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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.06.2013

Melancholische Reflexion

Lavie Tidhar: "Osama", Rogner und Bernhard Verlag, Berlin 2013, 303 Seiten

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In Lavie Tidhars Retro-Welt gibt es keine Handys. (Stock.XCHNG / Sergio Ianni)
In Lavie Tidhars Retro-Welt gibt es keine Handys. (Stock.XCHNG / Sergio Ianni)

Im Thriller "Osama" ist der frühere El-Kaida-Anführer reine Erfindung - als Held einer Reihe von Groschenromanen. Es gibt weder PCs noch Mobiltelefone in dieser merkwürdigen Welt, die der Science-Fiction-Autor Lavie Tidhar erschaffen hat - und die den Leser in einen hypnotischen Sog zieht.

In seinem heruntergekommenen Büro in Laos langweilt sich der wortkarge Privatdetektiv Joe bei Kaffee, Zigaretten und Whisky. Kein Auftrag in Sicht. Um sich die Zeit zu vertreiben, liest Joe in den Groschenheften des Autors Mike Longshott, die unter dem Titel "Osama bin Laden: Vergelter” von terroristischen Anschlägen erzählen.

In dem preisgekrönten Thriller "Osama" des jungen israelischen Science-Fiction-Autors Lavie Tidhar ist Osama bin Laden bloß der Erzschurke in einem Roman im Roman, der islamistische Terror mit seinen Anschlägen von Nairobi und Daressalam, von London und 9/11 nur eine Fiktion. Die Welt, in der diese Hefte von einer eingeschworenen Fangemeinde gelesen werden, ist dabei kaum weniger groschenromanhaft: Unvermittelt taucht in Joes Büro eine namenlose Schönheit auf und beauftragt ihn, den mysteriösen Mike Longshott ausfindig zu machen.

Die Suche verschlägt Joe in die Halbwelt von Paris, nach London, auf eine Osama-Fan-Convention in New York und schließlich nach Kabul. Immer tiefer wird er in ein Labyrinth von Geheimnissen verstrickt, treibt sich in dunklen Kaschemmen und Opiumhöhlen herum, verfolgt Spuren, die ins Nichts führen und wird von undurchsichtigen Gestalten zusammenschlagen.

Retro-Welt ohne Handys und Computer

Eine merkwürdige Retro-Welt wird hier geschildert, die irgendwann in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts steckengeblieben zu sein scheint: Ungestört raucht Joe im Flugzeug, Computer und Handys gibt es nicht, Charles de Gaulle starb 1944 in Algiers, stattdessen wurde Antoine de Saint-Exupéry französischer Präsident. In den immer wieder eingestreuten Auszügen aus Longshotts Osama-Romanen dagegen lesen Joe – und wir – in einer kalten, neutralen, beinahe klinischen Sprache von den tödlichen Bombenattentaten, die wir so gut kennen, während sie Joe verwirrt zurücklassen. Was ist ein "World Trade Center”?

Elegant verspannt Tidhar in seiner abgründigen Konstruktion Elemente des Noir-Thrillers in der Tradition von Raymond Chandler mit dem Science-Fiction-Genre der "alternate history". Die Ebenen von Realität und Fiktion werden im Verlauf der Erzählung immer poröser. Tidhars präzise Detailschilderungen von Schatten und Lichtreflexen, Stadtlandschaften im Regen, obskuren Buchhandlungen und U-Bahn-Stationen erzeugen einen hypnotischen Sog und eine melancholische Atmosphäre der Verlorenheit.

Kaum jemand hat unserer Epoche so geprägt wie Osama bin Laden. Der Terrorismus gebiert Bilder, mediale Echos und Phantasmen, die das kollektive Imaginäre kolonisiert haben: von der ausufernden Berichterstattung realer und vereitelter Anschläge bis zu den paranoiden Terrorismus-Fiktionen in Fernsehserien wie "24" oder "Homeland". Lavie Tidhar schraubt diese Verschränkung von Realem und Imaginärem gnadenlos weiter. Dabei ist sein glänzend geschriebener Roman nicht nur eine Reflektion der medialen Faszinationskraft des Terrorismus, sondern zugleich eine eindringliche Trauerarbeit, die all der Opfer der zahlreichen Anschläge gedenkt, die als Schatten und Untote die Überlebenden heimsuchen.

Besprochen von Philipp Albers

Lavie Tidhar: Osama
Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller
Rogner & Bernhard Verlag, Berlin 2013.
HardcoverPlus (inkl. E-Book)
303 Seiten, 22,95 Euro

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