wie sie damit klarkommt. Es ist nicht so, dass Frau Hormone nimmt und sofort ist sie alle Sorgen los. Und wenn Frauen sagen, ja mir geht es gut damit, ist das ihnen gegönnt, aber der Körper wird abhängig und es besteht eine Sucht. Deswegen gibt es viele Gründe für die Frauen zu wissen, es gibt Alternativen."

Alternative Techniken für eine sexuelle Zufriedenheit

Auch Anandi Iris Mittnacht, Sexualtherapeutin, setzt auf einen alternativen Ansatz im Umgang mit den Wechseljahren:

"Wenn ich mit Frauen arbeite, gebe ich denen so kleine Aufgaben, wie kleine Rituale, sich die Zeit zu nehmen, diesen Busen, diese Brust zu spüren. Die Brust ist einfach sehr verbunden mit unserem Bauchraum, mit unserem Becken und mit fortschreitendem Alter finde ich, ist es wichtig, dass wir etwas tun."

Die Sexualtherapeutin hat online ein eigenes Programm entwickelt, arbeitet aber auch direkt mit Klientinnen in ihrer Praxis in Münster.

"Die kommen teilweise, weil sie Probleme haben, die kommen auch weil sie das Gefühl haben, sie möchten sich ihrer Sexualität noch mal anders widmen, auch ihrem Frausein. Haben so manchmal das Gefühl, kann doch noch nicht alles gewesen sein."

Libidoverlust, vaginale Trockenheit, Schmerzen beim Sex - auch das sind Symptome, die mit den Wechseljahren assoziiert werden. Anandi Iris Mittnacht nähert sich solchen Problemen behutsam:

"Wieviel Genuss ist da? Wieviel Zufriedenheit, wie war das Leben bisher? Auch auf der körperlichen Ebene? Ein Körper, der wahrgenommen wird, ist auch zu mehr Freude und Genuss fähig, als ein System, das nebenherläuft und auch so funktionieren soll."

Wenn die Frauen wollen, arbeitet Anandi Iris Mittnacht deshalb auch körperlich mit ihnen:

"Also ich biete Beckenbodenmassagen, Massagen, die am ganzen Körper stattfinden, ich nenne das De-Armoring. Da sind ganze Regionen, die vorher jemand nicht mehr wahrgenommen hat, die wieder lebendig werden. Und dann gibt es Prozesse wie das Yoni Mapping, zu schauen. kennt die Frau diesen Raum in sich, die Vulva, die Vagina, den Uterus und die Eierstöcke. Mit einer Frau zusammen zu schauen, was nimmt sie wahr."

Besonders überzeugt ist sie vom Training mit dem Jade-Ei:

"Weniger Scheidenflüssigkeit, das hat sehr viel damit zu tun, wie die Durchblutung in der Vagina ist. Findet da Leben statt? Ich arbeite schon lange mit dem Jade-Ei, es gibt kleinere und größere, und eine Frau kann da einen Faden durchziehen führt das dann mit der breiteren Seite ein. Dann kann man es dort lassen und spüren, wie sich das anfühlt und mit der Zeit können Übungen dazu kommen, in so eine Bewegung gehen. Mit einer Regelmäßigkeit führt das auch wieder zu einer stärkeren Befeuchtung."

Die Libido ist bei vielen Frauen unverändert

"Grundsätzlich kann ich nicht bestätigen, dass Frauen, die in die Wechseljahre kommen, weniger Interesse an Sex hätten. Die Libido ist bei vielen Frauen unverändert bei manchen sogar auch gesteigert, also vorhanden, weil sie auch keine Sorge mehr haben müssen, dass sie dann schwanger werden", sagt die Psychiaterin Stephanie Krüger.

Allerdings hätten die Frauen, die in den Wechseljahren zu ihr ins Zentrum für Seelische Frauengesundheit kämen, oft so große Probleme in anderen Bereichen, dass Sexualität gar nicht Thema sei:

"Die Patientinnen, die zu uns kommen, die sind schon arg verzweifelt. Und das sind Patientinnen, die sagen, ich will das nicht tolerieren, ich will wieder schlafen. Oder als Lehrerin wieder vor der Klasse stehen können, ohne in Tränen auszubrechen, wenn ein Schüler, was Komisches sagt. Oder eine Anwältin, die sagt, ich will wieder selbstbewusst meine Dinge machen. Dann gibt es aber auch Patientinnen, die erleben im Zusammenhang mit den Wechseljahren auch familiäre Umbrüche. Also, gerade Frauen, die sich in ihrem Leben sehr ihrer Familie gewidmet und den Beruf nicht ausgelebt haben und dann kommen noch die hormonellen Umstände dazu, die einen unter Umständen labilisieren. Das muss man auseinanderdividieren und entsprechend behandeln natürlich."

Problemen mit unterschiedlichen Ursachen auf der Spur

Gemeinsam mit ihren Patientinnen versuchen Krüger und ihr Team herauszufinden, welche Ursachen die Probleme haben:

"Das Stichwort ist erstmal die sogenannte Psychoedukation. Dass die Patientin erstmal verstehen muss, warum geht es mir jetzt, wie es mir geht. Ist es die Tatsache, dass eigene Interessen über die vielen Jahre verschüttet gegangen sind, ist es ein grundsätzliches Selbstwertproblem? Und diese Fragen versuchen wir dann aufzuarbeiten."

Und zwar in einer über etwa 20 Sitzungen laufenden Verhaltenstherapie. Stephanie Krüger flankiert die Therapie bei Frauen, die noch vor der Menopause stehen, häufig mit der Verschreibung von naturidentischem Progesteron:

"Meistens fehlt ja am Anfang nur das Progesteron. Das Hormon, das für das Gehirn am wichtigsten ist und das substituieren wir. Das ist auch relativ unproblematisch, weil es eben keine Thromboserisiken oder Brustkrebsrisiken hat, wenn man das substituiert, wie die Östrogene. Aber das brauchen wir meist auch nicht. Eine Progesteron-Behandlung ist für viele Frauen schon ausreichend. Ich schlage immer vor, macht das zwei Jahre. Und dann fängt man an, sich davon zu verabschieden, und guckt mal, wie es einem geht."

Die Psychiaterin sieht in dieser Form der Behandlung kein Problem. Das Gehirn passe sich in der Zwischenzeit ja trotzdem an die neue Situation an, sodass es nicht zwingend zu Entzugserscheinungen komme, wenn man das Progesteron wieder weglasse.

"Das ist so ein Gel. Das ist das Spray, ist auch nett. So sieht das aus. Das tut man sich auf den Bauch. Bei den Pflastern ist ein Molekül Klebstoff und dann eins mit Substanz. Die Gele, die kann man gut dosieren. Hier: Macht plopp, dann Gel großflächig auf den Arm. Das sind alles Östrogene."

Hormone in verschiedensten Darreichungsformen

Die Gynäkologinnen Katrin Schaudig und Anneliese Schwenkhagen von Hormone Hamburg hingegen arbeiten nicht nur mit Progesteron. Sie verschreiben Frauen in den Wechseljahren auch Östrogen - in verschiedensten Darreichungsformen.

"Das ist auch was Interessantes: Das ist ein Ring, der Östrogen freisetzt in der Scheide. Der macht ein gutes Ergebnis. Alles wird immer aufs Gesicht getan, und dann wir untenrum gegeizt. Wenn man da auch schön aussehen will, muss man was tun."

Die Hormone, die die beiden begeistert in ihrem Besprechungszimmer demonstrieren, haben allerdings nur noch wenig gemein mit den Hormonen, die 2002 zu Zeiten der "Women's Health Initiative" Studie im Umlauf waren. Nicht nur ist die Darreichungsform vielfältiger geworden – oft werden die Präparate heute über die Haut absorbiert - auch die Zusammensetzung und die Dosierung der Hormonpräparate sei heute eine andere:

"Früher hat man ja eigentlich allen Frauen das gleiche Präparat gegeben. Das war aus Stutenurin. Da gab es nur eine hohe und eine sehr hohe Dosis und das haben alle Frauen gekriegt. Und dass sie damit dieser Phase, wo viel Dynamik drin ist, dass sie damit nicht alle glücklich macht, liegt auf der Hand. Das ist eine Phase, wo man die Patientin relativ häufig sehen muss. Man muss immer gucken, wo fehlt es am meisten, wo brennt es am meisten und dann entsprechend therapieren."

Veränderter Blick auf den Einsatz von Hormonen

Der Blick auf Hormone in den Wechseljahren ändert sich seit einiger Zeit wieder. So sind unter anderem eine dänische und eine finnische Studie erschienen, die den Einsatz von Hormonen unter ganz bestimmten Umständen nicht mehr so problematisch bewerten. Eine Frau zum Beispiel, die gleich zu Beginn der Wechseljahre Hormone einnimmt, hat demnach kein erhöhtes Risiko an Herzinfarkt, Schlaganfall oder Brustkrebs zu sterben.

"Das mit dem Herzinfarktrisiko hat sich selbst in dieser WHI Studie nicht bestätigt. Und Schlaganfall und Thromboserisiko kann man weitestgehend eliminieren, wenn man das Östrogen über die Haut zuführt. Beim Brustkrebs ist es so: Statistisch eindeutig nachweisbar ist der Unterschied zwischen Hormonanwenderinnen und -nichtanwenderinnen nach fünf Jahren."

Frauen mit Gebärmutter behandeln die Gynäkologinnen bei Bedarf mit einer Kombinationstherapie aus Östrogen und Progesteron. Vorausgesetzt es liegt kein Übergewicht oder ein erblich bedingtes Brustkrebs- oder Herzinfarktrisiko vor. Die Therapie wird immer individuell angepasst, betonen die beiden. Klar ist aber, dass sie die Hormontherapie für die beste Maßnahme zur Behandlung von Wechseljahrbeschwerden halten:

"Sie sind tatsächlich effizient. Selbst die Cochrane Datenbank, der der Olymp der Wissenschaft ist: Klar, Östrogene helfen am besten gegen Hitzewallungen."

Anders aber als früher propagiert, sind sie auch der Überzeugung, dass die Wechseljahre an sich kein Grund sind, Hormone zu nehmen. Erst wenn massive Beschwerden auftreten. Die, so beklagen es mittlerweile selbst die Forscher, die damals die hormonkritische Studie mit publiziert hatten, würden heute aber leider oft nicht angemessen behandelt werden, wegen der großen Sorge um die Risiken.

Neue Leitlinien für Hormontherapie in den Wechseljahren

Weil die Studienlage heute eine andere ist, wurden nun auch die Leitlinien zur Hormontherapie in den Wechseljahren von der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe überarbeitet.

Olaf Ortmann posiert auf einem Flur für ein Foto (picture alliance / Armin Weigel / dpa)Olaf Ortmann ist Gynäkologe und Geburtshelfer und lehrt als Professor an der Universität Regensburg. (picture alliance / Armin Weigel / dpa)

Im Gegensatz zu den alten Empfehlungen aus dem Jahr 2007 seien die neuen aus dem Jahr 2019 deutlich differenzierter, meint Olaf Ortmann, Vorsitzender der Kommission zur Überarbeitung der Leitlinie:

"Die alte Leitlinie hat weniger genau den ganzen Nutzen herausgestellt. Da haben wir uns bei der Überarbeitung der Leitlinie sehr viel Mühe gegeben, noch genauer zu schauen, was sind wirklich die Probleme, die in den Wechseljahren auftreten. All diese Symptome sind genau beschrieben, dann aber auch jeweils der Nutzen von Hormonen zur Behandlung der Symptome und das passiert differenziert. Wenn es beispielsweise vaginale Symptome sind und das das einzige Problem ist, kann eine vaginale Östrogentherapie durchgeführt werden. Während bei systemischen Symptomen – da braucht man eine systemisch wirksame Therapie, die man aber auch auf unterschiedliche Weise durchführen kann. Und die sind in der Leitlinie wesentlich genauer dargestellt und zugeordnet: Welche Störungen von Organfunktionen am besten mit welchen Methoden zu behandeln sind"

Menopause rutscht Richtung Lebensmitte

An einigen Tatsachen, wird aber auch die wirksamste Therapie nichts ändern. Frauen werden älter und der Zeitpunkt der Menopause rutsch statistisch betrachtet immer mehr in Richtung Lebensmitte. Und so sollte sich etwa im Umgang ändern: Frauen sollten die Wechseljahre als eine von vielen Übergangspassagen in einem Leben voller Brüchen ansehen, sie sollten sich solidarisieren, in Erscheinung treten und so neue, authentische Rollenbilder der Frau jenseits der Menopause entwerfen.

Das fordert nicht nur die Philosophin Ute Gahlings: "Diese Erfahrungen, die die Frauen in den Wechseljahren machen, die finden keine Repräsentanz. Kaum in der Literatur, im Fernsehen und in anderen Medien. Also die Frauen dürfen sich gerne auch mal öffentlich darüber unterhalten, öffentlich dazu Stellung nehmen. Auch das positive Bild entwerfen, was ja damit verbunden ist, in Bezug auf menstruationslosen Zustand, keine Angst mehr vor Schwangerschaft haben, neue Formen von Sexualität leben können und so weiter."

"Ich hatte große Angst davor und die würde ich gerne Frauen nehmen irgendwie, weil ich finde, das eigentlich unter dem Strich nicht so schlimm. Mein Selbstbewusstsein ist gewachsen in dem Maße, wie die Angst geringer wurde."

"Ich hab mich auf nichts mehr eingelassen, was irgendwelche unangenehme Gefühle hervorbringt. Die Entscheidungen waren einfach klarer. Das waren für mich auch die Wechseljahre. Wo sich das Bewusstsein dafür verändert. Ich fühle mich unabhängiger von gesellschaftlichen Normen."

Autorin: Katja Bigalke
Regie: Roman Neumann
Technik: Ralf Perz
Redaktion: Kim Kindermann

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