Mehr als eine traditionelle Familiensaga
"Glasmondmann" erzählt die Geschichte von zwei Generationen: die des 22-jährigen Unteroffiziers Robert Leavitt und seiner 13 Jahre älteren Frau Lola und die von Lolas beiden Kindern Lark und Termite.
Während Leavitt am 31. Juli 1950 im Koreakrieg während eines Massakers, das die eigene Armee anrichtet, in einem Tunnel umkommt, gebiert Lola zu Hause den gemeinsamen Sohn Termite. Lola ist nicht imstande, sich selbst um die Kinder zu kümmern. Termite und seine Halbschwester Lark werden deshalb von ihrer Tante Nonie großgezogen, die als Kellnerin arbeitet.
Jedes Kapitel ist aus der Perspektive entweder von Lark, Termite oder Nonie erzählt. Eingeschoben sind Kapitel, die Leavitts Geschichte 1950 erzählen.
Das Jahr 1959 – Lark ist 17 und Termite neun Jahre alt – ist die eigentliche Erzählgegenwart. Termite sitzt im Rollstuhl, kann sich ohne Hilfe nicht aufrecht halten und nicht sprechen. Lark liebt ihren Bruder über alles und wehrt sich gegen das Urteil "behindert".
Die Kapitel über Termite schildern seine "andere" Wahrnehmung, sein unglaubliches Gehör, seine völlig gegenwartsbezogene und glückliche Weise, die Natur und die Menschen zu sehen und zu spüren.
Das allein macht aber noch keine Geschichte. Diese entsteht durch Larks Suche nach ihrer und Termites Vergangenheit und Herkunft - und die vielen Geheimnisse, die dabei aufgedeckt werden, gehen weit über rational Erklärbares hinaus.
Die unterschiedlichen Zeitebenen und Schicksale sind eng miteinander verwoben. So ähnelt das Kind, das Leavitt 1950 während des Massakers im Tunnel kennenlernt, seinem zum selben Zeitpunkt geborenen Sohn Termite. Unerklärliche Personen und Ereignisse verstärken die magische, durch Verwandtschaft nicht erklärbare Verbundenheit.
Dennoch ist der Roman höchst realistisch: Er erzählt einerseits vom Leben in der US-amerikanischen Provinz: harte Arbeit, Sitten und Moral, Träume und Scheitern, Solidarität, über Generationen bewahrte Geheimnisse, Abgründe, Liebe und Hass. Und auf der anderen Seite wird schonungslos die Lage der amerikanischen Soldaten im Koreakrieg geschildert.
Entsprechend vielfältig ist der Stil: realistisch-anschaulich und bewegt in der Schilderung der Personen und ihres Lebens, ins Magisch-Realistische übergehend bei den Schilderungen von inneren Vorgängen und Wahrnehmungen (Termites Wahrnehmung der Welt, Leavitts Korea-Erfahrungen und sein Sterben).
Dem Roman gelingt es, eine Vielzahl von wichtigen Themen zusammenzubinden, ohne überfrachtet zu sein. Trotz der Verschachtelung der Ebenen und der unterschiedlichen Perspektiven wird alles sehr klar und lebendig erzählt. "Glasmondmann" entwirft eine zutiefst moralische Vision, ohne jemals mit erhobenem Zeigefinger belehren zu wollen.
Die ausführliche Schilderung der Perspektive Termites ist das überzeugende Angebot, sich einer anderen Wahrnehmung anzunähern, die unserem alltäglichen "normalen" Leben nicht zugänglich ist. Ähnliches gilt für die Innensicht des sterbenden jungen Soldaten Leavitt. In seinem thematischen und stilistischen Facettenreichtum ist dieser Roman sehr viel mehr als eine traditionelle Familiensaga.
Besprochen von Gertrud Lehnert
Jayne Anne Phillips: Glasmondmann
Aus dem Amerikanischen von Barbara Schaden
Berlin Verlag, Berlin 2009
335 Seiten, 19,90 Euro
Jedes Kapitel ist aus der Perspektive entweder von Lark, Termite oder Nonie erzählt. Eingeschoben sind Kapitel, die Leavitts Geschichte 1950 erzählen.
Das Jahr 1959 – Lark ist 17 und Termite neun Jahre alt – ist die eigentliche Erzählgegenwart. Termite sitzt im Rollstuhl, kann sich ohne Hilfe nicht aufrecht halten und nicht sprechen. Lark liebt ihren Bruder über alles und wehrt sich gegen das Urteil "behindert".
Die Kapitel über Termite schildern seine "andere" Wahrnehmung, sein unglaubliches Gehör, seine völlig gegenwartsbezogene und glückliche Weise, die Natur und die Menschen zu sehen und zu spüren.
Das allein macht aber noch keine Geschichte. Diese entsteht durch Larks Suche nach ihrer und Termites Vergangenheit und Herkunft - und die vielen Geheimnisse, die dabei aufgedeckt werden, gehen weit über rational Erklärbares hinaus.
Die unterschiedlichen Zeitebenen und Schicksale sind eng miteinander verwoben. So ähnelt das Kind, das Leavitt 1950 während des Massakers im Tunnel kennenlernt, seinem zum selben Zeitpunkt geborenen Sohn Termite. Unerklärliche Personen und Ereignisse verstärken die magische, durch Verwandtschaft nicht erklärbare Verbundenheit.
Dennoch ist der Roman höchst realistisch: Er erzählt einerseits vom Leben in der US-amerikanischen Provinz: harte Arbeit, Sitten und Moral, Träume und Scheitern, Solidarität, über Generationen bewahrte Geheimnisse, Abgründe, Liebe und Hass. Und auf der anderen Seite wird schonungslos die Lage der amerikanischen Soldaten im Koreakrieg geschildert.
Entsprechend vielfältig ist der Stil: realistisch-anschaulich und bewegt in der Schilderung der Personen und ihres Lebens, ins Magisch-Realistische übergehend bei den Schilderungen von inneren Vorgängen und Wahrnehmungen (Termites Wahrnehmung der Welt, Leavitts Korea-Erfahrungen und sein Sterben).
Dem Roman gelingt es, eine Vielzahl von wichtigen Themen zusammenzubinden, ohne überfrachtet zu sein. Trotz der Verschachtelung der Ebenen und der unterschiedlichen Perspektiven wird alles sehr klar und lebendig erzählt. "Glasmondmann" entwirft eine zutiefst moralische Vision, ohne jemals mit erhobenem Zeigefinger belehren zu wollen.
Die ausführliche Schilderung der Perspektive Termites ist das überzeugende Angebot, sich einer anderen Wahrnehmung anzunähern, die unserem alltäglichen "normalen" Leben nicht zugänglich ist. Ähnliches gilt für die Innensicht des sterbenden jungen Soldaten Leavitt. In seinem thematischen und stilistischen Facettenreichtum ist dieser Roman sehr viel mehr als eine traditionelle Familiensaga.
Besprochen von Gertrud Lehnert
Jayne Anne Phillips: Glasmondmann
Aus dem Amerikanischen von Barbara Schaden
Berlin Verlag, Berlin 2009
335 Seiten, 19,90 Euro
