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Thema / Archiv | Beitrag vom 11.12.2013

"Mein Kampf"Historiker will kommentiertes Hitler-Buch veröffentlichen

Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte befürchtet "Mystifizierung" nach Stopp durch Bayerns Staatsregierung

Andreas Wirsching im Gespräch mit Frank Meyer

Der Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), Andreas Wirsching, will die Arbeit an einer historisch-kritischen Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf" fortsetzen, obwohl die Bayerische Staatsregierung dem Projekt die Förderung entziehen will.

Frank Meyer: "Mein Kampf" von Adolf Hitler, dieses Buch erscheint in den USA und in Großbritannien, es erscheint in Israel, in Skandinavien und vielen anderen Ländern. Im Internet kann man "Mein Kampf" sowieso lesen, in deutschen Antiquariaten kann man es legal kaufen. Die Bayerische Staatsregierung will aber nun die Veröffentlichung einer historisch-kritischen Ausgabe dieses Buches in Deutschland verhindern, obwohl die Regierung Seehofer die Arbeit an einer solchen Ausgabe seit dem vergangenen Jahr unterstützt.

Die Bayerische-Staatskanzlei-Chefin Christine Haderthauer hat diese Kehrtwende gestern angekündigt. Über diese Entscheidung sprechen wir mit Professor Andreas Wirsching, er ist der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, das diese Ausgabe von "Mein Kampf" erstellt. Herr Wirsching, seien Sie herzlich willkommen!

Andreas Wirsching: Ja, schönen guten Tag!

Meyer: Was sagen Sie denn zu dieser überraschenden Kehrtwende der bayerischen Staatsregierung?

Wirsching: Überraschend war die schon, obwohl es einige Anzeichen gegeben hat, dass in eine solche Richtung nachgedacht wird. Aber wir haben bis gestern nichts Offizielles gehört und waren von daher natürlich sehr überrascht über diese Kehrtwende. Andererseits ist es natürlich schon so, dass wir dieses Projekt weitermachen werden. Es ist auch schon ein - das muss man vielleicht dazu sagen -, ein längerfristig geplantes Projekt.

Es ist nicht so, dass da ein Auftrag alleine etwa im letzten Jahr ergangen wäre, sondern das Projekt ist schon sehr viel länger geplant gewesen, mindestens seit 2010. Sodass jetzt die Situation nicht die ist, dass ein Auftrag gegeben und wieder zurückgenommen wird, ganz formal gesehen, sondern es ist sozusagen nach dem, was man jetzt eben hört, die Situation, dass der Freistaat Bayern sich aus dieser, wenn man so will, Sonderförderung herauszieht.  

Wirsching sieht "Notwendigkeit einer historisch-kritischen Edition"

Meyer: Aber es heißt ja auch, Herr Wirsching, dass der Freistaat Bayern die Publikation Ihrer Arbeit verhindern will. Das trifft doch das Projekt ins Mark, wenn es nicht öffentlich werden kann?

Wirsching: Nein, das werden wir natürlich auch nicht. Wenn es wirklich dazu käme, auch nicht akzeptieren können. Die Notwendigkeit einer solchen historisch-kritischen Edition, gerade angesichts dessen auch, was Sie gerade schon gesagt haben, dass der Text ja überall verfügbar ist im In- wie im Ausland, die ist, glaube ich völlig unbestritten. Und es übersteigt auch meine Vorstellungskraft, dass man so ein wissenschaftsgesteuertes Projekt hinterher irgendwie verfolgen könnte mit Volksverhetzungsvorwürfen.

Also, da muss man, glaube ich, sehr deutlich unterscheiden zwischen der Möglichkeit von Nachdrucken, die aus sinisteren, kommerziellen oder eben auch ideologischen Gründen erfolgt einerseits, die man möglicherweise - das kann ich nicht beurteilen, das wird sich dann auch noch herausstellen – mit entsprechenden Maßnahmen bekämpfen könnte, und einer solchen historisch-kritischen Aufarbeitung und Edition andererseits, die natürlich unter einem Forschungsinteresse steht.

Meyer: Wie erklären Sie sich aber nun die Kehrtwende der Regierung Seehofers? Es werden jetzt mehrere Argumente angeboten, einerseits, "Mein Kampf" sei volksverhetzend, das ist natürlich richtig, aber trotzdem ist ja die Frage, wie geht man in unserem Land damit um, also, wie erklären Sie sich die neue Haltung der bayerischen Regierung?

Wirsching: Genau kann ich Ihnen das nicht sagen, da müssen Sie sozusagen bei der Staatskanzlei direkt anfragen. Wenn ich der Pressemitteilung des Wissenschaftsministeriums, des bayerischen, heute folge, dann spielt wohl eine größere Rolle Gespräche mit Holocaust-Opfern und Angehörigen, von solchen Opfern. Und das ist natürlich ein Punkt, der sensibel ist, das ist gar keine Frage.

Es hat wohl Gespräche gegeben, wo Holocaust-Opfer ihr Befremden oder auch Ähnliches über diesen Plan, eine sozusagen vom Freistaat unterstützte Edition zu machen, ausgedrückt haben. Und da muss man jetzt mal sehen. Also, ich meine, das Institut für Zeitgeschichte ist natürlich immer von dem tiefen Respekt gegenüber Holocaust-Opfern getragen gewesen, das zeigt auch die jahrzehntelange Arbeit des Instituts im Bereich der NS-Forschung, auch im Bereich der kritischen Aufarbeitung von Quellen, die eben erklären oder zur Erklärung beitragen, warum 1933 möglich war, warum es zum Holocaust gekommen ist, welche schrecklichen Verbrechen während der 30er- und frühen 40er-Jahre begangen worden sind und so fort.

Also, das eine schließt das andere nicht aus. Wenn Sie aber jetzt nach den Motiven der Bayerischen Staatsregierung fragen, dann, würde ich sagen, sind sie primär da zu suchen.

"Text sollte eigentlich auf Dauer so nicht stehen bleiben"

Meyer: Sie haben die Opfer gerade angesprochen. Charlotte Knobloch hat sich auch zu Wort gemeldet, die frühere Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, und sie hat diesen Gesinnungswandel bei der Bayerischen Staatsregierung unterstützt, sie sagt, die Staatsregierung tue gut daran, eine Veröffentlichung in Deutschland nicht hinzunehmen, in Deutschland darf sich dieser Text nie wieder auf legalem Wege in die Hände und Köpfe der Menschheit schleichen. Sagt Charlotte Knobloch. Was würden Sie jemand wie Charlotte Knobloch darauf entgegnen?

Wirsching: Ich würde zunächst mal wiederholen, dass der Text ohnehin verfügbar ist, digital wie in Print. Und es ist ganz überwiegend, von verschiedenen Ausnahmen abgesehen, der unkommentierte Text. Und der unkommentierte Text sollte eigentlich auf Dauer so nicht stehen bleiben, sondern was wir brauchen, ist im Prinzip ... auch der historisch-kritischen Aneignung von Geschichte und auch der aufgeklärten Rationalität, was wir brauchen, ist, diesen Text einzukreisen, zu brechen in seiner Propagandawirkung durch Kommentar, durch Kritik und auch durch eine Einleitung sozusagen, durch eine Kontextualisierung.

Also alles das, was eine solche wissenschaftliche Edition machen würde. Das, würde ich sagen, ist sogar ein Dienst an der Arbeit einer auch die Opferperspektive mit einbeziehenden Aufarbeitung der Vergangenheit, denn andernfalls bleibt dieser Text ja so stehen, wie er ist. Und das ist in der Tat nicht ganz unproblematisch, wenn er sozusagen frei floatet, ohne dass eine wirkliche Referenzausgabe, wo man auch weiß, hier kann man sich kritisch damit auseinandersetzen, besteht. Das ungefähr würde ich antworten.

Und ich meine, ich habe mit Frau Knobloch auch selber darüber schon gesprochen und, ja, ich bin nicht sicher, ob sie das nicht teilweise auch so sieht. Sie war ja bei der Entscheidung damals auch daran beteiligt, diese Edition auf den Weg zu bringen. Also, insofern denke ich, beide Perspektiven sind nachvollziehbar, aber sie sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Meyer: Deutschlandradio Kultur, "Mein Kampf", das Buch soll im Giftschrank bleiben, dafür will der Freistaat Bayern sorgen. Wir sprechen darüber mit Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München.

Das Problem hat ja eine moralische Seite, über die haben wir gerade auch gesprochen. Es hat auch eine juristische Seite! Es liegen ja bisher noch die Nutzungsrechte an "Mein Kampf" beim Freistaat Bayern, diese Rechte enden aber demnächst, am 1. Januar 2016, das ist dann 70 Jahre nach dem Todesjahr von Adolf Hitler. Kann denn der Freistaat Bayern danach überhaupt noch die Publikation von "Mein Kampf" verhindern?

Wirsching: Wenn überhaupt, ginge das nur mit strafrechtlichen Mitteln, dass man eben tatsächlich sich vom Urheberrecht entfernt. Ich bin kein Jurist, aber es ist eindeutig, dass das nach 70 Jahren endet. Das heißt also, man will das dann wegheben auf die strafrechtliche Ebene, Stichwort Volksverhetzung. Und das ist für meine Begriffe eine sehr offene Frage, ob das überhaupt sticht, diese Möglichkeit. Sie könnte vielleicht aktiviert werden gegenüber, wie gesagt, also, Nachdruckambitionen, die von rein ideologischen oder auch kommerziellen Interessen geleitet sind, aber nicht gegenüber einer wissenschaftlichen Edition.

Meyer: Wie ist das denn, wenn man "Mein Kampf" mal einordnet? Es sind doch viele andere Schriften von Adolf Hitler veröffentlicht worden bei uns, es sind andere Schriften, Tagebücher und so weiter von anderen Nazi-Größen veröffentlicht worden. Gibt es irgendeinen Grund dafür, "Mein Kampf" so eine Sonderstellung einzuräumen?

"Eine wichtige Quelle für seine Gedankenwelt"

Wirsching: Ich würde sagen, ja und nein. Es ist schon eine besondere Quelle, das ist auch ein wissenschaftliches Interesse, diese Quelle verfügbar zu machen und eben in kommentierter Form dies zu tun. Es ist eine, wenn man so will, autobiografisch gehaltene - im ersten Teil zumindest - Programmschrift, wobei der Begriff Programmschrift, darüber kann man lange streiten, wieweit sozusagen eine Intention bei Hitler auch für die spätere Herrschaft hier erkennbar ist.

Aber es ist eine wichtige Quelle für seine Gedankenwelt. Und auch für die Tradition, in der er steht. Er ist ja Teil, wenn man so will, der völkischen Bewegung, aber er transzendiert sie auch. Und das kann man eben in "Mein Kampf" dann, glaube ich, ganz gut sehen. Also, insofern ist da schon eine Verdichtung, ein Kondensat sozusagen der nationalsozialistischen Weltanschauung, wie sie bei Hitler begegnet, der ja diese Ideologie dann auch entscheidend geprägt hat und ihre Praxis vor allem auch entscheidend geprägt hat. Also, insofern ist das schon ein besonderer Text.

Aber Sie haben völlig recht, es gibt ungefähr einen Meter, mindestens, Hitler-Reden, -Schriften, -Anordnungen von 1925 bis 33 kommentiert, es gibt einen Band seiner sämtlichen frühen Schriften bis 1925, es gibt die Hitler-Reden aus der NS-Zeit selbst, also zwischen 1933 und 1945. Also, alles das ist publiziert worden und da steht nun auch nicht so viel anders drin als in "Mein Kampf".

Also, insofern muss man da auch die Kirche im Dorf lassen. Es ist ja nicht so, dass hier erstmalig irgendwelches volksverhetzende Material sozusagen zur Verfügung gestellt wird, sondern man kann Hitler lesen. Es wird in den wissenschaftlichen Seminaren natürlich verwendet, ich nehme an, auch in Schulen wird es möglicherweise als Quelle verwendet.

Also, es ist ja nicht so, dass man das völlig tabuisieren könnte. Und selbst wenn man es könnte, wäre es meines Erachtens fatal, denn man würde damit so eine Art Mystifizierung erneut dieses Buches einleiten, die dann das Interesse und auch das Interesse im Zweifelsfall von der falschen Seite nur noch verstärken würde.

Meyer: Der Freistaat Bayern will auch in Zukunft jede Publikation von "Mein Kampf" verhindern und er hat die bisherige Unterstützung für die wissenschaftliche Ausgabe dieses Buches eingestellt. Wir wollen auch wissen, was Sie davon halten, unsere Hörerinnen und Hörer, und werden mit Ihnen darüber debattieren um zehn vor vier hier bei uns. Eben haben wir gesprochen mit Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München. Herr Wirsching, vielen Dank für das Gespräch!

Wirsching: Ja, danke an Sie!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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