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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 23.04.2020

Medizin und KlimawandelHeiße Sommer können krank machen

Von Horst Gross

Mädchen sitzt auf einer Wiese und putzt sich die Nase (picture alliance / Nikky / Stella / VisualEyze)
Je wärmer die Sommer werden, desto stärker sind Allergiker beeinträchtigt. (picture alliance / Nikky / Stella / VisualEyze)

Durch den Klimawandel steigenden die Temperaturen auch bei uns. Die heißen Sommer machen Allergikern, Herz- und Lungenkranken sowie älteren Menschen zu schaffen. Aber es gibt noch weitere Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit.

Blühende Wiesen, strahlende Sonne. Der Sommer steht vor der Tür. Doch nicht jeder freut sich über das Ende der kalten Jahreszeit. "Ja, es ist mit den zunehmenden warmen und auch trockenen Sommern wirklich, also wirklich schwierig, auch für Allergiker. Und mit steigender Temperatur und zunehmender Trockenheit werden die Symptome halt stärker. Das heißt: Augenbrennen, Fließnase und Husten auch. Es ist also wie eine schwere Erkältung", meint diese Berliner Allergiepatientin. Und weil Klimatologen uns längere und heißere Sommer prognostizieren,  wird der Klimawandel damit auch zu einem medizinischen Problem. 
 
"Wir haben ja längere Pollensaison", erklärt der Lungenspezialist Christian Witt von der Berliner Charité. "Weniger Frosttage im Jahr. Das heißt, alles geht Richtung Temperaturerhöhung. Damit erhöht sich auch die Pollenlast. Und damit steigt auch das Risiko, dann allergisch zu reagieren."

Lungenkranke leiden besonders

Im Kampf gegen die medizinischen Auswirkungen des Klimawandels stehen die Lungenfachärzte an vorderster Front. "Die Lunge ist so ein bisschen auch das Portalorgan des Klimawandels. Das heißt, diese veränderte Umwelt trifft als Erstes auf die Lunge. Und das heißt ja auch, dass die Luft nicht nur wärmer, sondern in der Regel auch zurzeit schadstoffbelasteter, wenn Pollensaison ist, auch allergenbelasteter ist."
 
Patientinnen und Patienten mit einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung, der sogenannten COPD, sind besonders klimagefährdet. Bei ihnen sind die Atemwege dauerhaft verengt, was vor allem das Ausatmen erschwert. Allein in Deutschland leiden rund sieben Millionen Menschen unter dieser speziellen Form der Lungenerkrankung. Schon jetzt zwingt die Sommerhitze die Betroffenen reihenweise in die Notaufnahmen der Kliniken.
 
"Wir haben uns das an den kalten Sommern, zum Beispiel Sommer 2011, angeguckt oder aber auch an den heißen Sommern 2010,  2018, 2016. Und da haben wir gesehen bei COPD-Patienten, hier in Berlin, also innerhalb des S-Bahnrings, also auch in der warmen Innenstadt. Das ist auch wichtig, dabei zu wissen. Da haben wir gesehen, dass ab 18 Grad die Anzahl der stationären Aufnahmen steigt."

Krankenhäusern fehlt die entsprechende Ausstattung

Dabei sind längst nicht alle Krankenhäuser auf diese Situation vorbereitet. Es fehlen entsprechende Patientenzimmer, meint der Berliner Lungenspezialist Christian Witt. "Man muss zum Beispiel, wenn man eine Lungenabteilung hat, auch zwei bis drei Zimmer vorhalten, wo Kühlungen möglich sind, Klimatisierung, um diesen Patienten, die durch die innerstädtische Hitze kränker geworden sind, wirksam zu helfen."
 
Etwa 15.000 ältere Menschen starben während des Hitzesommers 2003 in Frankreich; auch, weil die hausärztliche Versorgung nicht funktionierte. Denn Hausärzte müssen die Patientinnen und Patienten, für die Hitze gefährlich werden kann, rechtzeitig auf heiße Sommerphasen vorbereiten.

So wie es der Berliner Hausarzt Wolfgang Kreischer macht. Er prüft bei einem Lungenpatienten die Atemfunktion. Mit einem einfachen Test, der eigentlich in jeder Praxis Routine sein sollte. Vor allem im Sommer. "Bei den COPD-Patienten ist es so, dass die langsam in so eine Exazerbation reinrutschen. Und das merken die oft so im Alltagsleben gar nicht. Deshalb rate ich immer dazu, dieses Testgerät auch zu Hause bereitzuhalten."

Hitze ist auch für Menschen mit Herzschwäche bedrohlich

Damit die Betroffenen rechtzeitig merken, wenn ihre Krankheit aus dem Ruder läuft. Aber auch Menschen mit Herzschwäche sind durch Hitze gefährdet, weiß Wolfgang Kreischer, der Vorsitzende des Hausärzteverbands Berlin Brandenburg. "Das ist eine gefährdete Gruppe, und zwar ist das die Gruppe, die gleichzeitig noch Entwässerungstabletten bekommt. Die können, wenn es sehr heiß ist und die Entwässerungstabletten sind vielleicht sehr stramm eingestellt, dass es dann zu Austrocknungen des Gewebes kommt und die Patienten dann meistens zu spät oder sehr spät ins Krankenhaus kommen."

Nicht jede gesundheitliche Gefahr des Klimawandels ist auf den ersten Blick erkennbar. Kaum bekannt ist, dass es an heißen Sommertagen gehäuft zu Wundheilungsstörungen kommt. Für Frischoperierte eine ernst zu nehmende Komplikation.

"Einmal, dass sie den postoperativen stationären Verlauf verlängern, aber natürlich auch solche Komplikationen wie Blutstrominfektion, die dann aus solchen ja Primärherden, Wundinfektionen resultieren können, die dann doch auch eine sehr schwere Krankheit für den Patienten darstellen. Es ist also keine Bagatelle, die Wundinfektion."

Mehr Wundinfektionen

Das Team um den Berliner Hygieneexperten Seven Johannes Sam Aghdassi hat die offizielle Infektionsstatistik der Deutschen Krankenhäuser auf diese Komplikation hin ausgewertet und mit der Umgebungstemperatur verglichen.

"Herausgekommen ist, um es ganz einfach zu sagen, dass bei wärmeren Temperaturen die Wahrscheinlichkeit einer Wundinfektion steigt. Wenn man größere Temperaturintervalle betrachtet, dann haben wir eine Wahrscheinlichkeitszunahme von durchaus bis zu 13 Prozent. Das kommt immer ein bisschen darauf an, welche Vergleiche man da anstellt."

Warum das aber überhaupt so ist und die Wundinfektionsrate in der Sommerhitze ansteigt, dazu gibt es derzeit nur Vermutungen.

"Die Patienten schwitzen mehr. Der Verband hält vielleicht nicht mehr so gut postoperativ – und dann kommt es zur Kontamination der Wunde. Vielleicht sind es andere Faktoren, dass man einfach grundsätzlich anfälliger wird für Infektionen."

Auch Ältere leiden unter der Sommerhitze

Natürlich sind nicht nur Allergiker, Lungenkranke und Frischoperierte durch den Klimawandel gefährdet. Auch für ältere Menschen ist die zunehmende Sommerhitze ein gesundheitliches Problem.

"Natürlich strengt einen das an, wenn es so warm ist, wenn man schlecht Luft bekommt. Ich bin ja auch fast 80 Jahre jetzt alt. Also ich steck jetzt auch nicht mehr alles so leicht weg."
 
Deshalb hat diese Hamburger Seniorin auch Vorsorge getroffen. Den entscheidenden Tipp hat sie von ihrem Hausarzt: "Ich habe eine Klimaanlage hier zu Hause. Die hole ich dann aus der Garage hoch oder lass die hochholen und stellt die Klimaanlage an, hier im Wohnzimmer. Und dann kann ich das wunderbar aushalten und mein Hund auch."

Gerade für ältere Menschen und Lungenkranke kann so eine Anlage segensreich sein. Da sollte man auf den Rat des Hausarztes hören. Denn andererseits gelten Klimaanlagen, wegen ihres hohen Stromverbrauchs, auch als Klimakiller.

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