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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.11.2010

Meisterlich übersetzt

Lew Tolstoi: "Krieg und Frieden", Hanser Verlag, München 2010, 2288 Seiten

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Der russische Schriftsteller Tolstoi im Jahr 1908 (AP Archiv)
Der russische Schriftsteller Tolstoi im Jahr 1908 (AP Archiv)

Barbara Conrads kluge und gründlich kommentierte Übersetzung bietet die beste Gelegenheit nachzuprüfen, was Sommerset Maugham über Tolstois "Krieg und Frieden" schrieb: "Zweifellos der größte Roman aller Zeiten".

Der epische Strom beginnt zu fließen, wird immer breiter und mächtiger – und trägt einen fasziniert davon, über Wochen der Lektüre. Wochen mit Tolstoi, mit den Rostows, Bolkonskis, Besuchows und Kuragins. Der Erzähler führt einen in Paläste und Kaschemmen, in Ballsäle und auf Schlachtfelder, wobei die Ballsäle oft soziale Schlachtfelder und die Schlachtfelder Ballsäle des Absurden sind – vor allem in jenen Passagen, in denen der grandiose Pierre in somnambuler Verfassung über die Kriegsschauplätze von 1812 stolpert und seine Wahrnehmung das militärische Geschehen bizarr verfremdet.

Wie soll man leben? Wie muss man sterben? Das sind die Grundfragen Tolstois. Berühmt sind seine existentialistischen Zeitlupen in Momenten der Todesnähe. Mit entrücktem Blick sieht Andrej Bolkonski in der Schlacht von Borodino die rauchende Granate, die sich neben ihm am Boden wie ein Kreisel dreht. Unvermittelt breitet sich in ihm eine große Liebe zum Leben aus, zu Gras, Erde und Luft. Dann explodiert das Geschoss, und in Andrejs Unterleib klafft eine grässliche Wunde; nach langen Qualen wird er viele Seiten später daran sterben. Tolstoi vermittelt den Horror des Krieges in krassen Details.

Mit dem Kostümbudenzauber vieler historischer Romane hat "Krieg und Frieden" nichts zu schaffen. Deshalb muss jede Verfilmung, die mit Ehrgeiz originalgetreue Uniformen und Ballkleider in Szene setzt, den Geist des Werkes verfehlen. Mit bohrendem Ernst (der scharfe Komik nicht ausschließt) sucht Tolstoi nach den Triebkräften der Geschichte. Einen Teil der Gedankenarbeit hat er seinen beiden komplementären Protagonisten anvertraut, dem noblen Skeptiker Fürst Andrej und dem dicklichen Millionenerben Pierre, diesem Idealisten und Don Quijote im Körper eines Sancho Pansa. Man folgt ihren Gesprächen gebannt, aber ihre Kommentarfunktion reichte für Tolstoi nicht aus, sofern sie plausible Figuren bleiben sollten. So erlebt man die Geburt des Essayismus aus dem Geist des realistischen Erzählens – temperamentvoll stürmt der Erzähler in regelmäßigen Abständen selbst auf die Bühne, um sich über Krieg und Historie zu äußern.

Die geschichtsphilosophischen Kapitel sind oft als Ballast gewertet worden; aber sie gehen bruchlos aus der Erzähllogik dieses Epochenpanoramas hervor. Wuchtig und erstaunlich modern polemisiert Tolstoi gegen die "großen Männer" – gegen die Heerführer und Monarchen, denen die zeitgenössische Geschichtsschreibung ihre ganze Aufmerksamkeit widmete. Für Tolstoi sind es von Eitelkeit und Ruhmsucht geleitete Gestalten, wie der politische Schauspieler Napoleon, der die Ereignisse zu beherrschen glaubt und sich vor dem verlassenen Moskau in einem geschwollen-großherzigen Sieger-Monolog ergeht – eine Passage von erhabener Lächerlichkeit.

Entscheidender sind für Tolstoi lawinenartig sich verstärkende Zufallsketten und massenpsychologische Prozesse, zu deren "Diener" sich der Politiker oder Heerführer allenfalls machen kann, wie es dem bäuerlich-verschmitzten General Kutusow gelingt, bei dem sich das russische "Väterchen" mit dem genialen Strategen mischt.

Tolstoi verbindet einen ungezwungenen, beinahe mündlichen Duktus mit der ausgefeilten Darstellungskunst des Realismus. Die Eigenwilligkeit und Kantigkeit seines Stils wird in der Neuübersetzung Barbara Conrads erstmals deutlich. Noch die gerühmte, durchaus hochwertige Übersetzung von Werner Bergengruen (1953) erzielte ihren geschmeidigen Duktus durch Glättungen des Originals. Tolstoi aber wollte keine "geschleckten Satzgebilde"; er bevorzugte das Aufgeraute.

Barbara Conrad ist einem modernen Übersetzungsideal verpflichtet: Es komme nicht darauf an, es dem Leser bequem zu machen, sondern dem Autor so gerecht wie nur möglich zu werden. So behält sie Tolstois charakteristische Wortwiederholungen, Satzparallelismen und grammatische Brüche bei, ohne dass es sich ihre deutsche Fassung nun gewollt stolpersteinig lesen würde. Auch das Wortmaterial kommt weniger gepflegt daher; die Formulierungen sind bisweilen stärker und expressiver als in den bisherigen Fassungen. Diese kluge und zugleich gründlich kommentierte Übersetzung, die in zwei wunderschönen Dünndruckbänden daherkommt, bietet die beste Gelegenheit nachzuprüfen, was Sommerset Maugham über "Krieg und Frieden" schrieb: "Zweifellos der größte Roman aller Zeiten".

Besprochen von Wolfgang Schneider

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden
Übersetzt und kommentiert von Barbara Conrad
Hanser Verlag, München 2010,
2288 Seiten, 58,00 Euro

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