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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.10.2011

Mehr als nur Stricken

Goslar ehrt Rosemarie Trockel mit dem Kaiserring

Von Carsten Probst

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Rosemarie Trockel im Oktober 2010 (picture alliance / dpa / Curtis Anderson)
Rosemarie Trockel im Oktober 2010 (picture alliance / dpa / Curtis Anderson)

Der Kaiserring Goslar ist einer der wichtigen Preise für Gegenwartskunst. Er wird seit 1975 verliehen, unter anderem an Henry Moore und Anselm Kiefer. In diesem Jahr erhält die Konzeptkünstlerin Rosemarie Trockel den Preis. In den 80er-Jahren wurde sie vor allem mit "Strickbildern" bekannt.

Und wo sind die Strickbilder? hörte man einige Besucher in den engen Fachwerkräumen des Goslarer Mönchehauses fragen. Denn das sind die Werke, die man von Rosemarie Trockel kennt, die sie in den achtziger Jahren international bekannt gemacht und ihr unter Kunstkritikern den leicht spöttischen Spitznamen "Stricktrockel" eingebracht haben, über den sie durchaus selbst schmunzeln kann, wenn sie, wie in ihrem Statement anlässlich der Preisverleihung, auf das Klischee eingeht, dass von ihr eigentlich nur Woll-Werke zu erwarten sind:

"Es ist immer nur ein bisschen dieses – wenn Frauen auf ein ganz bestimmtes Material reduziert werden, dann ist das manchmal tatsächlich schwierig. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass das noch ne Zeit braucht. Das glaub ich ganz bestimmt. Also es ist immer diskriminierend gemeint. Aber damit muss man leben, wenn man so was macht. Ich würde es vielleicht gar nicht machen, wenn es keine Diskriminierung mehr wäre."

In Goslar aber zeigt Trockel, wie zum Beweis, Werke mit Wollfäden nur vereinzelt, zum Beispiel in einem kleinen Bild mit dem hintersinnigen Titel "Fingerübung", das von Weitem aussieht wie ein schwarzes Quadrat, in dem sich bei näherer Betrachtung aber ein geometrisches Gespinst aus dunkelblauen Wollfäden abhebt. Im Mittelpunkt stehen in Goslar, wie schon bei Trockels jüngst zu Ende gegangener Ausstellung in Bonn, Zeichnungen, Collagen, Aquarelle und Buchentwürfe. Monika Sprüth, seit drei Jahrzehnten eine vertraute Gefährtin der Künstlerin und heute auch ihre Galeristin, sieht in den Zeichnungen sogar den entscheidenden Teil von Trockels Werk:

"Alle Museumsausstellungen, die sie gemacht hat. da spielt die Zeichnung immer eine Rolle, und auch die allerersten. Aber es ist natürlich so: Die Zeichnung an sich ist für die meisten Künstler ein ganz wichtiges Medium, ja, aber was man dann kennt von ihr, ist mehr das Spektakuläre, das Wollbild, ja, deswegen reden immer nur alle Leute über das Wollbild, das ist aber nicht im Werk selbst – hat das die zentrale Rolle."

Monika Sprüth hat Trockels Werdegang seit den Studienzeiten begleitet, und sie übernimmt inzwischen auch die Kommunikation mit Medienvertretern für die Künstlerin, die aus Prinzip keine Interviews geben mag. Sprüth erinnert sich gut an Trockels Anfänge, als Kunst von Frauen auch lange nach den 68ern noch im Klischee von Kreativarbeit und Freizeitgestaltung gefangen und eine Karriere mit bis zu sechsstelligen Aufrufen für ihre Werke auf dem Kunstmarkt alles andere als vorhersehbar war. Darum sei es Trockel auch nie gegangen, sagt Monika Sprüth.

"Die ersten Arbeiten von Rosemarie Trockel waren immer Zeichnungen, ja, kommt ja im weitesten Sinne von der Malerei, Zeichnung, aber der Punkt, wo sie dann bereit war, in die Öffentlichkeit zu gehen, war der Augenblick, wo diese Idee da war, der Wolle, diese Wolle, was so ganz, sagen wir mal, der Frau zugeordnetes Medium ist – das in dem künstlerischen Kontext zu verarbeiten. Und jetzt eben die Wolle stricken lassen von Maschinen, und hat sie dann wie normal gemalte Bilder auf Keilrahmen ausgestellt."

Die von Maschinen verarbeitete Wolle, die dann in Gemäldeform an der Wand hing und allgemein bekannte Symbole aus der Alltags- und Konsumwelt zeigte: den Playboy-Hasen, das Wollsiegel-Zeichen oder auch Hammer und Sichel – sie verweist auf eine Kernstrategie im Schaffen Trockels, die Kreuzung des scheinbar oder dem Klischee nach Gegensätzlichen. Die Wolle als Symbol des dem "Weiblichen" zugeschriebenen Bereiches, die Maschinenfertigung als Symbol des dem Männlichen zugeschriebenen Bereiches der industriellen Wertschöpfungskette, an deren Ende dann das Warenzeichen: Playboy, Wollsiegel oder eben auch Hammer und Sichel stehen.

Diese Mischung lässt sich auch auf die nach wie vor männlich dominierte Kunstwelt übertragen. Trockel hat sich früh von Künstlerinnen vor allem in den USA inspirieren lassen wie Jenny Holzer, Louise Bourgeois oder Cindy Sherman, mit denen sich die Etablierung eines neuen, ironischen und zugleich offensiven Künstlerinnentypus verbindet.

"Cindy Sherman war ganz früh auf der documenta, 1982/83, da war sie in Deutschland. Aber natürlich war das eine Intention, die Künstlerin mit einer ähnlichen Idee, das sah man ja gleich im Werk. Dass man sich kennenlernte und an einem gemeinsamen Konzept, im Grunde genommen Ideen arbeitete, so einen gemeinsamen Diskurs hatte."

Trockel mag sich heute nicht auf den Begriff Feminismus festlegen lassen, das widerspräche auch ihrer künstlerischen Vorgehensweise. Aber der Diskurs zwischen den Geschlechtern hat sich differenziert, sagt sie. Die Fronten scheinen heute fließender, vielleicht trügerisch aufgelöst manchmal. Daher habe sie auch wieder mit neuen Strickbildern begonnen.

Nun jedoch strickt sie selbst. Das passt zum postindustriellen Zeitalter, Männlichkeit definiert sich heute schließlich nicht mehr über den harten Typus Industriearbeiter, sondern eher über Soft Skills wie Familiensinn, Kultiviertheit und Metrosexualität. Aber unter der soften Oberfläche regieren die alten Fronten – Trockels Woll- und sonstigen Werke werden weiter davon künden wie ein Fanal.

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