Mehr als ein Modefotograf

Ein Blick in die Ausstellung "Richard Avedon - Fotografien 1946 - 2004" im Berliner Martin Gropius Bau. © AP
Von Michaela Gericke · 19.10.2008
Richard Avedon war mehr als ein Modefotograf. Er arbeitete für Harpers Bazar, in den 60ern für die Vogue, später als Cheffotograf für den New Yorker - aber seine eigentliche Leidenschaft galt den Porträts der einfachen Menschen. Eine große Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt Fotos zwischen 1946 und 2004.
Man möchte diesen Jungen sofort in den Arm nehmen oder sich vergnügt mit ihm im Kreis drehen! Der kleine Sizilianer auf dem Schwarz-Weiß-Foto vom September 1947 könnte Hauptarsteller in einem Film der italienischen Neorealisten sein: Er trägt eine helle Schirmmütze über abstehenden Ohren und ein dunkles Jacket, in das man ihn offenbar hineingestopft hat, so eng und kurz ist es.

Die Arme hat er nach unten ausgestreckt, als gebe er sich Mühe, eine gute Figur zu machen. Das ganze Gesicht: ein einziges schelmisches Lachen. Hinter dem Jungen, in der linken Seite des Bildes, entfaltet sich über einem dünnen Stamm die mächtige Krone eines Baumes.

Trotz der Unschärfe ist dieses Foto aus der Nachkriegszeit in Europa grandios, eine Art Schlüsselbild für das gesamte fotografische Werk Richard Avedons. Am Anfang seiner Karriere standen allerdings die Modefotos:
"Hier in der Ausstellung gibt es ja auch ein Porträt von Alexej Brodovich - dem legendären Art-Direktor der Zeitschrift Harpers Bazaar. Er durchbrach alle bis dahin üblichen Gestaltungsgrenzen - machte die Bilder groß und ohne Schriftzug darüber, und Brodovich fragte Avedon, ob er nicht für ihn arbeiten wollte, da war Avedon Anfang 20. Er begann sofort für Harpers Bazaar zu fotografieren."

Norma Stevens wurde 1978 Avedons Agentin, nachdem sie ihn zuvor jahrelang für eine Modefirma als Fotografen beschäftigt hatte. Heute ist sie Geschäftsführerin der Richard Avedon Foundation in New York. Diese Stiftung bewahrt und archiviert nicht nur die etwa 15.000 veröffentlichten Fotos und 500.000 Negative, sondern sie bewacht auch - mit dem Spitznamen "Avedon-Polizei" - das Erbe.

Wer heute Avedon-Fotos veröffentlichen will, darf das nur unter schärfsten Bedingungen: Das ganze Bild ohne Anschnitt oder Ausschnitt muss gedruckt werden, das Copyright soll sichtbar sein, kein Schriftzug darf das Bild verdecken. Avedon selbst zeigte auf den meisten seiner Bilder die schwarzen Ränder des Negativs: Sie beweisen, dass nichts manipuliert wurde. Denn er hatte den Job des Fotografen schließlich gelernt, beim Grafik-Designer Alexej Brodovitch.

Und sein Idol war der ungarische Fotograf Martin Munkacsi: "Hommage an Munkacsi" lautet auch der Titel eines der frühen Avedon-Modebilder: Eine junge Dame in Pumps und elegantem Cardin-Woll-Mantel springt - erhobenen Hauptes, in der einen Hand ein geöffneter Schirm, die andere in der Manteltasche vergraben - vom Bordstein über eine Pfütze, als würde sie in der Luft schweben.

Avedon befreite die Modefotografie von aller gekünstelten Statik, brachte Leben und vor allem Bewegung in die Präsentation von Kleidern, Schuhen, Accessoirs. Er ließ das Tageslicht ins Studio und Mannequins Rollschuh laufen. Sie tanzten auf der Straße, saßen an Cafétischen und Bartheken oder standen im Zirkus zwischen Elefanten.
Norma Stevens:

"Dieses Bild ist ja eine Ikone. Dovima mit den Elefanten. Dabei beurteilte Avedon es sehr kritisch: Weil die lange weiße Schärpe der Frau nach unten hängt und nicht nach links oben hochgeht wie der Rüssel des Elefanten. Er war gar nicht zufrieden damit."
Sämtliche Schauspieler und Künstler, aber auch amerikanische Politiker ließen sich von ihm fotografieren, er aber stellte jedoch die Bedingungen: kein Schmuck, kein Glamour. Das pure Angesicht wollte er sehen und präsentieren.

Ein großformatiges Foto zeigt Marilyn Monroe am Ende eines anstrengenden Tages: Sie schaut zu Boden, müde, niedergeschlagen - die ganze Monroe-Tragik ist auf diesem Bild erkennbar. Dabei gab Avedon niemals vor, wie sich sein Gegenüber darstellen sollte. Norma Stevens:

"Er hat sie sich selbst in Szene setzen lassen, wie sie sich sehen wollten. Aber er wusste schließlich, welches 'Selbst' er davon haben wollte."
Das Herz der Ausstellung - neben den vielen Porträts berühmter Maler, Schauspieler, Schriftsteller und Politiker - ist die Serie "Im amerikanischen Westen": mit großen auf Aluminum gezogenen Porträts unbekannter Menschen, Ende der 70er bis Mitte der 80er Jahre.

Ronald Reagans Fernsehreden über eine erfolgreiche, prosperierende Nation setzte Avedon seine Aufnahmen von Farmern und Minenarbeitern entgegen. Es verschlägt einem schier den Atem angesichts dieser Bilder, die Besitz-, und Arbeitslose zeigen. Im Großformat verlieh ihnen Avedon - bei aller sichtbaren Verletzlichkeit - Würde und höchsten Respekt: Der Obdachlose im dunklen, dezenten Jacket könnte Künstler sein, Poet.

"Avedon - das hungrige Auge suchte Konfrontation. Er wollte, dass man diesen Menschen auf Ausstellungen wirklich in die Augen sieht, um zu erkennen, was los ist im Lande. Deswegen hat er keine kleinen Bildchen gemacht, sondern immer große Aufnahmen. Diese Menschen sollten triumphieren. Er sagte selbst: das sind die Leute, die niemals bemerkt werden, also gebt ihnen endlich Aufmerksamkeit!"
Und diese Arbeiten konnte er nur realisieren, weil er mit der Modefotografie Geld verdiente. Zumindest bis in die 90er Jahre, als ihn diese schließlich langweilte und er nicht mehr den nötigen Respekt bekam für seine Art Mode-Fotografie.
Im vorletzten Raum der Ausstellung blickt der Besucher noch einmal auf Porträts berühmter Menschen, Abbilder all jener, die für Avedon Hoffnungsträger waren: Musikerinnen wie Björk oder die Pianistin Mitsuko Uchida, der Dalai Lama, die Essayistin Susan Sontag.
Richard Avedon starb bei seiner Arbeit - wieder einmal auf der Reise durch die USA - an einer Hirnblutung, nachdem er gestürzt war. Viel zu früh ist er gegangen, sagt Norma Stevens, die seine Schätze mit der Richard Avedon Foundation für die Nachwelt aufbewahrt: Er war 81 Jahre alt. Und noch immer jung:

"Er war großartig! Er war voller Energie, und er wollte seine Arbeit immer perfekt machen. Er hatte ein großes Gefühl, nicht nur für seine Bilder, sondern auch für die Menschen im Leben. Ich glaube, alle die ihn trafen, verliebten sich in gewisser Weise in ihn, Frauen, Männer - dass er nicht mehr lebt, ist ein großer Verlust!"