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Buchkritik | Beitrag vom 18.01.2019

Menno Schilthuizen: "Darwin in der Stadt"Tiere im Großstadtdschungel

Von Michael Lange

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Ein Waschbär blickt aus einer Wandöffnung heraus. (Arco Images GmbH/DTV)
Tiere erobern sich die Städte zurück. (Arco Images GmbH/DTV)

Unsere neuen Nachbarn in der Großstadt sind tierisch: Nicht nur Waschbär, Wildschwein und Fuchs – immer mehr Tierarten passen sich dem vermeintlich unnatürlichen Lebensraum der Städte an. In "Darwin in der Stadt" stellt Menno Schilthuizen sie vor.

Der Mensch hat weltweit die Lebensräume von Tieren und Pflanzen zerstört oder dramatisch verändert. Immer mehr Arten sterben aus. Gleichzeitig schaffen Menschen aber auch neue ökologische Nischen in den Städten. Tiere und Pflanzen müssen sich anpassen. Das treibt die Evolution an. Die Vielfalt der Lebensräume in den Städten wirkt wie ein Evolutionsmotor.

Der niederländische Biologe Menno Schilthuizen ist ein guter Beobachter. Mit viel Liebe zur Natur und einer Prise Humor beschreibt er das Überleben von Tieren und Pflanzen in einer scheinbar unnatürlichen, menschgemachten Umwelt.

Er stellt klar: Wenn wir die Natur als bedroht oder hilfsbedürftig ansehen, betrachten wir nur einen Teil der Wirklichkeit. Mit vielen Beispielen lenkt er den Blick auf Lebewesen, die durchaus in der Lage sind, sich an widrigste, vom Menschen erzeugte Umweltbedingungen anzupassen.

Die Evolution ist gefordert

Wie erfolgreich die Natur bei dieser Anpassung ist, zeigt die überraschende Erkenntnis, dass in den wachsenden Städten und Vorstädten mehr Arten zu Hause sind als im landwirtschaftlich geprägten Umland.

Menno Schilthuizen sieht Menschen als Teil der Natur und Gestalter von Ökosystemen. Ähnlich wie Ameisen oder Biber vernichten sie die alte Umwelt und konstruieren eine neue. So zerstören sie den Lebensraum alteingesessener Arten und schaffen zugleich ökologische Nischen für andere Arten.

Die tierischen Stadtbewohner stammen mehrheitlich aus dem Umland. Andere sind von weither zugereist und werden von vielen Ökologen als unerwünschte invasive Arten bezeichnet. Alle diese Bewohner finden ihren Raum im städtischen Durcheinander. Das gilt für Kaninchen, Füchse, Wildschweine, Marder oder Waschbären. Auch für viele Pflanzen und Insekten ist die Stadt zwar kein idealer, aber ein akzeptabler Lebensraum. Da sich dieser in vielerlei Hinsicht von ursprünglichen Ökosystemen unterscheidet, wirken in der Stadt andere Selektionsfaktoren als in Agrarlandschaften oder Naturschutzgebieten. Die Evolution ist gefordert und sie liefert.

Falter passen sich der Luftqualität an

Das bekannteste Beispiel ist der Birkenspanner. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der Schmetterling stets weiße Flügel und war auf hellen Birkenstämmen gut getarnt. Je schmutziger die Luft in den Industriegebieten wurde, umso häufiger fanden Zoologen dunkelgraue Exemplare, die nun besser an ihre Umwelt angepasst waren.

Seit etwa 1970 nimmt die Rußbelastung merklich ab, und die Schmetterlinge werden wieder weiß. Ein anderes Beispiel sind Anolis-Echsen in der Karibik. Sie eroberten die Städte, indem sie längere Beine und mehr Haftlamellen an den Füßen entwickelten. Im Gegensatz zu ihren Vorfahren und Verwandten vom Lande können sie nun blitzschnell steile Betonwände emporklettern.

Menno Schilthuizen liefert zahlreiche, oft unerwartete Informationen und gute Unterhaltungen für Naturinteressierte. Dabei verharmlost er keineswegs den Artenschwund oder die Zerstörung ursprünglicher Lebensräume. Vielmehr präsentiert der Biologe eine Natur, die unter Druck steht, die sich aber nicht so leicht unterkriegen lässt.

Menno Schilthuizen: "Darwin in der Stadt. Die rasante Evolution der Tiere im Großstadtdschungel"
Aus dem Englischen übersetzt von Kurt Neff und Cornelia Stoll
DTV, München 2018
368 Seiten, 22 Euro

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