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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.03.2012

Melancholisches Balkan-Porträt

Téa Obreht: "Die Tigerfrau", Roman, Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell, Rowohlt Verlag, 410 Seiten

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Ein  junger sibirischer Tiger, geboren im Zoo von Wien (AP)
Ein junger sibirischer Tiger, geboren im Zoo von Wien (AP)

Ein Tiger, der aus dem Zoo in Belgrad geflohen ist, ein Mann, der nicht sterben kann und ein Bärenjäger, der den Tod bringt: In ihrem Roman zeigt Téa Obreht uns ein Land, in dem Name, Herkunft und Religion alles bedeuten - und der "Tod im Übermaß" noch heute zu Hause ist.

"Alles, was nötig ist, um meinen Großvater zu verstehen, liegt zwischen zwei Geschichten: der von der Tigerfrau und der von dem Mann, der nicht sterben konnte."

Nun aber - es ist Anfang 2000 - ist der Großvater der Ich-Erzählerin Natalia Stépanovic selbst gestorben, an einem Ort, dessen Namen weder Natalia noch ihre Großmutter je gehört haben. Wie ihr Großvater - einst ein angesehener Arzt, der nie ohne sein geliebtes Exemplar des "Dschungelbuches" aus dem Haus ging - ist auch Natalia Ärztin geworden. Als Kind verband sie mit ihm ein inniges Ritual: Regelmäßig besuchten sie die Tiger im städtischen Zoo.

Die Todesnachricht erreicht Natalia, als sie gerade Medikamente an Waisenkinder verteilt - in einer gefährlichen, aber nicht näher benannten Grenzregion auf dem Balkan. Eine Spurensuche beginnt - in einem Land, das Téa Obreht mit allen Eigenschaften des ehemaligen Jugoslawien ausgestattet hat, das aber zugleich als bewusst fiktives Land gestaltet ist.

Im ehemaligen Jugoslawien, in Belgrad genauer gesagt, kam Téa Obreht 1985 zur Welt. 1992 flieht sie gemeinsam mit ihrer Mutter und den Großeltern vor dem damaligen Krieg, gelangt über Zypern und Kairo nach Amerika, da ist sie bereits zwölf Jahre alt. Den Krieg kennt sie somit aus eigener Erfahrung - und also überrascht es einen nicht, dass er in diesem Roman allgegenwärtig ist. Überraschend ist vielmehr, wie Téa Obreht über Krieg und Tod, über den Zerfall eines Staates, die nicht endenden Konflikte in ihrer Heimat schreibt.

Denn "Die Tigerfrau" bezieht sich zwar auf reale Verhältnisse, lässt aber jeglichen Realismus links liegen und nimmt uns stattdessen mit auf eine 60 Jahre umfassende, phantastische Reise, in der sich Mythos und Aberglaube, Balkan-Folklore und schwarze Komödie in bezaubernder Weise verbinden. Der Mann, der nicht sterben kann; ein aus dem Belgrader Zoo entflohener Tiger, der in den 40er-Jahren - schon damals gehen Bomben auf Belgrad nieder - verzweifelt auf der Suche nach Nahrung in das kleine Dorf Galina kommt, in dem der Großvater aufwächst, und dort ebenso für den Teufel gehalten wird wie die "mohammedanische" Frau des Schlächters, der ein verhinderter Sänger ist; ein Bärenjäger, der den Tod bringt, weil er den Tod fürchtet: das sind nur einige der Figuren in diesem wie ein rätselhaftes Puzzle angelegten Roman.

Erst allmählich fügen sich die einzelnen Teile und Geschichten zu einem Ganzen - und immer wieder staunt man über Obrehts Kunst und Lust am wortmächtigen Fabulieren. Doch unter der Oberfläche dieser vermeintlich rein pittoresken Freak- und Bildershow verbirgt sich das so ernüchternde wie melancholische Porträt einer Region, die selbst ein Puzzle ist und in der sich - schenkt man Obreht Glauben - Aberglaube und Vorurteile seit Generationen tief in dem Bewusstsein ihrer Bewohner verankert sind. Deshalb verwebt sie in diesem Roman die Vergangenheit nahtlos mit der Gegenwart, springt ohne Mühe zwischen den Zeiten hin und her. Vor allem aber zeigt sie uns ein Land, in dem der Name, die Herkunft, die Religion, sprich: die Identität alles - und der "Tod im Übermaß" noch heute zu Hause ist.

Besprochen von Claudia Kramatschek

Téa Obreht: Die Tigerfrau
Roman
Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell
Rowohlt Verlag, 410 Seiten
19,95 Euro

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