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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 04.02.2015

Meinungsfreiheit Ich bin Charlie, du bist Horst

Von Malte Herwig

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Fotomontage: Solidaritätskundgebung in Frankreich / Holocaustleugner Horst Mahler (picture alliance / dpa / Foto: /Ncy, Nestor Bachmann)
Fotomontage: Solidaritätskundgebung in Frankreich, Holocaustleugner Horst Mahler: Malte Herwig plädiert für radikale Meinungsfreiheit. (picture alliance / dpa / Foto: /Ncy, Nestor Bachmann)

Die Redaktion von "Charlie Hebdo" macht Pause. Inzwischen streiten die Feuilletons über die Meinungsfreiheit in der Demokratie. Wir seien längst nicht konsequent genug, meint Malte Herwig: Einen Holocaustleugner wie Horst Mahler müsse man genauso aushalten wie Islamophobie.

Zwei Schriftsteller halten nach den Terroranschlägen in Paris die Franzosen in Atem. Der eine ist Michel Houellebecq, der nach dem Erscheinen seines neuen Romans "Unterwerfung" zeitweilig untertauchen musste, weil er als mögliches Anschlagsziel islamistischer Terroristen gilt.

Der andere heißt François-Marie Arouet. Nach den Anschlägen von Paris verkaufte sich allein sein kleines Buch "Über die Toleranz" in zwei Tagen mehr als 7000 Mal. Sein Verlag Gallimard druckt gerade 20.000 Exemplare nach, um die enorme Nachfrage zu befriedigen.

Anders als sein Kollege Houellebecq muss der Schriftsteller Arouet nicht mehr um sein Leben fürchten, denn er ist bereits tot. Doch auch er lebte und dachte gefährlich und publizierte deshalb nur unter dem Pseudonym Voltaire.

Seit der brutalen Ermordung der zwölf Satiriker von "Charlie Hebdo" ist Voltaire wieder à la mode. Und natürlich ist sein berühmtester Ausspruch wieder in aller Munde: "Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen." Dass dieser Satz gar nicht von Voltaire stammt, sondern ihm viel später von einer Biographin in den Mund gelegt wurde - geschenkt! Allerdings würde Voltaire im Grab rotieren, wenn er hörte, wie leichtfertig heute in seinem Namen Toleranz gepredigt wird.

"Toleranz" ist längst zum risikofreien Prinzip politischer Korrektheit geworden

Anders als zu Voltaires Zeiten werden heute in Westeuropa keine Bücher mehr verbrannt, sind Absolutismus und Zensur offiziell abgeschafft. Aber die einst so riskante Forderung nach "Toleranz" ist längst vom radikalen Kampfbegriff zum risikofreien Prinzip politischer Korrektheit geworden, nach der alles akzeptiert werden kann, was ohnehin nicht weiter stört.

Die ermordeten Satiriker von "Charlie Hebdo" waren wenigstens konsequent: sie veralberten Christen, Juden und Muslime gleichermaßen – oft auf grenzwertige, verletzende Weise. Doch ihre Leichen waren noch nicht kalt, da wurde ihr Recht auf freie Meinungsäußerung bereits posthum eingeschränkt: den Propheten Mohammed lächerlich zu machen – schön und gut. Aber die Charlie-Karikaturen von Juden seien doch antisemitisch und unerträglich riefen Kritiker.

Doch genau das ist die radikale Botschaft des Voltaire-Satzes: er schließt nicht nur die Tolerierung anderer Meinungen ein, sondern explizit auch solcher, die verachtungswürdig sind.

Auch wir haben Tabus

Machen wir den Voltaire-Test im Deutschland der Gegenwart. Auch wir haben Tabus, die nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt sind. Für mich zählen Antisemitismus und Holocaust-Leugnung zu den verachtungswürdigsten Meinungen. Ich halte sie für dumm und falsch und finde es wichtig, sie öffentlich als Lügen zu entlarven und gesellschaftlich zu ächten.

Aber ich habe keine Angst vor solchen Lügen. Solange es sich nicht um üble Nachrede handelt, glaube ich nicht, dass man solche Äußerungen verbieten und ihnen so noch mehr Aufmerksamkeit verschaffen muss. Deswegen halte ich es auch für falsch, dass ein eingebildeter Rechtsextremist wie Horst Mahler zwölf Jahre im Gefängnis sitzen soll, weil er wiederholt den Holocaust geleugnet hat.

Seine Hirngespinste über das Dritte Reich lassen sich leicht widerlegen und noch leichter ignorieren. Trotzdem wird die Meinungsfreiheit in seinem Fall mit zweierlei Maß gemessen – nach dem Motto "Ich bin Charlie, aber du bist Horst und musst für deine Meinung in den Knast".

Derweil versucht der bayerische Finanzminister Winfried Bausback, eine von renommierten Historikern erarbeitete, kritisch kommentierte Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf" verbieten zu lassen. Offensichtlich hält der Herr Minister das Hitlergift noch immer für ansteckend und zweifelt an der Immunität der Deutschen.

Diktaturen haben Angst vor der Wahrheit, die Demokratie nicht. Wir sollten uns auch vor der Lüge nicht fürchten, wenn wir es ernst mit der Freiheit meinen. "Wenn dir ein Buch missfällt, widerlege es", riet einst Voltaire, "wenn es dich ärgert, lies es gar nicht erst". 


Literaturkritiker Malte Herwig (picture alliance / dpa / Foto: Arno Burgi)Journalist und Literaturkritiker Malte Herwig (picture alliance / dpa / Foto: Arno Burgi)Malte Herwig ist Journalist, Literaturkritiker und Auslandsreporter. Geboren 1972 in Kassel, studierte er in Mainz, Oxford und Harvard Literaturwissenschaften, Geschichte und Politik. Unter anderem arbeitete für die "New York Times", "DIE ZEIT", "FAZ" und im Kulturressort des "SPIEGEL". Jetzt ist er Reporter des Magazins der "Süddeutschen Zeitung"  und lebt in Hamburg. Für sein Buch "Bildungsbürger auf Abwegen" erhielt er 2004 den Thomas-Mann-Förderpreis. Zuletzt erschien sein viel beachtetes Buch "Die Flakhelfer".

Mehr zum Thema:

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