Kritik von Migrationsforscher Knaus

Strategisches Versagen in Melilla

11:01 Minuten
Demonstranten protestieren gegen den Umgang mit den Flüchtlingen an der spanisch-marokkanischen Grenzzaum.
Demonstranten protestieren gegen den Umgang mit Flüchtlingen. Beim jüngsten Ansturm auf die spanische Exklave Melilla sind mindestens 23 Menschen gestorben. © picture alliance / ZumaPress / Guillermo Gutierrez
Gerald Knaus im Gespräch mit Nicole Dittmer  · 27.06.2022
Audio herunterladen
Die europäische Außengrenze sei die tödlichste Grenze der Welt, kritisiert der Migrationsforscher Gerald Knaus. Die Ereignisse in der Exklave Melilla mit mindestens 23 Toten seien eine "unglaubliche Tragödie".
Beim jüngsten Versuch zahlreicher Menschen, die Grenze zur spanischen Exklave Melilla zu überwinden, starben in Marokko mindestens 23 Personen. Es gibt nun scharfe Kritik an den Sicherheitskräften und der Regierung in Madrid. Die Videoaufnahmen von den Ereignissen sind verstörend.

Versagen europäischer Politik

Von einer "unglaublichen Tragödie" spricht der Migrationsforscher Gerald Knaus von der "European Stability Initiative" . Es habe noch nie so viele Tote bei dem Versuch gegeben, die umstrittene Grenzbefestigung zu überwinden.
Die spanische Opposition habe daran erinnert, dass ausgerechnet diese Regierung damit angetreten sei, alles besser zu machen und Flüchtlingen legale Wege anzubieten. Außerdem sei das Geschehen völlig unnötig und zeige, "wie die europäische Politik hier versagt".

Viele Tote trotz kleiner Flüchtlingszahlen

Seit 2015 versuchten "Springer" diese dreifache Befestigung rund um die Exklave Melilla zu überwinden, sagt Knaus. Die Zahl der Menschen, die das erfolgreich schafften, liege seit vielen Jahren bei ein paar hundert bis maximal tausend im Jahr. "Es probieren auch so viel mehr, weil es so mörderisch und so lebensgefährlich ist".
Knaus sprach von einem "strategischen Versagen": Denn trotz der sehr geringen Zahl von Flüchtlingen über das Mittelmeer in diesem Jahr gebe es sehr viele Tote. "So ist die europäische Außengrenze trotz kleiner Zahlen irregulärer Migranten die tödlichste Grenze der Welt."

Die Grenzen sind unüberwindbar

Die UNHCR-Berichte zeigten, dass seit Ende 2017 bis Ende 2021 die Zahl der Flüchtlinge, die es über eine Grenze geschafft hätten, in der ganzen Welt nur um 1,4 Millionen gestiegen sei. "Viel weniger Menschen, als in zwei Wochen aus der Ukraine nach Polen gekommen sind", so Knaus. "Die Wahrnehmung, dass die Zahl der Flüchtlinge zunimmt, ist falsch."
Der Grund, warum Menschen nicht mehr über die Grenzen kämen, liege darin, dass sie weltweit mit Gewalt geschlossen würden, sagt der Migrationsforscher. Es schafften kaum noch Flüchtlinge, eine Grenze irregulär zu überwinden.
Es sei zu befürchten, dass sich daran nicht ändere, so Knaus. Damit werde das Recht auf Asyl weltweit von immer mehr Staaten aufgegeben. "Das Ergebnis ist: Erstaunlich wenige Flüchtlinge, aber unendlich viel Leid."
(gem)

Abonnieren Sie unseren Weekender-Newsletter!

Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche, jeden Freitag direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung!

Wir haben Ihnen eine E-Mail mit einem Bestätigungslink zugeschickt.

Falls Sie keine Bestätigungs-Mail für Ihre Registrierung in Ihrem Posteingang sehen, prüfen Sie bitte Ihren Spam-Ordner.

Willkommen zurück!

Sie sind bereits zu diesem Newsletter angemeldet.

Bitte überprüfen Sie Ihre E-Mail Adresse.
Bitte akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung.
Mehr zum Thema