Seit 14:30 Uhr Vollbild

Samstag, 04.07.2020
 
Seit 14:30 Uhr Vollbild

Interview | Beitrag vom 19.06.2020

Medizinhistoriker über Armut und Corona"Erkenntnisse der Hygiene für alle nutzbar machen"

Philipp Osten im Gespräch mit Dieter Kassel

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Hochhaus mit einem niedrigeren Anbau, aus drei Fenstern hängt Wäsche (imago/Hubert Jelinek)
Unter anderem in einem Hochhaus in Göttingen war es zuletzt zu einem größeren Corona-Ausbruch gekommen. Beengtes Wohnen erleichtert eine Ausbreitung des Virus, sagt Philipp Osten. (imago/Hubert Jelinek)

Fleischfabriken, Logistikzentren, Hochhäuser: Infektionskrankheiten wie Corona breiten sich unter schwierigen sozialen Bedingungen leichter aus. Das war auch schon früher so, sagt Philipp Osten. Der Medizinhistoriker kritisiert Schuldzuweisungen.

Der aktuelle Massenausbruch von Corona unter Arbeitskräften im Tönnies-Schlachtbetrieb bei Gütersloh bestätigt das Phänomen: Armut begünstigt die Verbreitung von Seuchen und Infektionen. "Das ist ganz evident", sagt der Hamburger Medizinhistoriker Philipp Osten. Dennoch gebe es gleich wieder Stimmen, die behaupteten, das Virus sei aus Bulgarien und Rumänien eingeschleppt worden:

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter

"Nein, es sind die Verhältnisse dort -  das enge Zusammenwohnen, vier Euro für ein Bett in einem Massenquartier, wo bis zu zehn Personen leben. Das sind die Verhältnisse – und die müssen geändert werden." Osten fügt hinzu: "Die Erkenntnisse der Hygiene müssen wir für alle, die in dieses Land kommen, auch nutzbar machen."

Auch bei der Pest gab es soziale Unterschiede

Dass Reiche es schon immer besser hatten in Zeiten von Seuchen, zeigt dem Medizinhistoriker zufolge auch ein Blick in die Geschichte. Beispiel: die Pest. Zwar habe der "Sensenmann" auf Totentanz-Darstellungen stets vom Kaiser bis zum Bettelmenschen alle geholt. Doch was so vermeintlich demokratisch aussah, sei in der Realität anders gewesen, so Osten. Einige hätten sich auf ihre Güter zurückziehen können: "Auch bei der Pest gab es soziale Unterschiede, selbstverständlich." 

Osten verweist auch auf die Milieuzeichnungen des Malers Heinrich Zille, der die dramatischen Folgen der Industrialisierung für arme Bevölkerungsschichten in Berlin dokumentierte: enge, dunkle Wohnverhältnisse hätten die sogenannte Englische Krankheit, die Rachitis, begünstigt. Kinder, die davon betroffen waren, hätten leichter Masern und andere Krankheiten bekommen. Heute sterbe eines von 500 Kindern an Masern. Um das Jahr 1900 seien es im Deutschen Reich 45.000 Kinder gewesen. 

(bth)

Interview

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur